Zur Durchführung des intermittierenden Selbstkatheterismus

Die meisten Querschnittgelähmten tun es, manche mit fremder Hilfe: Die Blasenentleerung  über Katheter gilt als komplikationsarme Methode und „Goldstandard“ bei neurogenen Blasenfunktionsstörungen. Neben der Beachtung allgemeiner Standards können kleine Tipps bei der Durchführung helfen.

Bild 94053265 copyright CoraMax, 2013 Mit Genehmigung von Shutterstock.com

Der intermittierende (wiederkehrende) Katheterismus sorgte mit seiner Einführung durch den Arzt Sir Ludwig Guttmann ab den 1940er-Jahren in England für eine drastische Senkung der Sterblichkeit bei Männern mit Rückenmarksverletzungen. Zumeist handelte es sich um Soldaten des zweiten Weltkrieges, von denen nur rund 20 % die Folgen ihrer Querschnittlähmung überlebten. Die häufigste Todesursache war das Versagen der Nieren, die mit einer gelähmten Blasenfunktion nicht zurechtkamen. Erst mit der druckarmen Blasenentleerung über Katheter konnte effektiv ein Rückfluss von Urin in die oberen Harnwege in Richtung der Nieren und eine nahezu restharnfreie Entleerung erreicht werden, die bis heute Leben rettet.

Materialien und Standards der Durchführung haben seither eine enorme Entwicklung genommen, die nicht stillsteht.

Den Standard kennen und individuell anpassen

„Der IK stellt niemals eine Lösung ‚von der Stange‘, sondern immer eine individuell zu erarbeitende Therapieform für Patienten mit neurogener Blasenfunktionsstörung dar“, heißt es in der Leitlinie „Management und Durchführung des Intermittierenden Katheterismus bei Neurogenen Blasenfunktionsstörungen“ der Deutschen Gesellschaft für Urologie (Böthig/Geng/Kurze 2014).

Maßgeblich für die Arbeit von Urotherapeuten und anderen an der Anleitung von Patienten beteiligten Personen sowie für diese selbst ist das Bewusstsein für die Besonderheiten jedes Einzelnen. Die Autoren sprechen sich dennoch ganz klar für die Beachtung grundlegender Standards bei der Durchführung aus. Sie gelten nach aktuellem Erkenntnisstand als Basis zur komplikationsarmen Umsetzung des IK, ob als intermittierender Selbstkatheterismus (ISK) oder Fremdkatheterismus (IFK) durchgeführt. Darüber hinaus empfehlen die Autoren die individuelle Abstimmung von Kathetermaterial und weiteren Hilfsmitteln an die Handicaps, Umgebung und Möglichkeiten der  jeweils sehr inhomogenen Patienten (Siehe auch: Ableitende Kontinenzhilfsmittel).

Der aseptische Katheterismus

Im Folgenden soll es hier um die Durchführung des asptischen ISK gehen. Er liegt, gemessen am Aspekt der Hygiene, zwischen sterilem und hygienischem Katheterismus. Der Katheterismus wird zur Anwendung im Operationssaal steril durchgeführt, für die normale Selbst- oder Fremdanwendung genügt aber ein aseptisches Verfahren, das nachfolgend beschrieben wird.

Reichen die funktionellen Möglichkeiten eines Selbstanwenders für den aseptischen IK nicht aus, kann auch der hygienische IK durchgeführt werden. Er unterscheidet sich im Wesentlichen in der Einführ-Technik vom aseptischen IK. Bei der sogenannten „Non-Touch-Technik“ des aseptischen IK soll der Katheter möglichst ohne das Berühren unsteriler Flächen bis zum Harnröhreneingang gelangen. Wären Betroffene dabei von fremder Hilfe abhängig, kann akzeptiert werden, dass dies nicht immer gelingt. Die Durchführung wird dann als hygienischer IK bezeichnet. Letztlich kommt es darauf an, dass der Person durch die Abweichung keine nennenswerten Komplikationen entstehen.

