Posttraumatisches Wachstum bei Menschen mit Querschnittlähmung

Im Frühjahr 2014 führte Christiane Stöckler im Rahmen ihrer Diplomarbeit im Fach Psychologie eine nicht repräsentative Studie zum Thema „Posttraumatisches Wachstum bei Menschen mit Querschnittlähmung“ durch. Über 100 Personen haben an der Befragung teilgenommen, darunter auch viele Leser von Der-Querschnitt.de.

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Was ist posttraumatisches Wachstum?

Posttraumatisches Wachstum beschreibt das paradoxe Phänomen, dass ein erschütterndes oder traumatisches Lebensereignis nicht nur negative Auswirkungen für die betroffene Person hat, sondern zugleich auch positive Folgen haben kann, die als Zuwachs innerer Reife erlebt werden (Zoellner/Calhoun/Tedeschi, 2006).

Die Traumaforscher Tedeschi und Calhoun veranschaulichen posttraumatisches Wachstum anhand einer Erdbeben-Metapher: Extrem belastende Lebensereignisse erschüttern, wie ein Erdbeben, das gesamte bisherige Leben der betroffenen Person (Tedeschi/Calhoun, 2004a). Lebensentwürfe, Pläne und Ziele geraten ins wanken und zerbrechen. Die eigene Sicherheit, Identität und Zukunft ist bedroht. Nach einem Erdbeben werden aber auch neue, stabilere Gebäude errichtet, die für zukünftige Beben besser gerüstet sind. Wenn eine Person, deren Leben von einem solchen „seismischen“ Ereignis erschüttert worden ist, neue Perspektiven und Ziele entwickelt und dadurch einen Zuwachs an Reife, Lebenswissen und Persönlichkeit erlebt, kann von posttraumatischem Wachstum gesprochen werden (Tedeschi/Calhoun, 2004).

Tedeschi und Calhoun haben fünf verschiedene Bereiche identifiziert, in denen posttraumatisches Wachstum auftreten kann:

  • Bewusstwerdung der eigenen Stärken
  • Entdeckung neuer Möglichkeiten im Leben
  • Intensivierung persönlicher Beziehungen
  • Wertschätzung des Lebens
  • Intensivierung des spirituellen Bewusstseins

Die Studie

Posttraumatisches Wachstum wurde bereits in mehreren Studien bei Menschen mit den unterschiedlichsten traumatischen Erlebnissen – wie beispielsweise schweren Krankheiten, Naturkatastrophen oder Gewalterfahrungen – erforscht.  In der vorliegenden Studie wurde untersucht, wie Menschen mit einer Querschnittlähmung das Phänomen des posttraumatischen Wachstums erleben und ob das Ausmaß, in dem es erlebt wird, von bestimmten Faktoren abhängt.

Um das posttraumatische Wachstum zu erfassen, wurde ein Fragebogen verwendet, der 21 Fragen zu subjektiv wahrgenommenen positiven Veränderungen nach einem traumatischen Erlebnis enthält. Der Fragebogen misst das posttraumatische Wachstum auf einer Skala von 0-105. Null bedeutet gar kein und 105 das höchstmögliche Ausmaß an posttraumatischem Wachstum. Auch die Lebenszufriedenheit, die Depressivität und das Stresserleben wurden mit verschiedenen standardisierten Fragebögen erfasst. Darüber hinaus wurden weitere Faktoren daraufhin überprüft, ob sie einen Einfluss auf das posttraumatische Wachstum der Teilnehmer haben.

Zu diesen Faktoren zählten

  • Alter
  • Geschlecht
  • Lähmungshöhe
  • Schwere der Erschütterung durch den Unfall
  • Unterstützung durch Familie und Freunde
  • Unterstützung durch andere querschnittgelähmte Personen
  • In Anspruch genommene psychologische Hilfe

Die Ergebnisse

Ausmaß an posttraumatischem Wachstum:

Bei der Auswertung des Fragebogens, der das posttraumatische Wachstum misst, erzielten alle Teilnehmer mindestens einen Wert von 1. Das bedeutet, dass alle Probanden zumindest im geringen Maße positive Veränderungen nach ihrem Unfall erlebt haben. Die Spannweite der Wachstumswerte (geringster Wert = 1, höchster Wert =97) deutet darauf hin, dass es in der Stichprobe dieser Studie große Unterschiede im Hinblick darauf gibt, in welchem Ausmaß positive Veränderungen nach dem Unfall erlebt wurden. Der größte Teil der Studienteilnehmer, 62.9%, erzielte Werte im mittleren Bereich, zwischen 40 und 70, während 15,7% der Probanden unter 40 und 21,4% der Studienteilnehmer über 70 lagen.

