Kunst als Mittel der Verarbeitung

Im Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) in Nottwil gehört die rehabilitativ orientierte Kunsttherapie zum ganzheitlichen Therapieangebot an Patienten mit Para- oder Tetraplegie.

SH-70519174-val-lawless-gross

„Künstlerischer Ausdruck in der Therapie ist meistens spontan, unmittelbar und echt“, so die Autoren des Kapitels „Die rehabilitativ orientierte Kunsttherapie“ in dem Band  „Paraplegie – Ganzheitliche Rehabilitation“ über ihr Konzept. Die Therapie ermögliche emotionalen Austausch, weil der künstlerische Ausdruck einzigartig und persönlich von starken Gefühlen wie Wut, Ohnmacht oder Verzweiflung erzähle.

Kunsttherapie in Deutschland und der Schweiz

In Deutschland gibt es noch kein einheitliches Berufsbild für Kunsttherapie. Hier sind allerdings kunsttherapeutische Ausbildungsgänge an mehreren Hochschulen und Fachhochschulen, teilweise auch staatlich, anerkannt (Wikipedia, 2015).

In der Schweiz gilt der Begriff Kunsttherapie für alle künstlerischen Therapieformen:

  • Bewegungs- und Tanztherapie
  • Drama- und Sprachtherapie
  • Gestaltungs– und Maltherapie
  • Intermediale Therapie
  • Musiktherapie

Kunsttherapie am Schweizer Paraplegiker-Zentrum

Die Kunsttherapie des SPZ Nottwil setzt sich aus drei Bausteinen zusammen:

  • Aktiv künstlerisch tätig werden
  • Kunst betrachten
  • Eigene und fremde Kunst reflektieren

In der Therapie entstehen Bilder, Zeichnungen und Plastiken (siehe auch: Gestaltungstherapie – Ein Ausdruck für das Unsägliche), aber auch Poesie oder Szenenspiel. Sie sind Ausdruck von Gefühlen, Träumen, Hoffnungen oder Zielen und können dem eigenen Selbstbild eine Form geben, für die Worte manchmal (noch) nicht reichen: „Der nonverbale Aspekt der Kunsttherapie verleiht ihr im Rahmen der Rehabilitation und Krankheitsverarbeitung eine wichtige Stellung, denn sie kann sichtbar und begreifbar machen, was mit Worten nicht, noch nicht oder schwierig zu formulieren ist“ (Zäch/Koch, 2006).

Ein Bild entwickelt Eigendynamik – wie das Leben

Die Therapiesitzungen sind so gestaltet, dass die Therapeuten Techniken oder Themen anbieten, eine freie Wahl aus verschiedenen Materialien anregen oder der Patient zunächst scheinbar absichtslos beginnt und sich gestalterisch auf Assoziationen einlässt. „Kunsttherapeutische Arbeit aktiviert innere Suchprozesse und ermöglicht ein umfassendes Wahrnehmen von sich selbst und seiner Umgebung“ (Zäch/Koch, 2006).

Der Schaffensprozess verlangt in der Regel nicht wenig an Flexibilität: Zeitrahmen und Material eröffnen Möglichkeiten, setzen aber auch Grenzen. Wer künstlerisch arbeitet, muss viele Entscheidungen treffen, Farben, Formen oder Strukturen auswählen und immer wieder Kompromisse machen oder alternative Lösungen suchen. Damit tun vergleichsweise frisch verletze Patienten im Kleinen das, was von ihnen in größeren Zusammenhängen jetzt so stark und unerbittlich gefordert wird: Sie müssen sich umorientieren, ursprüngliche Pläne verwerfen oder adaptieren und neue Strategien entwickeln. „Durch aktive Teilnahme an der Kunsttherapie erfährt der Patient Eigeninitiative, Kreativität, Humor, Mut und Vertrauen zu sich selbst und zur Umwelt“ (Zäch/Koch, 2006). In der gemeinsamen Betrachtung und Interpretation des Geschaffenen schließlich können sich Standpunkte und Wahrnehmungen erweitern.

Kunst rezipieren

Bei Patienten mit hoher Tetraplegie bietet sich ein rezeptiver Ansatz an. Aktive motorische Bewegungen des Patienten sind dafür nicht nötig.

Die geführte Bildbetrachtung stimuliert Sinneswahrnehmung und Empfinden, regt die Vorstellungskraft an und kann eine erzählerische Ebene eröffnen. Der Therapeut setzt dabei Impulse, die das Malen eines Bildes im Geiste unterstützen. Über Rezeptoren sollen diese Reize eine „Kommunikation zwischen dem Organismus und der Umwelt“ fördern. „In diesem Sinne können äußere visuelle und auditive Impulse beim Patienten auch auf organische Strukturen einwirken und physische und psychische Genesungsprozesse mit beeinflussen“, glauben die Experten (Zäch/Koch, 2006). Das sei auch aus der Erforschung der Farbtherapie bekannt.

Neue Bildgestaltung nach Anweisung des Patienten Hierbei leiht der Therapeut seinem Patienten sozusagen seine Motorik und wird für ihn tätig. Aus dem individuellen therapeutischen Gespräch heraus werden Bilder aus einem dafür angelegten Archiv ausgewählt. Die Bilder werden vom Therapeuten nach Vorgabe des Patienten verändert, überarbeitet und zu einer neuen Bildgestaltung zusammengesetzt. In einer Abbildung veranschaulichen die Autoren, was sie damit meinen: So wurde das Schwarz-Weiß-Foto eines Eingangstors zu einem Schloss oder einem herrschaftlichen Anwesen mit einer leuchtend organgefarbenen Fläche belegt, also eher in Richtung einer Collage gearbeitet.

„Das Konstruieren und Rekonstruieren von Wirklichkeit mit Hilfe von vorhandenem Bildmaterial regt den Zugang zur persönlichen Imaginationskraft, der Fantasie und zu den Sinnesreizen an“ (Zäch/Koch, 2006).

Kosten

Die Kunsttherapie gehört in Deutschland nicht zum Pflichtkatalog der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), ist also immer eine individuelle Gesundheitsleistung (IGeL), die meist von den Versicherten selbst bezahlt werden muss. „Jedoch können bestimmte handwerkliche oder gestalterische Methoden Bestandteil der Ergotherapie oder der medizinischen Rehabilitation sein, die im GKV-Leistungskatalog enthalten sind“ (IGeL-Monitor, 2013).

 

 

Andrea Holstein veröffentlichte einen Bericht über die Begleitung eines Patienten mit einer Querschnittlähmung mittels rezeptiver Kunsttherapie im SPZ: Zum Bericht (PDF)

 

 

 

Fragen & Kommentare

Fragen & Kommentare zu diesem Artikel


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu hinterlassen.

Zur Registrierung geht es hier lang.