Das Immunsystem

Das Immunsystem ist das körpereigene Abwehrsystem, das den Organismus vor Krankheitserregern schützt. Es setzt sich aus mehreren Akteuren zusammen. Im Fall einer Querschnittlähmung ist eine Einschränkung der Immunabwehr möglich.Bild 96798679 Copyright John-T-Takai, 2013 Mit Genehmigung von shutterstock.com

Der Körper: Eine Festung

Im Kampf gegen Krankheitserreger und körperfremden Molekülen stehen dem Körper einige Abwehrmechanismen zur Verfügung, die es Bakterien, Viren, Keimen, etc. erschweren überhaupt erst in den Organismus einzudringen.

  1. Die Haut
    Mit ihrem pH-Wert von 5,7 (leicht sauer) bildet die Haut einen Säureschutzmantel, der fremde Keime abtöten kann. Wenn die Haut Verletzungen aufweist, ist diese Schutzbarriere geschwächt. Selbst Mikrorisse in der Haut können Tür und Tor für Krankheitserreger darstellen. Vor allem Querschnittgelähmte sollten aufgrund gegebener Sensibilitätsstörungen aktiv auf eine optimale Pflege der Haut achten (siehe: Die Haut bei Querschnittlähmung) und täglich eine Hautkontrolle (siehe: Hautkontrolle bei Querschnittlähmung) durchführen.
  2. Die Schleimhäute
    Sowohl Tränenflüssigkeit als auch Speichel enthält Enzyme, die Bakterien abtöten können. Die Scheide ist durch ein saures Milieu geschützt. Dabei ist es wichtig, die Schleimhäute (und auch die Haut) vor dem Austrocknen zu bewahren, da diese Schutzfunktion andernfalls nicht gewährleistet ist. Auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr ist daher stets zu achten (siehe: Trinkverhalten bei Querschnittlähmung).
  3. Die Atemwege
    Die Flimmerhärchen und der Schleim in Nase und Lungen können Erregern das Eindringen über die Atmung erschweren. Vor allem bei Tetraplegikern mit sehr hoher Lähmung können die Atemwege anfällig sein, wenn z. B. Schluckfunktionsstörungen vorliegen und es zu einer Aspiration bzw. einer stillen Aspiration kommt (siehe: Schluckfunktionsstörungen bei Querschnittlähmung und/oder Atemproblematik).
  4. Das Verdauungssystem
    Die salzsäurehaltige Magensäure tötet die meisten Bakterien und Mikroorganismen effektiv ab. Im Darm findet eine Infektabwehr durch die Bakterien der Darmflora statt. Die optimale Zusammensetzung der Darmflora kann von verschiedenen Faktoren, u. a. Medikamenteneinnahme, negativ beeinflusst werden.
  5. Die Blase
    Die Blase schützt sich sehr effektiv durch zum einen den osmotischen Effekt der Harnstoffkonzentration; zum anderen werden Blase und Harnröhre durch den Harn laufend gespült und sind so gegen das Einnisten von Bakterien geschützt. Diese Funktion ist bei Querschnittgelähmten, die einen Katheter verwenden, eingeschränkt und tatsächlich sind Harnwegsinfekte ein häufig auftretendes Problem (siehe: Blasenfunktion bei Querschnittlähmung).

Erst wenn es Krankheitserregern gelungen ist, diese mechanischen und physiologischen Barrieren zu überwinden, kommt das Immunsystem im eigentlichen Sinne zum Zug.

Die Aufgaben des Immunsystems

Bei der Abwehr von Krankheitserregern arbeiten unterschiedliche Zellen zusammen. Solange sie dies effizient tun, bleibt man gesund; zu Erkrankungen kann es kommen, wenn z. B.  die Leistungsfähigkeit des Immunsystems bzw. seiner einzelnen Akteure geschwächt ist oder wenn der zu bekämpfende Krankheitserreger besonders aggressiv ist oder bisher unbekannt war.

Neben dem Erkennen und Unschädlichmachen von Bakterien, Viren, Parasiten und Pilzen, hat das Immunsystem die Aufgabe Schadstoffe aus der Umwelt zu erkennen und zu neutralisieren sowie krankhaft veränderte körpereigene Zellen (z. B. Krebszellen) zu finden und zu bekämpfen.

Dabei ist es wichtig, dass die Abwehrzellen (die Lymphozyten) den Unterschied zwischen körperfremden, körpereigenen und veränderten körpereigenen Zellen bzw. Stoffen kennen. Dieser „Lernprozess“ findet während der frühen Lebensjahre statt. Wenn diese Erkennungsmechanismen gestört sind, greift das Immunsystem eigene gesunde Körperzellen an und Autoimmunerkrankungen bzw. Autoimmunreaktionen liegen vor.