Der aseptische Katheterismus setzt sich aus folgenden Schritten zusammen:

  • Hygienische Handdesinfektion
  • Schleimhautdesinfektion
  • Einführen des Katheters in Non-Touch-Technik

Vorbereitung

In der Praxis liegt vor der hygienischen Händedesinfektion noch die Vorbereitung zur Katheterisierung. Die Bereitstellung aller benötigten Utensilien in Reichweite sorgt später für einen möglichst reibungslosen Ablauf:

  • Kathetermaterial vorbereiten:
    • katheter-frauen3 klein

      Hydrophile Einmalkatheter für Frauen, hier von LoFric, Coloplast und Medical Service/Teleflex (v. li)

      Hydrophile Katheter: Einige sterile Einmalkatheter liegen bereits in einer wässrigen Lösung, andere werden erst aktiviert, wenn ihnen steriles Wasser oder Kochsalzlösung zugefügt wird, die meist beigefügt sind. In der Vorbereitung des Katheters wird diese beigefügte Packung geknackt, sodass die Lösung den Katheter umspült. Zur Aufnahme braucht eine trockene Beschichtung ein bisschen Zeit. Wie viel, das ist auf der jeweiligen Verpackung angegeben und bewegt sich meist um die 30 bis 60 Sekunden. Diese Zeitspanne wird bis zur Einführung des Katheters meist ohnehin ausgeschöpft.

    • Ähnlich verhält es sich mit Gelkathetern, die ebenfalls entweder schon mit Gel benetzt sind oder denen ein Gel-Paket beiliegt, dass geöffnet werden muss.
    • Manchmal verfügen Katheterverpackungen über Klebepunkte, um sie geöffnet und bereit zur Entnahme des Katheters an die Wand, das Waschbecken, einen Haltegriff oder eine andere gut erreichbare Fläche kleben zu können. Später kann der Katheter dann mit einer Hand gegriffen werden.
    • Noch ungeübte Selbstdurchführer können sich einen zweiten Katheter bereitlegen. Dieser muss nicht vorbereitet oder geöffnet werden, sollte aber erreichbar sein, damit bei einem Fehlstart, der einen neuen Katheter erfordert, nicht die ganze Position verändert, sondern nur neu desinfiziert werden muss.
  • Antiseptische Lösungen sollten geöffnet und ebenfalls gut erreichbar bereitstehen.
  • Wichtig sind möglichst gute Lichtverhältnisse im Raum; für Frauen können hier auch Spiegel mit einer Lampe zum Einsatz kommen, um den Harnröhreneingang besser zu erkennen. Einige Modelle lassen sich als „Beinspiegel“ mit einem elastischen Band und Klettverschluss am Oberschenkel befestigen, was ggf. ebenso zur Vorbereitung gehört. Hilfreich könnte auch sein, das Schamhaar zu kürzen oder zu entfernen.
  • Generell muss jeder Betroffene die für ihn am besten geeignete Umgebung und Position für die Einführung eines Katheters finden. „Katheterisieren ist stehend, sitzend und liegend möglich. Im Sitzen kann es hilfreich sein, im Stuhl nach vorne zu rutschen, um eine Beckenkippung zu erreichen“ (Böthig/Geng/Kurze 2014).
  • Wer zuhause auf der Toilette katheterisiert, sollte auf eine dafür geeignete Klobrille achten. Auch das Abstellen eines Spiegels funktioniert auf einer ebenen Fläche besser als bei abgerundeten Brillen.
  • Stoppersocken können dem nach vorne Rutschen im Sitzen bei glattem Boden entgegenwirken.
  • Ein geöffneter Mülleimer in Reichweite erleichtert hinterher die Entsorgung von verbrauchten Materialien.
  • Handschuhe anziehen: Je nach Wunsch kann auch der ISK mit Handschuhen durchgeführt werden, die Regel ist dies aber nur bei IFK. Daher sind sie nicht erstattungsfähig.

Hygienische Händedesinfektion

Ist alles gerichtet, werden die Hände – ob mit oder ohne unsterile Handschuhe – mit Desinfektionsmittel behandelt und dürfen danach keine unsterilen Flächen jenseits des eigentlichen Vorgangs mehr berühren (Siehe auch: Antiseptische Lösungen zur Katheterisierung auf Rezept).

