14 Regeln zur Ernährung Querschnittgelähmter

Das Netzwerk Ernährung & Verdauung Querschnittgelähmter, ein Gremium, das sich aus Fachexperten der Bereiche Pflege, Ernährung und Medizin zusammensetzt, hat Empfehlungen für die gesunde Ernährung bei Querschnittlähmung erarbeitet. Die wichtigsten Regeln werden im folgenden Beitrag dargestellt.

Bild 128025035 Copyright n7atal7i, 2013 Mit Genehmigung von Shutterstock.com

  • Abwechslungsreich und vielseitig essen

Eine abwechslungsreiche Lebensmittelauswahl und geeignete Lebensmittelkombinationen gewährleisten die Aufnahme aller benötigten Makronährstoffe (Kohlehydrate, Fette, Eiweiße)  und Mikronährstoffe (sekundäre Pflanzenstoffe, Spurenelemente, Vitamine, evtl. Mineralstoffe). Dabei gilt es zu beachten, dass bei Querschnittgelähmten, abhängig von der Vollständigkeit der Lähmung, trotz reduziertem Kalorienbedarf die Zufuhr an Mikronährstoffen, Vitamine und Mineralstoffe unverändert bleibt. Die Kunst liegt also in einer Nahrungsmittelauswahl, die energiearm, aber nährstoffreich ist.

Idealerweise werden regionale, saisonale und qualitativ hochwertige Lebensmittel ausgewählt.  So werden Spargel zur Spargelzeit zwischen Ostern und Pfingsten gegessen, und auf Erdbeeren zu Weihnachten wird bewusst verzichtet.

  • Schmackhaft und schonend zubereitet

Bei der Zubereitung von Speisen kommt es darauf an, dass Farbe, Geschmack und Konsistenz der Speisen weitgehend erhalten bleiben, denn Essen soll schmecken und alle Sinne wecken. Dazu werden schonende Garverfahren ausgewählt; lange Warmhaltezeiten sollten ausgeschlossen werden. Zu viel Wasser, lange Gar- und Warmhaltezeiten reduzieren sowohl Geschmack als auch Inhaltsstoffe.

  • Essen genießen und langsam essen

30 Mal Kauen vor dem Runterschlucken, so lautet eine landläufige Empfehlung zum langsamen Essen. Durch langsames Essen, ausreichend Zeit, die zum Essen Einnehmen geplant wird, und auch eine angenehme Umgebung spielen eine Rolle: Nicht nur beim Essen, besonders auch im Zusammenhang mit Blähungen und Völlegefühl.

  • Obst, Obstprodukte, Gemüse und Gemüseproduktion

Drei bis vier Portionen Gemüse und zwei Portionen Obst am Tag sichern eine gute Versorgung mit Vitaminen, Mineralstoffen und Ballaststoffen und wirken positiv auf die Peristaltik (Transport des Stuhls im Darm) und die Stuhlkonsistenz ein. Zudem enthalten sie viel Wasser und viele sekundären Pflanzenstoffe, die antiviral, antibakteriell und entzündungshemmend wirken. Gemüse ist energiearm, während Obst mehr Zucker und dadurch auch mehr Kalorien enthält. Idealerweise nimmt man Obst und Gemüse als Rohkost oder in kurz gegarter Form zu sich (siehe auch: Gemüse und Obst: Wie kriegt man es (r) unter?). Eine Portionsgröße entspricht in der Regel dem Volumen der eigenen hohlen Hand. So steht einer Person von kleinerer Körpergröße auch eine kleinere Portionsgröße zu.

Bild Copyright Manfred-Sauer-Stiftung, 2014

Gemüse mit groben Strukturen wie Kohl, Zwiebeln, Lauch, Gurken oder Hülsenfrüchte sind schwerer verdaulich. Das bedeutet, dass Blähungen entstehen können. Ob und wie viele Blähungen entstehen, hängt mit der Zusammensetzung der Darmflora zusammen und ob ein Gewöhnungseffekt für Ballaststoffe vorliegt. Ob die Blähungen als störend empfunden werden, ist sehr individuell und kann von Mensch zu Mensch unterschiedlich sein.

Obst kann gut zum Frühstück im Müsli oder als Zwischenmahlzeit gegessen werden. Hier gilt wieder die Regel, möglichst regional und saisonal einzukaufen. So bietet der Sommer und der Herbst eine riesige, wenn auch unterschiedliche Vielfalt an Obst an.

