„Reset – Zurück ins Leben“ – RTL-Doku mit Markus Holubek

„Gelähmt sind wir nur im Kopf“ verkündet RTL-Journalist und Mentaltrainer Markus Holubek und 100.000 Menschen in Deutschland atmen erleichtert auf: „ Ah, Gott sei Dank. Wir dachten schon, wir hätten was Ernstes …“

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Wieder einmal betritt Markus Holubek die Bühne und wieder einmal werden die Medien Fußgänger-Deutschland den Eindruck vermitteln, dass eine Querschnittlähmung abgelegt werden kann, wie eine alte Jacke. Wenn man sich nur genug anstrengt, wenn man den „eisernen“ Willen dazu hat. Und natürlich, dass ein Leben im Rollstuhl nicht lebenswert ist.

RTL schreibt in einer Programmankündigung: „In der neuen RTL-Langzeit-Doku „Reset – Zurück ins Leben“ kämpfen querschnittsgelähmte (sic.) Menschen darum, im wahrsten Sinne des Wortes wieder auf die Beine zu kommen. Unterstützt werden sie von Markus Holubek, der das gleiche Schicksal durchlitten hat und heute wieder gehen kann. Ein Jahr lang hat Journalist und Mentaltrainer Markus Holubek die beiden Querschnittsgelähmten Dennis und Birgit begleitet. Zusammen werden sie versuchen, das Unmögliche möglich zu machen: raus aus dem Rollstuhl, zurück ins Leben! Doch dafür müssen sie trainieren, arbeiten, noch mehr trainieren und stark sein. Es wird die härteste Prüfung, der sie sich jemals gestellt haben. Und die emotionalste Reise ihres Lebens. In Deutschland leben rund 100.000 querschnittsgelähmte Menschen, die im Rollstuhl sitzen. Ob durch einen tragischen Unfall oder eine mysteriöse Krankheit, sind sie von heute auf morgen querschnittsgelähmt. Ihnen wurde das genommen, wovon sie bisher dachten, es sei das Natürlichste auf der Welt: die Fähigkeit zu Laufen.“ (RTL, 2014)

Für so manchen Betroffenen sind derartige Formulierungen schon hart an der Kotzgrenze, aber das muss okay sein, denn Querschnittgelähmte sind gar nicht die Zielgruppe solcher Sendungen. Sie könnten und sollten es sein – über Therapiemöglichkeiten im In- und Ausland und die Fortschritte in Forschung und Entwicklung zur Behandlung von Rückenmarksverletzungen informiert zu werden, ist durchaus wichtig für Rollstuhlfahrer – doch 100.000 Menschen sind kein „Markt“. Und auf RTL wird auch nicht informiert; es werden Märchen erzählt. Zielgruppe ist demnach der erschreckend hohe Bevölkerungsanteil, der solche Formate schätzt.

Opfer und Helden

Holubek eilt in „Reset – Zurück ins Leben“ der krankheitsbedingt gelähmten Birgit und dem unfallbedingt komplett querschnittgelähmten Dennis zu Hilfe und unterstützt die beiden bei ihrem Kampf „raus aus dem Rollstuhl, zurück ins Leben“.

Unterstellt wird hierbei ganz selbstverständlich, dass ein Leben im Rollstuhl gar kein Leben ist. Die meisten Querschnittgelähmten würden wohl widersprechen. Das sollen sie aber nicht, denn eine gute Geschichte braucht Opfer. Und Helden.

„Gelähmt sind wir nur im Kopf.“ – RTL über Holubek

„Er (Holubek) brach sich bei einem folgenschweren Skiunfall 2007 die Wirbelsäule und war danach querschnittsgelähmt*. Doch mit starkem Willen und zielgerichtetem Training gelang ihm, was kaum jemand schafft: Sich wieder aus dem Rollstuhl zu befreien und ein zweites Mal Laufen zu lernen. Mit einer speziellen Therapie will der Mentaltrainer anderen Querschnittsgelähmten ebenso helfen. Seine These: Gelähmt sind wir nur im Kopf.“ (RTL, 2014)

