Maike König über Sexualberatung und Sexualität bei Querschnittlähmung

Sexualität ist ein individueller und facettenreicher, aber ebenso störanfälliger Lebensbereich, weiß Sexualberaterin Maike König. Mit Offenheit und Fingerspitzengefühl hilft sie Querschnittgelähmten dabei ihre (neue) Sexualität lustvoll erleben zu können.

Bild 130173584 copyright baranq, 2013 Mit Genehmigung von Shutterstock.com

Frau König, was tun Sie als Sexualberaterin?

Als Sexualberater arbeite ich in einem sehr sensiblen Bereich und habe die Aufgabe, Menschen bei Fragestellungen und Problemen bzgl. ihrer Sexualität und Partnerschaft Hilfestellung zu geben, um ihre Sexualität (wieder) lustvoll leben zu können.  Dabei liefere ich keine fertigen Pauschalaussagen und Patentrezepte, sondern ich unterstütze die Ratsuchenden im Rahmen des Empowerments  bei der Findung von  alternativen Lösungswegen, und begleite sie dabei, Wünsche und Bedürfnisse zu erkennen, entsprechend zu verbalisieren und in ihr Leben einfließen zu lassen.

Wen beraten Sie?

Das Team der Neuro-Urologie unter der Leitung von Chefärztin Fr. Dr. Kurze am Querschnittgelähmten-Zentrum der Zentralklinik Bad Berka informiert mich, wenn Patienten mit Beratungsbedarf vorstellig werden. Aber auch die Mitarbeiter im Pflegebereich des Querschnittgelähmten-Zentrums wenden sich an mich, wenn sie bei der Arbeit mit ihren Patienten den Eindruck haben, dass bei diesen Fragen bzgl. der Sexualität bestehen. Zunehmend suchen mich außerdem die Patienten mit Gesprächsbedarf direkt auf, da ich allein schon durch meine Tätigkeit als Urotherapeutin sehr nah am Patienten bin. Das senkt die Hemmschwelle bei diesem tabubehafteten Thema erheblich.

Ich arbeite vorrangig mit Menschen mit einer erworbenen Querschnittlähmung. Aber zu meinem Klientel gehören auch zunehmend Menschen mit angeborener Querschnittlähmung (Spina bifida) bzw. diversen anderen Grunderkrankungen (z. B. Multiple Sklerose, Morbus Parkinson, Post-Polio-Syndrom, etc.). An zwei Tagen in der Woche arbeite ich mit Patienten im stationären und ambulanten Bereich des o. g. Querschnittgelähmten-Zentrums. Darüber hinaus berate ich diese Patienten im häuslichen Umfeld, wenn Bedarf besteht und sie es wünschen.

Wie sieht eine Beratung bei Ihnen aus?

Nach der Joiningphase formuliert der Ratsuchende seine Frage bzw. sein Problem. Entsprechend der vorgetragenen Thematik werden ganz individuelle Lösungsansätze erarbeitet. Bei rein funktioneller Beratung findet ein Informationsgespräch (oftmals mit visualisierten Aspekten, d. h. Anschauungsmaterial) statt.

Zudem verfolge ich den Ansatz herauszuhören, ob die reine Funktionsstörung das eigentliche Problem ist oder ob es darüber hinaus weitere Fragen gibt. Bei Beratungssequenzen mit Komplexität der eigenen sexuellen Identität bzw. bei Partnerschaftsaspekten sind erfahrungsgemäß mehrere Beratungstermine erforderlich.

Mit welchen (sexuellen) Problemen kämpfen Querschnittgelähmte bzw. Paare Ihrer Erfahrung nach am häufigsten?

Am offensichtlichsten sind natürlich die Funktionsstörungen, d. h. beim Mann die Erektions– bzw. Ejakulationsstörungen und bei der Frau die verminderte oder fehlende Scheidenlubrikation.

Die eingeschränkte Spontanität wegen querschnittspezifischer Defizite (in erster Linie Inkontinenz, aber auch Spastik, Bewegungseinschränkung) und die eingeschränkte oder fehlende Sensibilität und Orgasmusfähigkeit erleben viele Paare als sehr störend. Aber auch eine gestörte Beziehung zum eigenen Körper ist Ursache für Sexualität, die nicht als lustvoll erlebt wird.