  • Getreide, Getreideprodukte, Kartoffeln und Reis

Dinkel, Gerste, Grünkern, Hafer, Hirse, Kartoffeln, Reis, Roggen, Weizen und die eiweißreichen Pseudogetreide Amarant und Quinoa sind die Hauptvertreter in dieser Gruppe, aber natürlich zählen auch alle daraus hergestellten Produkte wie Brot, Brötchen, Gebäck und Nudeln dazu. Diese Lebensmittel kommen idealerweise als Vollkornprodukte auf den Tisch. Reines Weißmehl und daraus angefertigte Produkte wirken sich eher ungünstig auf die Verdauung aus. Aus dieser Lebensmittelgruppe sollten je nach Aktivität des Querschnittgelähmten 1-2 Portionen auf dem täglichen Speiseplan stehen.

Zusätzlich gezuckerte Lebensmittel wie Fertigmüsli oder Fertigprodukte sollten die Ausnahme darstellen auf dem Speiseplan.

Der Einsatz von Getreideflocken, kombiniert mit Samen, Kernen und Nüssen wie zum Beispiel Haferflocken und Gerstenflocken mit Leinsamen, Sonnenblumen- und Kürbiskernen mit Mandeln oder Walnüssen bereichern das Frühstück, unterstützen die Verdauung, fördern den Stoffwechsel und haben einen positiven Einfluss auf den Stuhlgang. Daher ist eine Portion pro Tag in der Speiseplanung ideal.

  • Milch und Milchprodukte

Die Eiweißzufuhr über Milch und Milchprodukte ist als lebensnotwendiger Baustoff für regernative und zellaufbauende Prozesse unerlässlich. Insbesondere gilt dies bei der Querschnittlähmung für den Muskelerhalt, den Muskelaufbau und die Wundheilung. Milch und Milchprodukte sind gute Eisweißlieferanten und Calciumquellen.

  • Der Eiweißbedarf von 1 g/kg Körpergewicht bei Querschnittgelähmten wird etwas höher geschätzt als beim nicht-querschnittgelähmten Fußgänger (0,8g/kg Körpergewicht)
  • Der Calciumbedarf liegt bei 1000 mg /Tag
  • Sauermilchprodukte wie Joghurt, Buttermilch oder Kefir haben einen geringen Fettgehalt, hochwertige Eiweiße und auch eine positive Wirkung auf die Darmflora und fördern zusätzlich die Darmfunktion.

Pro Tag werden drei Portionen Milch und Milchprodukte empfohlen. Dies kann in Form von Buttermilch, Joghurt, Käse, Kefir, Milch oder Quark erfolgen, aber auch verarbeitet in Dips, Aufläufen oder Salatsaucen. Bei der Joghurtauswahl sollte das Naturjoghurt bevorzugt Verwendung finden, da Fruchtjoghurt häufig viel Zucker und somit viel unnötige Energie liefert.

  • Ballaststoffe/Nahrungsfasern

Ballaststoffe, auch Nahrungsfasern genannt, finden wir in Obst, Gemüse, Kartoffeln und Getreide sowie in daraus hergestellten Produkten. Generell unterstützt eine ausreichende Ballaststoffzufuhr eine geregelte Verdauung.

30 g Ballaststoffe sollten am Tag verzehrt werden. So lautet die Empfehlung der DACH für nicht von einer Querschnittlähmung betroffene Fußgänger. Von dieser Empfehlung kann auch für den querschnittgelähmten Patienten ausgegangen werden (DACH 2013).

Wenn die zugeführte Menge an Ballaststoffen erhöht wird, ist es wichtig, dass dies schrittweise passiert, so dass sich der Gastrointestinaltrakt an die Ballaststoffe gewöhnen kann. Anfänglich können Blähungen auftreten, welche aber mit der Gewöhnung abklingen. Unabdingbar für eine erhöhte Ballaststoffaufnahme ist die Erhöhung der energiefreien Trinkflüssigkeit, da Ballaststoffe Wasser zum Quellen benötigen. Wird die energiefreie Trinkflüssigkeit nicht angepasst, kann es verstärkt zu Blähungen bis hin zur Verstopfung und im schlimmsten Fall zu einem Darmverschluss kommen. Bei einer Zufuhr von 30 g Ballaststoffen am Tag sind zwei Liter energiefreie Trinkflüssigkeit sinnvoll (ADA 2010, Coggrave GB 2009). Angaben, wie viele Ballaststoffe ein Lebensmittel enthält, stehen in den Nahrungsinformationen. Für Beispiele, welche Lebensmittel 10 g Ballaststoffe enthalten siehe: Ballaststoffe für die Verdauung.