Wenn es darum geht anderen Querschnittgelähmten zu helfen, besteht Holubeks Leistung darin, über bestehende Rehabilitationsangebote zu informieren, den Kontakt zu Therapeuten herzustellen, zu trainieren und zu motivieren. Er sagt: „Ich begleite die Betroffenen ab ihrer Rehazeit und vor allem, wenn die Förderung der Krankenkassen meist nach 18 Monaten endet. Multiple-Sklerose-Kranke kommen leider oft später, wenn die Ausfälle schon sehr stark geworden sind. Wenn ein Gelähmter noch irgendetwas unterhalb der Läsion oder des Bruchs im Rücken bewegen kann, und das sind die meisten, dann beginnt meine Arbeit. Ich motiviere, suche und finde entscheidende Fehler im ‚System Patient‘. Zusammen mit Ärzten, Physiotherapeuten und Orthopädie-Technikern entwickle ich Trainings- und Ernährungspläne, manage Krisen, die es immer in der Rehaphase gibt.“ (RTL, 2014)

Auf die Frage, ob jeder Querschnittgelähmte die Gehfähigkeit zurückgewinnen kann, sagt Holubek: „ Nein! Aber theoretisch könnten viel, viel mehr Betroffene zurück auf die Beine finden. Über die Hälfte aller Patienten, die sich bei mir vorstellen, fallen darunter. Das Problem ist, dass die Medizin wenige positive Erfahrungen mit Gelähmten gemacht hat. Nur wenige Ärzte kennen Patienten, die es geschafft haben. Und noch weniger Ärzte haben so einen Gelähmten erfolgreich therapiert.“(RTL, 2014)

Wieder gehen können. Und weiter?

Die Zuschauer von „Reset – Zurück ins Leben“ werden also mit ansehen, wie zwei Querschnittgelähmte darum kämpfen, den Rollstuhl wieder verlassen zu können. Aber werden sie auch erfahren, was die Diagnose Querschnittlähmung noch alles bedeutet? Wird Birgit über ihre (vielleicht vorhandene) Blasen– und Darminkontinenz sprechen? Oder Dennis über seine (eventuell gegebene) erektile Dysfunktion? Werden Themen wie Spastik oder Druckstellen angesprochen werden? Oder neuropathische Schmerzen, die einem wirklich den Tag versauen können?

Natürlich löst das Wiedererlangen der Gehfähigkeit einige Probleme – von der eingeschränkten Mobilität in einem Land, in dem Barrierefreiheit noch viel zu oft ein Fremdwort ist, bis hin zum Unvermögen, sich mit anderen auf Augenhöhe unterhalten zu können – aber eben nicht alle! Gelähmt sind wir nicht „nur im Kopf“. Gelähmt sind wir von der Läsionshöhe abwärts. Manchmal inkomplett. Und dies räumt auch Holubek –  für jene die den Hinweis verstehen – auf seiner Homepage ein: „Nichtsdestotrotz fehlen mir meine Unterschenkel, Gesäßmuskulatur, Enddarm- und Blasenmuskeln.“ (Holubek, 2014)

Sehn oder nicht sehn?

Holubek vertritt die Ansicht, dass Therapiemöglichkeiten nicht ausreichend bekannt und daher für Betroffene nicht zugänglich sind. Damit könnte er durchaus Recht haben – Beispiele gibt es dafür genügend – und umso wichtiger ist es, diese Informationen zu den Menschen zu bringen, die sie brauchen.

Sicher ist Holubek eine starke Persönlichkeit und was er nach seinem Unfall erreicht hat ist großartig. Was er zu bieten hat könnte dem Einzelnen helfen; was er zu sagen hat könnte stimmen. Aber wenn Querschnittgelähmte sich von RTL erst einmal haben erklären lassen müssen, dass ihr Leben nicht lebenswert ist, verlieren die Informationen durch diese menschenverachtende Verpackung derart an Wert, dass sie nicht ankommen. Vielmehr verhält es sich damit wie mit einem Chardonnay, der in einer Bettpfanne kredenzt wird. Viele potentiell Interessierte lehnen ab, ohne probiert zu haben. Was hier vielleicht ein Fehler ist.