Wie können Sie diesen Menschen helfen?

Erst einmal durch entsprechende Informationsweitergabe. Ganz unproblematisch ist es bei den Funktionsstörungen durch den Einsatz entsprechender Hilfsmittel bzw. Pharmaka.

Eine größere Aufgabe ist es jedoch, bei den Betroffenen die eigentlichen Wünsche und Sehnsüchte heraus zu kitzeln. Oftmals sind sie sich nicht bewusst, dass z. B. die Erektionsstörung nicht das eigentliche Problem ist. Ein steifer Penis ist kein Garant für ein erfülltes Sexualleben, wenn die eigentliche Problematik im Umgang mit dem eigenen Körperbild oder dem Partner liegt. Die Befähigung zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper, der sexuellen Individualgeschichte und der Gesprächsfähigkeit und -bereitschaft in Partnerschaften sind mein Ziel.

Gibt es eine Erfolgsgeschichte, über die Sie berichten könnten?

Eine querschnittgelähmte Patientin hat sehr darunter gelitten, dass sie in ihrer Partnerschaft seit langer Zeit kein Sexualleben mehr stattfand. Sie berichtete einerseits von großen Lustgefühlen, andererseits von der Hemmung, enormen Schamgefühlen und Ängsten wegen ihrer Harninkontinenz, diesen nachzugehen. Nach einer entsprechenden Diagnostik und adäquaten Therapie in unserer neuro-urologischen Ambulanz konnte dieses Problem beseitigt werden. In der Zwischenzeit bis zum Einstellen des Erfolges konnte ich mit der Patientin eine Strategie ausgearbeitet, die es ihr ermöglichte, endlich ihre Ängste in ihrer Partnerschaft offen zu verbalisieren und Regeln im partnerschaftlichen Umgang zu entwickeln, sich wieder angstfrei und entspannt einander anzunähern.

Was ist der Schlüssel zu einer befriedigenden Sexualität bei Querschnittlähmung?

Sexualität soll erfüllt, lustvoll, bedürfnisorientiert, spannend und entspannend sein. Das unterscheidet sich nicht von der Sexualität Nichtquerschnittgelähmter. Eine Querschnittlähmung bringt natürlich gewisse Einschränkungen mit sich. Die aktive Auseinandersetzung mit querschnittspezifischen Gegebenheiten und die Thematisierung in der Partnerschaft sind die beste Unterstützung auf dem Weg zu einer befriedigenden Sexualität. Eine gute Portion Neugier und Experimentierfreudigkeit machen die ganze Angelegenheit erotischer, spannender und aufregender.

Ich erachte es als sehr wichtig, den Partner aus notwendigen pflegerischen Handlungen herauszuhalten und diese in die Hände professionell Pflegender zu geben (ungeplante „Notfalleinsätze“ ausgenommen).

Ein respektvoller Umgang miteinander und eine Begegnung auf Augenhöhe sind die Basis für eine funktionierende Partnerschaft, die ein befriedigendes Sexualleben einschließt.

Gibt es ein „Lieblingshilfsmittel“, das Sie gerne empfehlen?

Meine Lieblingshilfsmittel? Die hat jeder und sie kosten nichts: Der Einsatz von Händen, Haut, (falls vorhanden) Haaren, Lippen, Augen, Stimme, Zunge, Gehör,… kann unendlich sinnliche Erlebnisse schaffen, die durch käuflich erworbene Sexspielzeug nicht zu toppen sind.

Hilfsmittel sehe ich als zusätzliche Bereicherung an. Der bunte Dschungel der Sexspielzeuge bietet mit Sicherheit für jeden Geschmack etwas. Eine Nuru-Gel-Massage – auch als „Königin der erotischen Massagen“ bekannt, kann ich mir z. B. mit einem querschnittgelähmten Partner sehr sinnlich, innig und hoch erotisch vorstellen. Bei dieser Body to Body Massage wird mit dem gesamten Körper verführt und es ist eine extrem glitschige, aber nicht fettige oder klebrige Angelegenheit. Dabei ist Lachen nicht nur erlaubt, sondern auch erwünscht.