Zusammenfassend kann man sagen:

  • 25-30 g Ballaststoffe pro Tag
  • Im Minimum 1,5, besser 2 Liter, energiearme Flüssigkeit pro Tag
  • Ballaststoffe nach Möglichkeit in die Ernährung integrieren

 

  • Fleisch und Wurst

Fleisch und Wurstwaren enthalten neben Fisch und Eiern wertvolle Eiweiße, Vitamine und Mineralstoffe, aber auch reichlich Energie. Daher sollten Fleisch und Wurstwaren nur 1-2 Mal pro Woche verzehrt werden. Bedarfsdeckend und damit ausreichend sind durchschnittlich 300 –500 g Fleisch und Wurst pro Woche. Fettarme Teilstücke vom Fleisch, insbesondere helles Fleisch und Wurstsorten mit einem Fettgehalt unter 20%, sind den fettreichen Varianten vorzuziehen. Ein maßvoller Verzehr von dieser Produktgruppe reduziert das Risiko einer erhöhten Zufuhr von Inhaltsstoffen, wie gesättigte Fettsäure, Purine und Cholesterol.

Vegetarische Brotaufstriche können eine alternative Ergänzung darstellen. Siehe auch: Pflanzliches Eiweiß: Keine Angst vor Tofu und Co.

  • Fisch

Fisch liefert hochwertiges und leicht verdauliches Eiweiß, essenzielle Aminosäuren, Vitamine K und D, ernährungsphysiologisch wertvolle mehrfach ungesättigte Fettsäuren, Mineralstoffe wie Natrium, Kalium, Calcium, Magnesium und Spurenelemente wie Zink, Jod und Selen. Besonders fettreichere Fischsorten wie Thunfisch, Hering, Makrele und Lachs haben höhere Anteile der besonders wertvollen Omega-3-Fettsäuren, deren gesundheitliche Vorteile durch eine Reihe von Untersuchungen mehrfach belegt wurden. Eine kleine Portion von 80 g bis 150 g fettarmer Seefisch und 70 g fettreicher Fisch in der Woche reichen dafür schon aus.

  • Eier

Eier und Eigerichte liefern hochwertiges Eiweiß, welches in Kombination mit pflanzlichem Eiweiß aus Kartoffeln und Getreide eine höhere biologische Wertigkeit erreicht. So kann der Körper mehr körpereigenes Eiweiß bei gleicher Menge aufbauen z. B. mit Kartoffeln und Ei im Verhältnis 2:1.

Eier sind zudem eine bedeutende Quelle für Vitamine wie Folsäure, Biotin, Mineralstoffe, Zink, Eisen und auch ungesättigte Fettsäuren. Dennoch gilt wegen des hohen Fett- und Cholesterolgehaltes ein maßvoller Verzehr von 2–3 Eiern pro Woche gesamt. Das schließt auch verarbeitete Eier in Nudeln, Gebäck, Panaden und Aufläufen mit ein. (Gebäck geht natürlich auch ohne Eier, siehe: Was tun bei Hühnereiweißallergie?)

  • Pro- und Präbiotika

Probiotika sind Bakterienstämme der Bifidobakterien und des Lactobazillus. Sie kommen vor allem in milchsauer vergorenen Lebensmitteln, wie Joghurt, Sauerkraut oder Buttermilch, vor (Geng, 2012). Trotz fehlender wissenschaftlicher Beweise kann der regelmäßige Einsatz von präbiotischen und probiotischen Produkten unterstützend sein, insbesondere nach einer Antibiotikatherapie, denn hier können sie helfen, die Darmflora wieder aufzubauen und somit Durchfälle und Verstopfung verringern. Eine Stuhldiagnostik kann unter Umständen dazu entsprechende Hinweise geben.

Präbiotika hingegen sind tote Substanzen (in der Regel unverdauliche Kohlenhydrate, die ausgewählte Bakterien der eigenen Darmflora zum Wachstum stimulieren und damit einen positiven gesundheitlichen Effekt ausüben). Durch Präbiotika sollen vorhandene Bifidobakterien und in geringerem Maße auch Laktobazillen in ihrem Wachstum stimuliert und so gleichzeitig das Wachstum unerwünschter Organismen unterdrückt werden (Bischoff, 2010). Präbiotika kommen vermehrt in faserstoffreichen Lebensmitteln, wie beispielsweise in Obst, Gemüse, und Getreide, vor. Bei unzureichender Aufnahme von Prä- und Probiotika mit der Nahrung können diese in Form von Nahrungsergänzungsmitteln nach vorhergehender Stuhldiagnostik therapeutisch eingesetzt werden (siehe auch: Prä- und Probiotika für die Verdauung).

  • Fette und Öle

Der menschliche Körper benötigt Fett als Energiespender, Bau-und Speicherstoff und als Träger fettlöslicher Vitamine. Im Abbauprozess entstehen Fettsäuren, die auf sehr komplexe Weise in den Stoffwechsel eingreifen und wirken. Fette werden aus Tieren und Pflanzen gewonnen. Sogenannte gesättigte Fettsäuren sind tierischem Ursprungs und werden primär für die Energiegewinnung genutzt.

