Auf einmal fliegt ein Pelikan vorbei – Kalifornien im Reisebericht

Kalifornien ist für Jan-Peter Börnsen the place to be. Immer wieder zieht es ihn in das weite Land mit den unbebauten Buchten und den grandiosen Kontrasten. Mit guter Organisation, beachtlichem Übergepäck und unbekümmerter Abenteuerlust bereist der Paraplagiker den Golden State im Wohnmobil.

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Dem Lehrbuch nach ist Jan-Peter Börnsen vollständig abhängig. Funktional mag das stimmen: Seine letzten funktionsfähigen Rückenmarkssegmente liegen im Hals, darunter geht nichts mehr. Bei einer Läsionshöhe C2/C3 spricht das Funktionsschema von einer 24-Stunden-Betreuung, Fahren im Elektrorollstuhl mit Mundbedienung und evtl. maschineller Unterstützung bei der Atmung. Was ist in so einer Situation eigentlich noch möglich? Mehr als man denkt, findet  Börnsen.

Wenn er nicht als Physiker arbeitet, bereist er die Welt, war in diesem Jahr schon in Israel, will im Herbst nach Barcelona und blickt auf sieben USA-Reisen zurück. Jedes Mal mit im Gepäck: seine Atem- und Abhustgeräte, eine Dekubitusmatratze, ein Toilettenstuhl und diverse andere Hilfsmittel zuzüglich drei Assistenten. „Ohne die ginge es nicht“, sagt Jan-Peter Börnsen „Man muss schon Leute dabei haben, auch wenn Amerika an sich sehr behindertengerecht ist.“ Seine Schwester samt Familie ist auch gern mit von der Partie.

Im Land der Orangen

Mit Hilfe seiner Assistenzkräfte kommt gut er in das riesige amerikanische Wohnmobil und in den sanitären Anlagen der Campingplätze zurecht. Im Campingpark „Orangeland“, wo man die Orangen einfach von den Bäumen pflücken kann,

Gruselnostalgie in den Universal Studios Hollywood

Gruselnostalgie in den Universal Studios Hollywood

hat er auch auf seiner letzten USA-Reise Station gemacht, mitten in Los Angeles. Von dort sind die Universal Filmstudios gar nicht weit, die Mutter aller Filmwelten. Der weiße Hai lebt hier wieder auf, ebenso die Dinos aus „Jurassic Park“ und viele andere Klassiker der Filmgeschichte. „Unterhaltung können die“, freut sich Börnsen, der die Universal Studios bei jedem Amerika-Trip im Programm hat. Die Trambahn, die die Besucher durch die Kulissen fährt, hat natürlich mehrere Plätze für Rollstuhlfahrer. So geht es z. B. mit der 3-D-Brille auf der Nase in einen Tunnel, in dem Dinos die die Bahn mächtig durchschaukeln und den Gästen ihren Speichel ins Gesicht blasen. Für entsprechende Erinnerungen in Form von Fotos und Filmen sorgt der Rest von Börnsens Mannschaft.

Eine liebenswürdige Mischung

19-Halloween geschwärzt neuEin schöner Schnappschuss ist auch an Halloween entstanden: der einer Hand, die mutmaßlich in das Innere eines Kofferraumes führt, wo der Rest der vermeintlichen Leiche sein trauriges Schicksal zu fristen scheint. „Überall liegen dann Körperteile rum, leicht blutig, versteht sich“, erzählt Börnsen. Mit Vergnügen bestaunt er Fantasie und Kreativität der Amerikaner, nicht nur zu ihren Volksfesten. Sehr liebenswürdig, lustig und hilfsbereit seien die Menschen gewesen, denen er begegnet ist. „Den Amerikaner gibt es natürlich nicht, es ist eine bunte Mischung.“ Den Alltag meisterten die Landsleute im Allgemeinen betriebsam, aber trotzdem locker. „Manchmal etwas weltfremd“, sagt Börnsen und meint das wörtlich, denn einige seien aus Amerika nie herausgekommen und hätten gelegentlich eine etwas verschwommene Vorstellung vom Rest der Welt. „Und immer gräbt jemand einen ‚deutschen‘ Verwandten aus, auch wenn der aus Venedig stammt.“

Schützenswerte Natur voller Kontraste

Seit 09/11 sei die Stimmung allerdings nicht mehr ganz so unbeschwert und offen, immer noch sehr freundlich, aber verhaltener, findet Börnsen und denkt dabei insbesondere an die Einreiseformalitäten. „Das Land hat sich ein bisschen zweigeteilt. Es gibt immer noch eine große Mehrheit an interessierten und weltoffenen Bürgern, doch gleichzeitig nimmt die Zahl der konservativen Gruppen zu, die Ideen wie dem ‚Intelligent Design‘ anhängen und die Wissenschaft aus ihrem Weltbild ausklammern wollen“, sagt er. „Religion und Philosophie sollten einen Platz in unserem Leben haben, doch dürfen sie uns nicht der Verantwortung entheben, die wir für diese Welt haben. Wenn man davon ausgeht, dass alles vorbestimmt ist, hält man natürlich auch so etwas wie Umweltschutz für überflüssig“.