Sendetermine „Reset – Zurück in Leben“ auf RTL

Sonntag, 25. Mai, 19:05 Uhr Sendung verpasst? Hier geht es zu Folge 1 (Dennis): Reset – Folge 1

Sonntag, 01. Juni, 19:05 Uhr Sendung verpasst? Hier geht es zu Folge 2 (Birgit): Reset -Folge 2

 

*Anmerkung von Der-Querschnitt.de: Holubeks Querschnittlähmung ist inkomplett, seine Läsionshöhe L1.

Fragen & Kommentare

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  1. Robert Klemps 10.02.2015, 13:22 Uhr

    Ja mei, schafft es Holubek, einen QS-Patienten auf die Beine oder „ins Leben“ zu bringen, ist es egal, wie er es nennt.

    Es ist zweifellos ein großer Erfolg für den Betroffenen und auch für Holubek und sicherlich wiederholungsbedürftig.

    Schaffen es die sog. Bedenkenträger mit ihrer sauertöpfischen Befindlichkeit, bei einem nicht-lauffähigen QS-Patienten Zweifel zu sähen und ihn wirksam von Holubeks Angeboten abzuhalten, ist das ein Misserfolg.

    So einfach ist das!

    Holubek vorzuhalten, dass er sich in erster Linie auf die Laufmobilität konzentriert und bei allen weiteren QS-spezifischen Probleme nicht helfen kann, ist auch nicht hilfreich, zumal er ja gar nichts weiter versprochen hat.

    Ich wünsche ihm jedenfalls weiterhin viel „Zulauf“ & Erfolg.

  2. Peter Reichert 17.06.2014, 09:44 Uhr

    Super Artikel von Tanja Konrad. Einschaltquoten. Nur um das geht es. Emotionen und „Wunder“ lassen sich gut vermarkten. Und wenn dann noch ein Märchenerzähler wie Holubek Stehaufmännchen vorführt, glotzt die RTL-Gemeinde voller Mitgefühl, drückt die Daumen, sieht den Messias zurück und resultiert: die anderen kriegen den Arsch nicht hoch.

  3. Andrea Bender 09.06.2014, 14:02 Uhr

    Also, ich habe mir die „Doku“ jetzt mal angesehen und muß sagen, es ist genau so wie ich erwartet habe. Sehr schade. Ich wünsche, RTL hätte sich auf diese Therapie konsentriert, die interessant scheint. Vielleicht wäre das ja mal ein Thema…
    Mit freundlichen Grüssen,
    Andrea

    • Tanja Konrad 11.06.2014, 08:25 Uhr

      Guten Tag Andrea,
      wir vermuten Sie beziehen sich auf die operative Methode, der Dennis sich unterzieht. Sie wird derzeit ausschließlich von Prof. Marc Possover an der Hirslanden-Klinik in Zürich vorgenommen. Die Behandlungsmethode ist derzeit nicht mit Studien belegt und in Fachkreisen umstritten. Da uns keine detaillierten Kenntnisse zur Methode vorliegen, können wir derzeit nur auf die Webseite von Prof. Possover verweisen: http://www.possover.com.
      Viele Grüße
      Tanja Konrad

  4. rolliguenni 26.05.2014, 19:49 Uhr

    Mich hat es sehr geärgert, daß in der Sendung es so kommuniziert wurde als ob man im Rollstuhl nicht alleine/selbstständig Leben kann. Kann nur zustimmen, dass dies teilweise als Diskriminierung von Querschnittgelähmten verstanden wird. Ich habe es jedenfalls als Diskriminierung empfunden. Bin auch gespannt ob über die wirklichen Probleme, als Querschnittgelähmter, in der Sendung auch gesprochen wird. Die Fortbewegung ist sicher ein Aspekt, zählt für mich selbst jedoch nicht so stark wie die restlichen Probleme. Für mich stellt sich auch die Frage wie häufig und wie lange hier immer trainiert wird. Wie finanziert der Betroffene seinen Lebensunterhalt? Naja ich war über die Art und Weise der Darstellung sehr verärgert.
    Aber RTL hat ja auch nicht Interesse an den wirklichen Problemen. Sie brauchten offenbar so einen Showmaster wie Herrn „Holubek“.
    Mit den besten Grüßen

    „Rolliguenni“