Querschnittgelähmte Menschen mit eingeschränkter Sensibilität können auch vom Einsatz mit Vibratoren oder Pulsatoren profitieren. Der Gebrauch beschränkt sich dabei allerdings nicht nur auf die Anwendung bei der Frau (siehe: Sexualität – Hilfsmittel für Männer und Frauen).

Dann stellt sich natürlich noch die Frage, wie man an Sexspielzeug herankommt. Beim Kauf im Internet kann ich Materialeigenschaften und Funktionalität nur bedingt erahnen. Für einige Menschen bedeutet das Betreten (bzw. Befahren) eines Sexshops eine zu große Hemmschwelle. Deshalb gibt es auch die Möglichkeit, sich die bunte Vielfalt im geschützten häuslichen Bereich im Rahmen von sogenannten Dessous- bzw. Dildoparties (im Netz zu finden unter „Dildofee“, „Liebesengel“, „Pepperparty“, „ann-joy“, „X-Sin“, „woman-party“, u. v. a.) vorführen zu lassen. Spaßfaktor ist dabei garantiert.

Was empfehlen Sie Paaren mit Kinderwunsch?

Grundsätzlich möchte ich erst einmal betonen, dass ich es sehr begrüße, wenn querschnittgelähmte Menschen ihren Kinderwunsch verwirklichen.

Bei Männern mit Querschnittlähmung ist die retrograde oder fehlende Ejakulation ein Grund, entsprechende Kinderwunschzentren aufzusuchen. Nach ausführlicher Beratung kann mit entsprechenden Hilfsmitteln (penile Vibrostimulation z. B. mit Ferti Care) zuerst entspannt im häuslichen Umfeld getestet werden, ob es zu einer Schwangerschaft kommt. Sollte es nicht glücken, dann werden weitere therapeutische Schritte (diverse Möglichkeiten der Samengewinnung) in der Klinik eingeleitet. (Siehe: Vater werden trotz Querschnittlähmung)

Bei querschnittgelähmten Frauen mit Kinderwunsch ist eine langfristige Planung unabdingbar. In der Vorbereitungsphase müssen möglicherweise Medikamente abgesetzt werden. Eine Begleitung während der Schwangerschaft und Geburt durch ein erfahrenes, fachlich kompetentes und interdisziplinäres Therapeutenteam wird die Erfüllung des Kinderwunsches zu einem glücklichen Lebensabschnitt werden lassen. (Siehe: Schwangerschaft bei Querschnittlähmung)

Paare mit Kinderwunsch sollten sich in den lokalen bzw. regionalen Querschnittzentren beraten lassen, an wen sie sich am besten wenden können.

Die Klinik in Bad Berka ist im Umgang mit Kinderwunsch bei querschnittgelähmten Patienten vertraut. Kontaktaufnahme ist über das Sekretariat möglich (Kontakt: qz@zentralklinik.de /Tel.: 036458 / 51407).

Maike König: Krankenschwester, Urotherapeutin, Sexualberaterin

Maike König

Maike König

Maike König arbeitet seit 1998 am Querschnittgelähmten-Zentrum der Zentralklinik Bad Berka. Als Krankenschwester stellte sie fest, dass die meisten Patienten mit der Tatsache, nicht mehr laufen zu können, mit Unterstützung durch entsprechende Hilfsmittel ganz gut arrangiert hatten. Die eigentlichen Herausforderungen lag offensichtlich im Umgang mit den Folgen der neurogenen Blasen-, Darm- und Sexualfunktionsstörungen, d. h. äußerst intime Bereiche, die Außenstehenden auch nicht bewusst sind. Um dieser Problematik besser begegnen zu können, eignete sie sich Zusatzqualifikationen  z. B. als Urotherapeutin, Sexualberaterin und aktuell Expertin für neurogene Darmfunktionsstörungen an, um sich seit 2006 freiberuflich speziell dieser Thematik widmen zu können.

Kontakt

Maike König

Und dies gibt sie Ratsuchenden häufig mit auf den Weg:

Wer immer nur vom Glück träumt, darf sich nicht wundern, wenn er  es verschläft.“ (Zitat: Ernst  Deutsch, Schauspieler)

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