Ungesättigte Fettsäuren kommen primär in pflanzlichen, aber auch in einigen tierischen Lebensmitteln vor. Ungesättigte Fettsäuren müssen über die Nahrung zugeführt werden, da es keine Möglichkeit der Eigensynthese gibt. Deshalb werden sie als essenziell bezeichnet. Auf Grund ihrer hohen ernährungsphysiologischen Wertigkeit, werden sie im Stoffwechsel primär für Bau- und Syntheseleistungen genutzt und haben zudem einen positiven Effekt auf die Gewichtsentwicklung

Omega-3 und Omega-6 Fettsäuren sind essenziell und nehmen daher eine Sonderstellung ein, da hier der besondere Nutzen und Bedarf für den Menschen belegt wurde.

Beide Fettsäuren sind einander auch Gegenspieler für die Aufrechterhaltung eines Gleichgewichts biologischer Prozesse. Omega-3 findet sich in Leinöl, Walnüssen und fettreichen Seefischen. Das ideale Verhältnis von Omega-6 zu Omega-3 Fettsäuren findet sich im Rapsöl.

Ist der Gesamtverzehr an tierischem und pflanzlichem Fett zu hoch, begünstigen diese natürlich daraus resultierenden Stoffwechselbelastungen und negativen Gewichtszunahmen die Entwicklung von Erkrankungen von Stoffwechsel und Herz-Kreislauf.

Eine bedarfsgerechte Gesamtfettmenge liegt im Mittel bei 50 – 60 g/Tag. Eine Menge von 10 –15 g Butter und von 15 – 30 g Öl am Tag ist im Allgemeinen ausreichend. Im Hinblick auf den verringerten Energiebedarf eines Querschnittgelähmten sollte generell auf eine moderate Fettzufuhr geachtet werden.

Die zusätzlichen Fette sind in Fertigprodukten, Süßwaren, Gebäcken, Fleisch und Wurstwaren, Milch und Milchprodukten oder auch Fast Food versteckt.

  • Salz

Salz ist ein lebensnotwendiges Mineral. Über Mineralwasser, natürliche und vor allen Dingen verarbeitete Lebensmittel wie Brot, Wurst oder Käse können tägliche Verluste gut ausgeglichen werden. Eine Zufuhr von 550 mg Natrium (Na) (entsprechen 1,375 g Natrium Chlorid (NaCL/Kochsalz)) am Tag reicht jedoch aus (DACH 2013). Daher gilt es in der Zubereitung Kochsalz sparsam einzusetzen. Jodiertes Speisesalz ist zu bevorzugen, da Deutschland immer noch ein Jodmangelland ist und so einer Unterversorgung entgegen gewirkt werden kann (AK Jodmangel, 2007; BfR, 2004).

Stark gesalzene Lebensmittel, wie Knabberartikel, geräucherte Lebensmittel oder Fertigprodukte sollten mit Bedacht ausgewählt und gegessen werden. Zum Würzen können anstelle von Salz auch frische oder tiefgekühlte Kräuter Verwendung finden, auch Gewürze sind eine geschmackvolle und mineralstoffreiche Alternative, die sogar noch einige sekundäre Pflanzenstoffe und Ballaststoffe mitbringen. Ein zu hoher Salzkonsum kann bei empfindlichen Patienten Bluthochdruck fördern. Bei Patienten mit Querschnittlähmung ist der Natriumwert im Serum ausschlaggebend für die Salzzufuhr. Häufig wurden hier zu niedrige Natriumserumspiegel beobachtet. Neben der Klärung und Behandlung der Ursache einer Hyponatriämie sowie einer engmaschigen Elektrolytkontrolle, sind initial Maßnahmen erforderlich, die den erhöhten Salzverlust oder Bedarf ausgleichen. Dabei helfen Mineralwasser mit einem normalen oder höheren Natrium-Gehalt, Salzgebäck, Brühen oder auch individuelles Nachsalzen von Speisen.

  • Bewegung und Entspannung

Neben der Ernährung spielen auch die Themen Bewegung und Entspannung eine wichtige Rolle.

So hilft Bewegung nicht nur mobiler und unabhängiger zu werden, sondern 30 – 60 Minuten Bewegung am Tag fördern den Muskelaufbau, erhöhen den Stoffwechsel, förderen die Verdauungsvorgänge und entspannen. Entspannung fördert Ausgeglichenheit und hilft zur Ruhe zu kommen.

Für eine angepasste Flüssigkeitszufuhr siehe: Trinkverhalten bei Querschnittlähmung

Für weitere Informationen aus den Inhalten der Broschüre siehe:

Fragen & Kommentare

Fragen & Kommentare zu diesem Artikel


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu hinterlassen.

Zur Registrierung geht es hier lang.