Das Immunsystem und seine Akteure

Zum Immunsystem gehören die Organe Milz und Thymus und Gewebe wie Knochenmark, Lymphknoten, Mandeln und das lymphatische Gewebe des Darms. Zudem zählen die Immunzellen (die Abwehrzellen der weißen Blutkörperchen) zum Immunsystem, die sich in fast allen Geweben des Körpers befinden. All diese Akteure erfüllen entweder einzeln oder als Gemeinschaft sowohl spezielle als auch allgemeine Aufgaben und beeinflussen und bedingen sich gegenseitig.

Die lymphatischen Organe

Die lymphatischen Organe sind spezialisierte Organe bzw. Gewebe zur Bildung, Vermehrung, Differenzierung und Prägung der Lymphozyten. Zu den sog. primären lymphatischen Organen gehören das Knochenmark und der Thymus.

  • Knochenmark

Das Knochenmark ist ein schwammartiges Gewebe im Knocheninneren, in dem die meisten Abwehrzellen gebildet und vermehrt werden. Von dort aus werden weitere Organe und Gewebe über das Blut mit Abwehrzellen versorgt, wo diese reifen und sich auf unterschiedliche Aufgaben spezialisieren. Es gilt: Je jünger der Mensch umso mehr rotes Knochenmark (das aktiv Abwehrzellen bildet) ist in den Knochen vorhanden.

Die Lymphozyten, die im Knochenmark gebildet werden, heißen B-Lymphozyten oder B-Zellen. B steht für bone marrow (dt.: Knochenmark). Ebenfalls im Knochenmark gebildet werden natürliche Killerzellen (NK-Zellen), die sich in ihrer Größe von B- und T-Zellen unterscheiden und veränderte Zellen gezielt angreifen.

  • Thymus

Der Thymus (auch: Thymusdrüse oder Bries) ist ein drüsenähnliches Organ hinter dem Brustbein über dem Herzen. Im Thymus werden bestimmte Abwehrzellen geprägt, die sog. T-Lymphozyten bzw. T-Zellen (Das T im Namen steht für Thymus, in dem sie heranreifen), die Oberflächenveränderungen an Zellen überwachen und körperfremde Strukturen von körpereigenen unterscheiden. Wenn diese T-Zellen auf Fremdkörper treffen, lösen sie als T-Effektorzellen verschiedene Abwehrreaktionen aus. Dazu gehört z. B. das Bilden von T-Killerzellen, die infizierte Zellen zerstören.

In den sekundären lymphatischen Organen wird durch Zusammentreffen von Antigenen und immunkompetenten Lymphozyten eine spezifische Immunantwort ausgelöst, d.h. die eigentliche Arbeit wird verrichtet, da die Abwehrzellen hier Kontakt mit Fremdstoffen und Krankheitserregern haben. Sekundäre lymphatische Organe sind:

  • Lymphknoten und -gefäße
  • Mandeln (auch: Tonsillen)
  • Milz
  • Lymphfollikel inkl. der Peyer-Plaques im Dünndarm und im Wurmfortsatz
  • Weitere spezialisierte Gewebe in Darmschleimhaut und anderen Schleimhäuten

Lymphknoten

Die Lymphknoten sind als Teile des Lymphsystems im ganzen Körper verteilt und wirken wie eine Filterstationen für Gewebewasser (Lymphe). In ihnen enthalten sind verschiedene Abwehrzellen, die Krankheitserreger abfangen und die Bildung spezieller Antikörper im Blut anregen. Sollte es zu Veränderungen (z. B. Schwellungen, Verhärtungen, Schmerzen) an den Lymphknoten kommen, findet i. d. R. eine aktive Abwehrreaktion auf Krankheitserreger statt. Wenn dieser Zustand über einen längeren Zeitraum anhält, kann dies auf bösartige Veränderungen körpereigener Zellen, d. h. eine Krebserkrankung, schließen lassen.

Milz

Die Milz liegt im linken Oberbauch unter dem Zwerchfell und hat vielfältige Aufgaben innerhalb des Abwehrsystems. Hier werden Blut- und Abwehrzellen gebildet, gespeichert und abgebaut. Im Zuge der Immunabwehr entsendet die Milz die in ihr gespeicherten Fresszellen (auch: Makrophagen), die  Krankheitserreger angreifen und unschädlich machen. Ferner werden Thrombozyten (auch: Blutplättchen), die u. a. die Blutgerinnung regulieren, in der Milz gespeichert und abgebaut.

Muss die Milz entfernt werden, übernehmen andere Abwehrorgane zu einem Großteil ihre Aufgabe.

Mandeln (auch: Tonsillen)

Rachen und Gaumen – und damit die Mandeln – haben besonders viel Kontakt mit Krankheitserregern. In den Mandeln befinden sich Lymphozyten, die schnell zur Bekämpfung dieser Erreger aktiv werden. Wenn Mandeln entfernt werden, so sind dies die Gaumenmandeln rechts und links. Es gibt aber noch die Rachenmandeln am Gaumendach, die Zungenmandeln am Zungengrund und den Seitenstrang, die ein Fortführen der Funktion der Mandeln bei der Immunabwehr gewährleisten.

