Disability Studies: Menschen mit Behinderung erforschen sich selbst

Die Lebensbedingungen behinderter Menschen studieren: Das tun vorwiegend Menschen ohne Behinderung, schon allein, weil sie zahlenmäßig überlegen sind. „Wir forschen selbst“ setzt eine Gruppe aus behinderten Wissenschaftlern dagegen. Der „Arbeitsgemeinschaft Disability Studies in Deutschland“ gehört auch Swantje Köbsell an, die uns erklärt hat, warum die klassische Reha-Wissenschaft neue Impulse braucht.

SH-105138869 Zerbor-gross

Menschen mit Behinderungen sind nicht erst seit gestern Gegenstand der Forschung. Im Vergleich zu herkömmlichen Rehabilitationswissenschaften ist der Zweig der Disability Studies aber recht neu. Als Gegenentwurf zu einer vorwiegend medizinischen Sichtweise auf Behinderung, die vor allem deren Heilung fokussiert, entstanden sie Anfang der 80er-Jahre aus der Behindertenbewegung in Großbritannien und den USA. Betroffene forderten einen Perspektivenwechsel, der die komplexen Beziehungen zwischen dem Phänomen der Behinderung und beeinflussenden gesellschaftlichen Faktoren nicht länger ausklammern sollte.

In Deutschland gründete sich erst 2001 eine Arbeitsgemeinschaft aus Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftlern und anderen Interessierten, die selbst von einer Behinderung betroffen sind und sich beruflich mit den Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderung auseinandersetzen. Dabei rücken sie „behindernde“ gesellschaftliche Strukturen in den Mittelpunkt und fragen danach, wie diese zu knacken sind. „Behinderung ist ein Wechselspiel von Beeinträchtigung und Barrieren“, sagt Swantje Köbsell, die seit April 2014 eine Professur für Disability Studies an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin hat.

Frau Prof. Köbsell, wozu braucht es Disability Studies?

Solange es noch offensichtlich ist, dass Menschen ausgegrenzt werden, brauchen wir einen Diskurs, in dem die Perspektive von Menschen mit Behinderung nicht fehlen darf. Es geht in den Disability Studies darum, Behinderung als Ergebnis eines gesellschaftlichen Konstruktionsprozesses zu verstehen, ein Bewusstsein in der Gesellschaft dafür zu schaffen und so letztlich auch Barrieren abzubauen. Behinderung entsteht erst, wenn Barrieren da sind.

Aber die Behinderung ist doch da und wird nicht erst von Nicht-Behinderten konstruiert?

Beeinträchtigungen sind nicht wegzudiskutieren, aber Behinderung ist immer ein Wechselspiel von Beeinträchtigung und Barrieren. In einem sozialen Modell von Behinderung geht man davon aus, dass die Erfahrung von Behinderung für verschiedene Menschen, auch wenn sie ganz ähnliche medizinische Ausgangslagen haben, sehr unterschiedlich ausfallen kann. Entscheidend sind soziale, politische, ökonomische oder auch kulturelle Kontextfaktoren. Ein Gebirge können Sie natürlich nicht verrücken, damit ein Rollstuhlfahrer weiterkommt. Es geht aber um die Dinge, die man ändern kann: zu allererst Einstellungen, Bilder in den Köpfen, Zutrauen …

Was sollte sich konkret daran ändern?

Nehmen wir die Bilder in den Medien: Ich erinnere mich an einen Spot für Mc Donald`s, der mir 1984 in den USA auffiel. Da stürmte eine Schulklasse ein Lokal und mittendrin war eine Schülerin im Rollstuhl. Sie ging unter in der Vielfalt der Kinder, ganz unaufgeregt. Wenn Sie bei uns eine Person im Rollstuhl im Fernsehen sehen, dann passiert das nie mit dieser Selbstverständlichkeit. Dabei ist die mediale Berichterstattung ganz entscheidend für ein allgemeines Bewusstsein. Interessant in diesem Zusammenhang ist die Arbeit von leidmedien.de, die z. B. darauf aufmerksam machen, dass Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer in den Medien entweder „an den Rollstuhl gefesselt“ dargestellt sind oder als Helden, die trotz ihres schweren Schicksals Meisterleistungen vollbringen. Das sind die Konstrukte, an denen wir rütteln.

Warum passiert das in einer eigenen Disziplin und nicht innerhalb der herkömmlichen Reha-Wissenschaft?

Momentan gibt es aus meiner Sicht noch wenig Berührungspunkte. Die Sichtweise auf Behinderung ist in den klassischen Reha-Wissenschaften nach wie vor sehr medizinisch, es gibt kein allzu großes Interesse von dem Ansatz „über“ zu einem „mit“ zu gelangen und die Perspektive der Betroffenen einzubeziehen.

Wie beurteilen Sie ganzheitliche Ansätze zum Umgang mit Behinderung wie zum Beispiel das Konzept der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF)?

Es ist auf jeden Fall eine Verbesserung der Vorgängervariante und knüpft an die Ziele der UN-Behindertenrechtskonvention (BRK) an. Hier haben sich auch behinderte Menschen eingebracht. Die BRK beinhaltet in Artikel 6 auch die besondere Stellung von behinderten Frauen. Das ist nur auf Initiative von behinderten Frauen hin passiert. Bei Gesetzen sind die Formulierungen in der Regel geschlechtslos, dabei sind Frauen und Mädchen mit Behinderung gleich mehrfacher Diskriminierung ausgesetzt. Entscheidend ist letzlich, dass die Betroffenen mit einbezogen werden, und ob die jeweiligen Forschungen und Ansätze zur Verfestigung eines Bildes von Behinderung als fremd, anders etc. beitragen oder zur Emanzipation von solchen Bildern.

Was wollen Sie als Vertreterin der Disability Studies neben einem veränderten Bewusstsein noch erreichen?

Über allem steht, die Teilhabe zu verbessern. Viel mehr könnte zum Beispiel über`s Persönliche Budget laufen, weil das Unabhängigkeit und Selbstbestimmung unterstützt. Dazu brauchen wir viel mehr Menschen, die angemessen darüber informieren. In der Ausbildung von Sozialarbeitern und Sozialarbeiterinnen, Lehrerinnen und Lehrern etc. müsste sich viel ändern. Zum Teil herrscht doch noch immer der Blick auf „das Schreckliche“ vor, davon müssen wir wegkommen und zeigen, wie das Leben von Menschen mit Behinderung auch sein kann.
Politisch tragen z. B. die behinderten Juristinnen und Juristen im „Forum behinderter Juristinnen und Juristen“ (FbJJ) zur Verbesserung der Situation bei. Und die Disability Studies gibt es inzwischen mit vier Professuren an deutschen Hochschulen (Universität zu Köln, Evangelische Fachhochschule Bochum, Humboldt Universität Berlin, Alice-Salomon-Hochschule Berlin). Das ist noch ein zartes Pflänzchen innerhalb der Forschung, aber wir bleiben dran.

 

Swantje Köbsell

Swantje Köbsell

 

 

 

 

 Weitere Informationen:

 www.disabilitystudies.de

www.disability-studies-deutschland.de

 

 

 

 

 

Fragen & Kommentare

Fragen & Kommentare zu diesem Artikel


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu hinterlassen.

Zur Registrierung geht es hier lang.