Schleimhautdesinfektion

Die Abtötung von Keimen kann eine Wischdesinfektion, Sprühdesinfektion oder eine Kombination von beidem sein:

  • Bei der Wischdesinfektion müssen sterile Tupfer oder Kompressen mit Desinfektionslösung benetzt oder getränkt werden.
    Frauen verwenden mindestens zwei separate Tupfer für die großen Labien und die kleinen Labien, spreizen dann mit den Fingern einer Hand die Labien, um den Urethra-Eingang freizulegen, der ebenso mit mindestens einem Tupfer gereinigt wird (immer in Richtung Anus, nie umgekehrt).
    Männer ziehen die Vorhaut zurück und brauchen mindestens zwei Tupfer für die Eichel und den Meatus urethrae, die Mündung der Harnröhre beim Mann.
  • Für die Sprühdesinfektion werden anstelle der Tupfer 2 Sprühstöße empfohlen.
  • Eine Sprüh-Wisch-Desinfektion folgt dem Schema „sprühen-wischen-sprühen-einwirken“ und erscheint den Autoren der Leitlinie aufgrund einer Konsensentscheidung als die geeignetste Methode. Grundsätzlich sei auch die Einhaltung der Einwirkzeit gemäß Herstellerangaben wichtig (Böthig/Geng/Kurze 2014).

Einführen des Katheters in Non-Touch-Technik

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Hydrophile Einmalkatheter für Männer, z. B. von Manfred Sauer GmbH und Hollister (v. li)

Die Handhabung des verwendeten Katheters oder Kathetersystems unterliegt den Herstellerangaben. Häufig besitzt der Schlauch eine kurze Ummantelung, die beim Greifen mit einer Hand dafür sorgt, dass der Schlauch nicht berührt wird und steril bleibt. Diese Ummantelung kann nach unten gezogen werden, indem das Katheterende kurz mit den Zähnen festgehalten wird, da in der Regel nur eine Hand frei ist.

Unabhängig vom gewählten Material sollten außerdem folgende Aspekte beachtet werden:

  • Männer strecken zur Einführung des Katheters den Penis, um eine Verletzung der Harnröhre zu vermeiden. Dazu bietet der Reha-Handel bei Bedarf verschiedene Manschetten als Penisstütze an (evtl. in die Vorbereitung einbeziehen).
  • Die Einführung sollte langsam geschehen, bis Urin läuft, um dann den Katheter noch ca. 1 cm weiterzuschieben.
  • Nachdem der Urinfluss verebbt ist, sollte man den Katheter in kleinen Etappen langsam zurückziehen. Häufig kommen hierbei noch geringe Mengen Urin nach.
  • Bei unzureichender Handfunktion sind „graduelle Abstriche an der aseptischen Technik“ hinnehmbar (Böthig/Geng/Kurze 2014).
  • Wer Desinfektionsmittel eher schlecht verträgt, sollte sie nach dem Vorgang mit klarem Wasser entfernen.

Erprobung von Hilfsmitteln

Betroffene sollten den ISK anfangs mit einem System trainieren, mit dem erfahrungsgemäß viele Betroffene gut zurechtkommen, und sich hier entsprechend beraten lassen. Die Anleitung zum ISK bieten Querschnittzentren, Urotherapeuten, aber auch Hersteller in Form der sogenannten „Homecare“ an. Mit wachsender Erfahrung sollten Betroffene die Möglichkeit haben, weitere Systeme auszuprobieren. Häufig versenden die verschiedenen Anbieter problemlos Probematerial auf Anfrage. Mithilfe von Ergotherapeuten kann auf dem Markt erhältliches Material ggf. adaptiert werden.

Was sich am Anfang wahnsinnig kompliziert anhört oder liest, gelingt mit der Zeit in der Regel immer besser, routinierter und schneller. Das Bewusstsein, die Blase vollständig entleert zu haben, kann nahezu unverzichtbar werden, sodass jede andere Entleerung unbefriedigend bleibt. Neben dem langfristigen medizinischen Nutzen schafft das Katheterisieren auch für den Moment eine Sicherheit, die anders bei neurogenen Blasenstörungen meist nicht zu erreichen ist.

 

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