Lymphfollikel (auch: Lymphknötchen) im Darm und anderen Schleimhäuten des Körpers

Lymphfollikeln kommen im gesamten Dünndarm vor und spielen als Ansammlung von Zellen des speziellen, erworbenen Immunsystems eine wichtige Rolle bei der Infektionsabwehr im Darm und bei der Weiterverbreitung immunologischer Informationen, d. h. sie erkennen Keime und andere fremde Stoffe, markieren und zerstören sie und speichern die Informationen dieser Fremdstoffe, um später schneller reagieren zu können. Besonders erwähnt werden hierbei die Peyer-Plaques (auch: Peyer-Drüsen, -Haufen oder -Platten), zusammenhängende Ansammlungen von 10 bis 50 Lymphfollikeln, die im Dünndarm, vor allem aber im Wurmfortsatz vorkommen.

Im Dickdarm befinden sich zudem dauerhaft körpereigene Bakterien, die sogenannte gesunde Darmflora. Durch das Vorhandensein dieser Bakterien, können sich fremde Keime nur schwer ansiedeln und in den Körper eindringen.

Auch an anderen Körperstellen, an denen Krankheitserreger eintreten können, gibt es an den Schleimhäuten Lymphgewebe. Mögliche Eintrittspforten für Krankheitserreger sind beispielsweise Atem- und Harnwege mit lymphatischem Gewebe in Bronchien, Nasen-, Harnblasen- und Vaginalschleimhaut. Die Abwehrzellen befinden sich dabei direkt unter der Schleimhaut und verhindern die Anheftung von Bakterien oder Viren (GI, 2010).

Das Immunsystem bei Querschnittlähmung

Die Immunabwehr scheint bei Menschen mit Rückenmarksverletzungen in individuell unterschiedlichem Ausmaß geschwächt zu sein (Strubreither, et al, 2014); besonders betroffen sind Tetraplegiker. „Das Gehirn verliert die Kontrolle über das Immunsystem, da der neuronale Kommunikationspfad unterbrochen ist“, erklären die Neurologen Jan Schwab und Benedikt Brommer von der Berliner Charité, die auch den Begriff SCI-ID Syndrom , d. h. das Spinal Cord Injury-Induced Immune Deficiency Syndrome (dt.: Rückenmarksverletzungsverursachte Immundefekt Syndrom) prägten. Laut ihnen gilt: Je höher am Rückgrat die Verletzung, desto größer das Infektionsrisiko. Patienten mit einer Läsion im Bereich der Halswirbelsäule seien besonders gefährdet, da bei ihnen mehr nachgeschaltete Neuronen in Mitleidenschaft gezogen seien.

Teil des Problems scheint zu sein, dass das Zusammenspiel zwischen Immunsystem und dem vegetativen Nervensystem nach einer Rückenmarksverletzung nicht mehr optimal funktioniert. Durch die Schädigung werden unkontrolliert Botenstoffe ausgeschüttet, die die Immunzellen außer Gefecht setzen. Bereits 24 Stunden nach Eintritt der Verletzung ist die Konzentration der weißen Blutkörperchen drastisch verringert. Das Immunsystem scheint Abwehrzellen aus dem Blut „zurückzurufen“, um sie in der Milz abzubauen statt sie zur Abwehr von Krankheitserregern einzusetzen. Frühzeitige Antibiotikatherapien könnten das Infektrisiko reduzieren (Schwab/Brommer, 2013).

Eine im März 2016 im Magazin Brain veröffentlichte Studie bestätigt diesen Einfluss der Querschnittlähmung auf das Immunsystem und bezeichnet es als Lähmung des Immunsystems.

US-amerikanische Studien geben Hinweise darauf, dass die Autonome Dysreflexie eine Rolle bei der verminderten Immunabwehr bei Querschnittlähmung, insbesondere bei Tetraplegikern, spielen könnte. In Tierversuchen konnte die Funktion des Immunsystem wiederhergestellt werden, indem Medikamente verabreicht wurden, die die immunsuppressiv wirkenden Hormone bzw. Neurotransmitter Noradrenalin (auch: Norepinephrin) und Glucocorticoide hemmen. Eben diese Hormone sind es, die bei einer Autonomen Dysreflexie u. a. freigesetzt werden (siehe: Was geschieht bei einer Autonomen Dysreflexie?). Sie gelangen über das Blut in die Organe, auch jene, die am  Immunsystem beteiligt sind, und töten die weißen Blutkörperchen und damit die Abwehrzellen des Körpers ab. Inwieweit diese Studienergebnisse zu einer möglichen Behandlung führen können, ist derzeit noch unklar (Scahill, 2013).

Um das Immunsystem effektiv zu unterstützen, stehen verschiedene Mittel und Wege zur Verfügung. Siehe hierzu: Das Immunsystem stärken oder Infektionen vermeiden durch richtige Händehygiene

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