Die Strelitzie wird auch Bird of Paradise oder Papageienblume genannt

Die Strelitzie wird auch ‚Bird of Paradise‘ oder ‚Papageienblume‘ genannt

Und so ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten auch in diesem Bereich für ihn gespalten. „Freunde von mir haben z. B. ihr Haus fast vollständig auf Solarstrom umgerüstet und entlang mancher Highways reiht sich ein Windpark an den anderen. Gleichzeitig findet man aber überall noch Sinnbilder der Verschwendung, wie z. B. die für Amerika typischen, riesigen Kühlschränke oder spritfressenden Autos, für deren Besitzer die Energieeffizienz ein Fremdwort ist.“

Zu schützende Flora und Fauna hat das Land reichlich: „Was die Natur hier bietet, ist irre“, schwärmt Börnsen. „Eine wunderschöne Steilküste, an der es Ihnen passieren kann, dass Sie plötzlich am Horizont einen Wal, ein Riesenviech, sehen – oder es fliegt auf einmal ein Pelikan vorbei, das bringt richtig Spaß.“ Die Kontraste seien grandios – Wüstenlandschaft und Pazifik, karge und üppig blühende Landstriche, Hitze und Kälte liegen hier dicht beieinander: „Der Porsche, der in der Wüste mit Skiern auf dem Dach an einem vorbeifährt, weiß schon, warum er die dabei hat.“

Zuhause auf Rädern

Im mobilen Zuhause geht es von einem Campingplatz zum nächsten, um immer gerade dort zu bleiben, wo es am schönsten ist. „Man kriegt mit, wie eng unsere Straßen sind“, sagt Börnsen, dessen Assistenten gute Autofahrer sein müssen, denn trotz der breiten kalifornischen Straßen und der Weite des Landes sei das Wohnmobil nicht immer ganz leicht zu manövrieren. In 1½ Stunden bekommen Mieter eine Einweisung in die Technik des Giganten. Platz für seine Gerätschaften hat der Rollifahrer hier; sein Atemgerät nutzt er nur nachts. „Früher habe in den USA die beste Spacherkennungssoftware gefunden, heute ist Europa gleichgezogen“, berichtet Jan-Peter Börnsen. Auch Fachbücher, die er in den 80ern noch im Koffer mit nach Deutschland brachte, sind durch die globalen Versandmöglichkeiten kein Thema mehr. Heute kauft Börnsen Klamotten. „Überall gibt es Rabatte, da kann man schon mal mehrere Hosen auf einen Schlag erstehen.“

Meist ist er im Frühjahr oder Herbst in Kalifornien unterwegs gewesen. „Mir tut das Klima einfach gut.“ Die nächste USA-Reise ist noch nicht in Planung. Elf Stunden Flug machen ihm mittlerweile zu schaffen, vor allem wegen des langen Sitzens in unveränderter Position und der Thrombosegefahr. Deshalb will Jan-Peter Börnsen sich aktuell vor allem in Europa ein bisschen umsehen. Die nächste Reise ist schon in Planung. – Wir hoffen, dass er uns auch von Barcelona wieder berichten wird.

 

JP Waterworld kleinJan-Peter Börnsen wurde 1962 in Hamburg geboren. Als Jugendlicher verletzte er sich während des Sportunterrichts bei einem Trampolinunfall schwer und behielt eine hohe Querschnittlähmung zurück. Er machte Abitur, studierte Physik und erhielt nach seiner Dissertation ein Forschungsstipendium am Hamburger Forschungszentrum Deutsches Elektronen-Synchrotron DESY.

Heute arbeitet er in der Physik nur noch auf privater Basis und hat das Projekt „Statement for peace“ ins Leben gerufen. Inspiriert von der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen, denen er auf seinen Reisen begegnet ist – unabhängig von Herkunft oder Weltanschauung –, möchte er damit ein Zeichen setzen für Vielfalt, Toleranz und ein friedliches Miteinander.

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