Über Sexualität sprechen – Eine Anleitung

Wie geht Sex im Rollstuhl? Darüber machen sich die meisten Menschen nur dann Gedanken, wenn sie selbst oder der Partner bzw. die Partnerin betroffen sind. Je nachdem wieviel Wert man auf Sexualität legt, kann diese Frage von großer Bedeutung sein. Und die Antwort ist alles andere als pauschal.

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In einer Partnerschaft – unabhängig davon ob die Beziehung schon vor Eintritt der Querschnittlähmung bestanden oder das Paar erst danach zueinander gefunden hat – sollte das Thema Intimität ohne Scheu diskutiert werden können. Leider ist dies nur allzu oft nicht der Fall. Von den Medien wird das Tabu Sexualität zu fast jeder Tages- und Nachtzeit gebrochen, doch in den Köpfen der meisten Menschen ist nach wie vor fest der Grundsatz verankert, dass wohlerzogene Leute über Sex nicht zu sprechen haben. Was schlecht ist, denn Offenheit und Kommunikation sind Tor und Schlüssel zu einer befriedigenden Sexualität.

Querschnittlähmung ist kein Keuschheitsgürtel

Mit jedem neuen Partner ist Sex anders. Wenn der neue Partner querschnittgelähmt ist, trifft dies ebenso zu. Und bringt noch einige Aspekte mit sich, die für Menschen, die mit dem Thema Querschnittlähmung und ihren Konsequenzen nicht vertraut sind, völlig neu sein dürften.

Das Ausmaß einer sexuellen Funktionsstörung bei Querschnittlähmung ist sehr individuell und hängt von der Läsionshöhe und davon ab, ob die Lähmung komplett oder inkomplett ist. Die Fragen, was für den Einzelnen also sexuell noch möglich ist und was nicht, was als angenehm empfunden wird und was nicht (mehr), kann nur der Betroffene selbst beantworten – weshalb es wichtig ist, diese Fragen auch zu stellen und sie offen zu beantworten. Im Idealfall kennen Querschnittgelähmte die Antworten, die sie persönlich betreffen, bereits wenn sie mit einem neuen Partner über Sexualität sprechen. Wenn die Verletzung neu eingetreten ist, können Paare die Antworten gemeinsam finden.

Keine pauschalen Antworten… auf u.a. folgende Fragen:

Themen, die Betroffene mit ihren Partnern/Partnerinnen besprechen sollten, sind z. B.:

  • Fragen zur Sexualfunktion und Fruchtbarkeit
  • Fragen zur Sensibilität
    • Wo empfinde ich es überhaupt berührt zu werden?
    • Wo empfinde ich Berührungen als angenehm und wo ggf. nicht?
    • Wo sind meine (neuen) erogenen Zonen?
  • Fragen zu Eventualitäten (wie Inkontinenz, Spastik, autonome Dysreflexie)
    • Was ist mit ableitenden Kontinenzhilfsmitteln? Sind sie rund um die Uhr notwendig? Wann nehme ich sie am besten ab?
    • Wie wahrscheinlich ist es, dass Spasmen oder eine autonome Dysreflexie auftreten? Wie soll man darauf reagieren?
  • Fragen zu Ersatzstrategien
    • Wenn so viele Funktionen beeinträchtigt sind, was bleibt denn dann noch?
    • Was für Hilfsmittel gibt es und wann und wie kann ich sie einsetzen?
    • Welche Stellungen funktionieren für mich besonders gut?

Wie sag ich’s meinem Partner?

Sexualtherapeut Stanley Ducharme hat folgende Tipps zusammengestellt, die hilfreich sein können, wenn Betroffene mit ihrem Partner über ihrer (veränderte) Sexualität sprechen:

