Musiktherapie – Der Klang des Unaussprechlichen

„Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.“ Dieses Zitat des französischen Schriftstellers Victor Hugo fasst in einem Satz zusammen, worum es bei der Musiktherapie geht. Nach einer traumatischen Querschnittlähmung kann das Unvermögen über die eigene Situation zu sprechen und der dringende Wunsch es doch zu tun, den Betroffenen innerlich zerreißen. Die Musik kann helfen, das Unaussprechliche auszudrücken und neuen Lebensmut zu finden.

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Musiktherapie ist der gezielte therapeutische Einsatz von Musik zur Wiederherstellung bzw. zur Erhaltung und Förderung der seelischen, körperlichen und geistigen Gesundheit. Sie wird, in Abgrenzung zur pharmakologischen und physikalischen Therapie, der Psychotherapie zugeordnet (DMtG). Musiktherapie kann einzeln oder als Gruppentherapie durchgeführt werden, aktiv (durch selber Musizieren) oder passiv (durch Musik hören). Im Falle einer traumatischen Querschnittlähmung wird die Musiktherapie vornehmlich unterstützend bei der psychologischen Verarbeitung des Schocks eingesetzt.

Wirkungsweise der Musiktherapie

Musik kann emotional anrühren und auf diesem Weg helfen, Ereignisse – ggf. auch verdrängte Begebenheiten – ins Bewusstsein zu rufen, um so eine Verarbeitung möglich zu machen. Zudem hat die Musiktherapie im Rahmen einer ganzheitlichen Rehabilitation nach einer Querschnittlähmung „das Ziel, Körper, Sinne, Gefühle, intellektuelle und geistige Fähigkeiten zusammenwirken zu lassen. Musik ist ein geeignetes Medium auf der Suche nach der inneren Quelle der Freude und Kraft. Sie kann helfen, Unaussprechbares auszudrücken, Schmerzhaftes wahrzunehmen und anschließend in Worte zu fassen.“ (Zäch/Koch, 2006)

Während, aber auch nach der Aufarbeitungsphase des akuten Traumas, kann die Musiktherapie:

  • Zur Entwicklung und Förderung der Persönlichkeit beitragen
  • Prozesse des täglichen Lebens in Bewegung setzen
  • Stress und Anspannung reduzieren
  • Schmerzen verringern oder erträglicher machen
  • Ein neues Ich-Gefühl erzeugen
  • Konzentration und Aufmerksamkeit schulen
  • Den Umgang mit Mitmenschen erleichtern

Aktive und rezeptive Musiktherapie

Man unterscheidet die aktive und die rezeptive (passive) Musiktherapie, die sich in der Anwendung und teilweise auch in der Zielsetzung unterscheiden.

Bei aktiver Musiktherapie experimentiert der Betroffene auf einem oder mehreren Instrumenten mit Melodien, Rhythmen oder anderen Klangformen, wobei vorwiegend Percussions (Rhythmus- und Schlaginstrumente) eingesetzt werden. Bei einer Gruppentherapie kommt es besonders darauf an, ein gemeinsames Musizieren zu erreichen, bei dem jeder Einzelne sich und seine Ideen einbringt und durch Zuhören und Eingehen auf die Mitspieler ein harmonisches Klanggefüge entsteht.

Bei der passiven Musiktherapie hören der Betroffene und der Therapeut gemeinsam Musik, die emotional anrührend und daher individuell angepasst sein soll. Der Therapeut arbeitet mit dem, was der Patient an Empfindungen, Gedanken und Bildern schildert, die die Musik in ihm auslöst. Die Verarbeitung eines erlittenen Traumas – egal wie lange es zurückliegt – steht hierbei im Fokus der Musiktherapie.

Musiktherapie in der Traumaverarbeitung

Im Schweizer Paraplegiker Zentrum in Nottwil wird die Musiktherapie in der Traumaverarbeitung nach einer unfall- oder krankheitsbedingt eingetretenen Querschnittlähmung eingesetzt.

  • Stabilisierung nach einem erlittenen Trauma
    Die Musiktherapie soll helfen, das innere Gleichgewicht zu erlangen, und die Selbstheilungskräfte fördern. Die strengen und anspruchsvollen Anforderungen der Rehabilitation müssen gemeistert und hierfür alle inneren Ressourcen mobilisiert werden. Die Vibrationen, die mit der Musik durch den ganzen Körper fließen, können dazu beitragen, ihn zu beleben, zu nähren, zu kräftigen und (wieder) bewusst wahrzunehmen. Idealerweise spielt während Sitzungen in der Stabilisierungsphase der Therapeut selbst auf einem Instrument, um die Stimmung der Musik an die sich im Verlauf der Sitzung verändernde Stimmung des Patienten optimal anpassen zu können.
    Eine andere Möglichkeit ist sich mit der Musik auf eine Art Traumreise an einen Ort zu begeben, der ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit vermittelt. Diesen sogenannte „safe place“ sollte der Patient so genau und detailliert wie möglich beschreiben, da er sich hierher in den folgenden Phasen der Traumaverarbeitung innerlich zurückziehen können sollte, um sich zu erholen und zu stabilisieren.
  • Begegnung mit dem Trauma
    In dieser Phase sollte der Betroffene innerlich bereits so gestärkt sein, dass er sich dem Schmerz, der Trauer und den Konsequenzen des erlittenen Traumas stellen kann. Dies geschieht mit Hilfe der Musik, deren Klänge distanzierend zwischen Mensch und Schmerz stehen.
    Der Betroffene nimmt eine aktive, handelnde Rolle ein, indem er mit Instrumenten als Träger und Projektionsfläche das darstellt, was ihn belastet. Dadurch kann das Schmerzhafte Gestalt bekommen und zu einem Gegenüber werden, gegen das man sich wehren kann. Zudem können Gefühle auf diese Weise besser wahrgenommen, gelebt und letztendlich kommuniziert werden.
  • Integration und Neuorientierung
    Mit den Folgen einer traumatischen Querschnittlähmung zu leben, kann durch Musiktherapie erleichtert werden, indem sie dem Betroffenen hilft, die eigenen Grenzen und Möglichkeiten auszuloten und Verhaltens- und Denkweisen zu erkunden. Gleichzeitig kann das innere Geschehen wahrgenommen und gestalterisch ausgedrückt werden.

Musik für den Hausgebrauch

Musiktherapie im eigentlichen Sinne erfolgt wie beschrieben unter Anleitung eines erfahrenen Therapeuten und in Kombination mit anderen rehabilitierenden Maßnahmen, um eine optimale Wirkung zu erzielen. Musik lässt sich aber auch sehr gut im Privatleben wohltuend einsetzen.

Musik, etwa klassische Musik oder Lieblingsstücke, hören kann

  • Stimmungsschwankungen regulieren und/oder
  • Positive Erinnerungen und Gefühle hervorrufen.

Aktives Musizieren kann eine

  • Beruhigende
  • Entspannende
  • Stimmungshebende und/oder
  • Konzentrationsfördernde

Wirkung haben (AOK, 2014).

Singen kann

  • Entspannen
  • Die Laune verbessern
  • Die Atmung vertiefen

Für Details zum Singen siehe: Singen: Quelle der Kraft für Körper und Geist

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