Die höchsten Wachstumswerte wurden auf der Skala Wertschätzung des Lebens verzeichnet. Möglicherweise haben bei vielen Teilnehmern die mit der Behinderung verbundenen Verlusterfahrungen dazu geführt, dass das, was geblieben ist, an Wichtigkeit gewonnen hat. Außerdem könnte die Erfahrung des Unfalls bewusst gemacht haben, dass das Leben schnell und plötzlich vorbei sein kann, und sich so die Wertschätzung des Lebens im besonderem Maße intensiviert haben. Nur wenig niedriger sind die durchschnittlichen Werte auf den Skalen Persönliche Stärke, Beziehung zu Anderen und Neue Möglichkeiten. Auffällig niedrig sind im Vergleich dazu die Werte auf der Skala Spirituelle Veränderungen. Dies könnte unter anderem daran liegen, dass Religion und auch Spiritualität nicht im Leben aller Menschen eine Rolle spielen, während die anderen vier Bereiche universeller sind und eine große Bedeutung für fast alle Menschen haben. Die Items der Subskala beschränken sich nicht nur auf Glaube und Religion im engeren Sinne. Trotzdem könnten die verwendeten Formulierungen so verstanden und von nicht religiösen Teilnehmern daher zurückhaltend beantwortet worden sein. Auch dies könnte die deutliche Diskrepanz zu den anderen Subskalen erklären.

Überraschend für eine Stichprobe von querschnittgelähmten Menschen sind die relativ hohen Werte auf der Skala Neue Möglichkeiten. Auf den ersten Blick scheint eine Behinderung zunächst etwas zu sein, was eine große Anzahl an Möglichkeiten für immer unmöglich macht. In einer Situation, in der ein Mensch in den Wahlmöglichkeiten für sein Leben beschränkt ist, zum Beispiel, wenn er nach einem Unfall plötzlich auf einen Rollstuhl angewiesen ist, könnten genau diese Einschränkungen dazu führen, dass er den Willen und die Kraft aufbringt, Dinge in seinem Leben zu verändern und Aufgabenfelder zu entdecken, die er sonst nie ausprobiert hätte, zum Beispiel in einer künstlerischen Betätigung.

Darüber hinaus können im Zuge der Rehabilitation und mit Hilfe der modernen Technik viele Dinge, die auf herkömmliche Weise nicht mehr ausgeführt werden können, auf eine andere Art und Weise wieder möglich gemacht werden. Dazu zählen zum Beispiel Autofahren mit Handgas, die Steuerung des Computers mit einer Mundmaus oder Sport im Rollstuhl. Auch dies könnte in den Augen vieler Teilnehmer die Eröffnung neuer Möglichkeiten dargestellt haben.

Zusammenhang mit weiteren Faktoren:

SH-16963420-Orange Line Media-kleinDie Ergebnisse der Untersuchung des Zusammenhangs zwischen posttraumatischem Wachstum und den weiteren Faktoren zeigen, dass eine positive Korrelation zwischen posttraumatischem Wachstum und Lebenszufriedenheit besteht. Das bedeutet, dass Teilnehmer der Studie mit einem hohen posttraumatischen Wachstum, gleichzeitig auch eine hohe Lebenszufriedenheit haben. Jedoch hat posttraumatisches Wachstum nicht notwendigerweise eine Reduktion des psychischen Stresses zur Folge. Vielmehr können Depressivität oder eine hohe Stressbelastung neben den positiven Veränderungen bestehen.

Auch Alter, Geschlecht, Lähmungshöhe und die wahrgenommene Schwere der Erschütterung durch den Unfall haben bei den Teilnehmern der Studie keinen Einfluss darauf, wie hoch das Ausmaß an posttraumatischem Wachstum ist. Ein deutlicher Trend zeichnet sich dagegen im Bezug auf die Unterstützung von Familie und Freunden ab. Das posttraumatische Wachstum ist umso höher, je mehr Unterstützung von den Betroffenen durch Familie und Freunde erlebt wurde. Hingegen hatte die in Anspruch genommene psychologische Hilfe und die Unterstützung durch andere Querschnittgelähmte für die Betroffenen kein höheres Ausmaß an Wachstum zur Folge.

Fazit

Die Ergebnisse zeigen, dass posttraumatisches Wachstum bei den querschnittgelähmten Teilnehmern dieser Studie verbreitet ist, jedoch haben die meisten der untersuchten Faktoren keinen Einfluss auf das Ausmaß. Es bleibt weitgehend unklar, welche Faktoren das posttraumatische Wachstum beeinflussen. Ein Trend zeichnet sich im Bezug auf die Unterstützung von Familie und Freunden ab, jedoch ist dieser Unterschied statistisch nicht signifikant. Um hier konkretere Erkenntnisse zu bekommen, sind weitere Studien notwendig.

Die Arbeit hatte aber zunächst das Ziel, erst einmal einen breiten Überblick über die Thematik zu bekommen. Anders als der überwiegende Teil der Literatur, der sich mit den psychischen Belastungen, Problemen und Einschränkungen einer Querschnittlähmung beschäftigt, wurden mit der vorliegenden Arbeit auch mögliche positive Traumafolgen thematisiert, um so ein umfassenderes Bild davon zu vermitteln, welche Veränderungen eine Querschnittlähmung in einem Menschen hervorrufen kann.

Über die Darstellung der Ergebnisse hinaus, enthält die Arbeit eine Diskussion darüber, ob und wie posttraumatisches Wachstum in der psychologischen Betreuung während der Erst-Rehabilitation gefördert werden könnte.

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Wer an diesem Thema Interesse hat, kann die komplette Arbeit zum Lesen über die Redaktion (info@der-querschnitt.de) bei der Autorin anfordern. Ihr Dank gilt allen, die an der Studie teilgenommen haben.

 

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