  • Ehrlichkeit
    „Das wichtigste ist es ehrlich zu sein. Zögern Sie nicht über Ihre Ängste oder was Sie verunsichert zu sprechen. Dazu muss das Ego zur Seite geschoben und Platz für wahre Gefühle geschaffen werden. Tun Sie nicht so, als ob alles in Ordnung wäre, wenn das nicht stimmt.“ Zudem: „Wenn Sie noch nicht lange querschnittgelähmt und/oder sexuell aktiv sind, sagen Sie Ihrem Partner/Ihrer Partnerin, dass auch für Sie all diese Dinge noch neu sind und Sie möglicherweise nicht auf alle Fragen eine Antwort haben. Sehen Sie dies als Möglichkeit als Paar neue Wege zu gehen und genießen Sie diese gemeinsame Reise.“
  • Über sich selbst sprechen
    „Ja, es ist ein sehr persönliches Thema, also sprechen Sie über sich. Verwenden Sie Worte wie „Ich“ und „Mein/e“. Damit kommen Sie dem Partner/der Partnerin entgegen und das Gespräch bleibt auf einem vertrauten Niveau.“
  • Den richtigen Zeitpunkt finden
    „Sprechen Sie nicht erst in allerletzter Minute darüber wie ihr Körper funktioniert und was Ihr Sexualpartner tun kann oder zu erwarten hat. Auf Menschen, für die das Thema Querschnittlähmung neu ist, kann es ganz schön einschüchternd wirken. Aber erzwingen Sie das Gespräch nicht. Am einfachsten können Sie über sich und Ihre sexuellen Wünsche sprechen, wenn bereits eine harmonische emotionale Bindung zu Ihrem ggf. potentiellen Partner/Ihrer Partnerin besteht.“
  • Auf den Partner eingehen
    „Achten Sie auf die Reaktionen Ihres Partners/Ihrer Partnerin. Seien Sie offen für alle Fragen, die er/sie haben könnte. Dinge, die für Sie selbsterklärend sind, sind es für Ihr Gegenüber vielleicht nicht. Wie weit Sie in Ihren Ausführungen gehen, sollten Sie ebenfalls von den Reaktionen des Partners/der Partnerin abhängig machen und dessen/deren Bereitschaft Ihnen zuzuhören.“
  • In intimen Situationen sprechen
    „Haben Sie keine Angst davor Dinge zu sagen wie ‚Das fühlt sich gut an.“ Oder ‚Ich mag es, wenn Du mich hier berührst.‘ Schlagen Sie vor was Sie gemeinsam ausprobieren könnten und lassen Sie Ihren Partner/Ihre Partnerin wissen, was Sie genießen. Sagen Sie ihm/ihr nicht, dass er/sie etwas falsch macht.“
  • Die richtige Balance finden
    „Obwohl es wichtig ist, dass Sie mit Ihrem Partner/Ihrer Partnerin mögliche Positionen, Sensibilitätsstörungen und etwaige Kontinenzprobleme besprechen, sollten Sie nicht vergessen, über Emotionen zu reden. Sagen Sie, wie Sie sich mit Ihrem Partner/Ihrer Partnerin und Ihrer gemeinsamen Beziehung fühlen. Gestatten Sie sich selbst verwundbar zu sein.“ (Ducharme, 2011)

Rahmen und Zeitpunkt

Oft ist die erste größere Herausforderung, die das erste Gespräch über Sexualität mit einem neuen Partner betrifft,  den richtigen Zeitpunkt und den richtigen Rahmen dafür zu finden. Wann ist es zu früh? Wann zu spät? Auch hierfür gibt es kein Patentrezept; für ein Beispiel aus der Praxis siehe: Über Sexualität sprechen – Ein Erfahrungsbericht

Wieso ist es wichtig über Sexualität zu sprechen?

Es ist – Querschnittlähmung hin oder her – wichtig über Sexualität zu sprechen, weil ein Partner kaum erraten kann, was dem anderen gefällt. Weil es unrealistisch ist zu erwarten, dass er es kann. Und weil es zudem unfair ist. Die Verantwortung für die eigene sexuelle Erfüllung liegt bei jedem Einzelnen selbst. Diese Verantwortung dem Partner zu übertragen, wird in den seltensten Fällen zielführend sein. Nicht über die eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu sprechen, sondern zu hoffen, dass der Partner von alleine draufkommt, ist allerdings nur allzu verlockend – denn viele Menschen kennen sie selbst nicht. Speziell nach einer traumatischen Querschnittlähmung kann Sexualität zu einem Neuland werden, das entdeckt werden muss.

Ein weiteres Problem: Offene Kommunikation basiert auf Selbstwert, und der kann gerade bei einer Querschnittlähmung erheblich gelitten haben. Durch das (evtl. plötzliche) Anderssein fühlen viele Menschen sich ohnehin verwundbarer als andere, und nun sollen sie auch noch das Risiko eingehen sich angreifbar zu machen, indem sie über ihre sexuellen Wünsche reden. – Für viele ein Hindernis.

Hierbei kann es hilfreich sein sich selbst folgende Frage zu stellen: Wenn ich meinem Partner meine Wünsche nicht mitteilen kann, wem dann? Niemand würde auf die Idee kommen dem Partner zu verheimlichen, dass er Veganer oder Bayern München Fan ist. Beides sind Neigungen, die im ersten Moment vielleicht ein Stirnrunzeln hervorrufen – und dann zur Normalität werden. Beim Sex muss es nicht anders sein.

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