Schulterproblematik bei Querschnittlähmung

Die Schulter ist der sogenannte Motor eines jeden Rollstuhlfahrers, denn hier findet die Kraftübertragung über die Arme und Hände auf die Antriebsräder des Rollstuhls statt. Den Verlust des Gehens kompensieren folglich die Schultern des Rollstuhlfahrers.

Bild 91893314 copyright Alice-Day, 2013 Mit Genehmigung von Shutterstock.com

In der Evolutionsgeschichte der Menschen hat sich das Schultergelenk mit der Entwicklung des aufrechten Gehens aus dem Vierfüßler deutlich zurückgebildet und ist deshalb diesen Belastungen auf Dauer nicht gewachsen. Wenn man das Schultergelenk anatomisch betrachtet, ist dies auf einen Blick nachvollziehbar. Es gibt nicht nur zwei Gelenkpartner wie bei unserem Hüftgelenk, Hüftpfanne und Oberschenkelkopf, sondern neben dem Oberarmkopf und der winzigen Schultergelenkspfanne begrenzen das knöcherne Schulterdach und der Rabenschnabelfortsatz das Schultergelenk. Das Hüftgelenk ist also durch seine Form geführt, das Schultergelenk ist durch die Muskulatur geführt. Dadurch ist das Schultergelenk deutlich beweglicher als das Hüftgelenk.

Die Belastungen der Schulter eines Rollstuhlfahrers entstehen im Wesentlichen durch muskuläres Ungleichgewicht, schlechte Sitzhaltung und damit schlechte muskuläre Anbindung der Schulter an den Rumpf, Antreiben des Rollstuhls, Transport des gesamten Körpergewichts bei den Transfers, Erreichen von Gegenständen des täglichen Lebens nur in oder über Kopfhöhe, Heben von Lasten auf Brusthöhe und darüber.

Die Auswirkung dieser starken Belastung führt meist zu einer Verdickung der Sehne des Musculus Supraspinatus (Supraspinatus-Sehne). Der Musculus Supraspinatus liegt oberhalb der Gräte des Schulterblatts, geht unter dem Schulterdach hindurch seitlich an den Oberarmkopf. Er ist für das Abspreizen und Anheben des Oberarms und die Spannung in der Kapsel des Schultergelenks verantwortlich. Bei Verdickung dieser Sehne kommt es gleichzeitig zu einer starken Verengung in dem tunnelartigen Raum unterhalb des Schulterdaches (subacromialen Raum). Da sich auch die lange Sehne des Musculus Biceps brachii longus und der Schleimbeutel in diesem subacromialen Raum befinden, sind diese ebenfalls betroffen. Die Sehne des Musculus Supraspinatus wird in diesem Engpass zunehmend eingeklemmt und die Funktion des Schultergelenkes beeinträchtigt. Die Ärzte sprechen von einem Impingementsyndrom (Impingement=Einklemmen). Dieses Impingementsyndrom kann bei Fortbestehen zu Sehnenanrissen bis hin zu -abrissen führen.

Einer Überbeanspruchung kann einerseits entgegengewirkt werden durch Reduzierung der Belastung, d.h. durch ökonomische Fahrtechnik in Kombination mit der optimalen Sitzposition, durch Vermeiden von Arbeiten über Schulterniveau und Heben von Lasten über Brusthöhe. Andererseits reduziert auch eine gut trainierte und dehnfähige Schultermuskulatur die Überlastung. Auch durch den adäquaten Einsatz von Hilfsmitteln z.B. einer Rollstuhlverladehilfe im Auto oder einem Badewannenlift kann die Überlastung reduziert werden. Vor allen Dingen mit zunehmendem Lebensalter sollten diese frühzeitig zum Einsatz kommen.

In der Physiotherapie gibt es abhängig vom Befund zahlreiche Techniken zur Entlastung der Schulterstrukturen wie z. B. Thermo-/Kryo-Therapie, verschiedene Formen der Elektro-Therapie (Ultraschall, Iontophorese, TENS), Manuelle Therapie, Deep Friction, Kinesio-Tape, Aktivierung muskulärer Koordinationskomplexe (Vojta-Therapie), entlastende Übungen, Kräftigung einzelner Muskelgruppen. Nicht zu vergessen ist in diesem Rahmen auch das „Überprüfen“ von ADLs, Rollstuhlantreiben etc. im Sinne von Belastung reduzieren. Denn sehr häufig schleichen sich über die Jahre Bewegungen und Abläufe ein, die eher schulterbelastend als -entlastend sind.

Querschnittgelähmte Menschen sollten bei allen ADL-Aktivitäten möglichst darauf achten, dass sie immer über die Arme stützen und sich niemals ziehen, d.h. niemals einen Galgen benutzen oder sich am Autodach hochziehen. Denn dabei würde während des Transfers mindestens das halbe Körpergewicht nur an den ca. 15 Schultermuskeln hängen. 

Folgende Symptome weisen auf eine überlastete Schulter hin: Schmerzen in der Schulter, die insbesondere nachts auftreten, sowie beim Anheben des Armes, aber auch stechende Schmerzen, die bis in den Oberarm ausstrahlen können.

Beim Auftreten der Schmerzen sollten Betroffene sich baldmöglichst von einem erfahrenen Orthopäden untersuchen lassen. Aus der manuellen Untersuchung und einer Magnetresonanztomographie (MRT) der Schulter kann der behandelnde Arzt eine sichere Diagnose stellen.

Zur Vermeidung der Überbelastung können sich die Betroffenen an erfahrene Physiotherapeuten oder Sporttherapeuten wenden. Eine weitere Möglichkeit sind spezielle Schulterkurse, die z. B. hier angeboten werden. Hier werden die Betroffenen umfassend über die Anatomie, die Funktionsweise der Schulter, die Belastungen und damit auch Entlastungsstrategien informiert und erarbeiten sich ein kleines persönliches Workout für zu Hause zur Kräftigung und Erhaltung der Dehnfähigkeit der Schultermuskeln.

Die Erfahrung aus solchen Schulterworkshops und die Rückmeldungen der Teilnehmer zeigen in aller Deutlichkeit, dass ein gewisses Maß an Training und Entspannung der Schultermuskulatur sich positiv auf die Beweglichkeit und die Reduzierung der Schmerzen auswirkt. Deckungsgleich dazu ist die Schlussfolgerung einer preisgekrönten Studie aus dem Jahr 2010, veröffentlicht im „Journal of Bone and Joint Surgery“, in der Dr. Akbar (Universitätsklinik Heidelberg, Departement Unfallchirurgie, Orthopädie und Paraplegiologie) die Wichtigkeit einer gezielten Kräftigung der Schultermuskulatur betont, um den Verschleiß der Sehnen zu verringern und die Zeit bis zum Sehnenabriss zu verlängern.

Das sollte Motivation genug sein, dass sich jeder Betroffene angesprochen fühlt, seine Schultermuskulatur gezielt zu trainieren.

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