Stehtraining für Menschen mit Querschnittlähmung

Das Stehtraining ist ein wichtiger Teil der Rehabilitation von Querschnittgelähmten. Bei richtiger ergonomischer Anwendung kann das tägliche Stehtraining einen entscheidenden Beitrag zur Vorbeugung verschiedener Langzeit- und Folgeerkrankungen leisten.Bild 105845495 Copyright Tyler-Olson, 2013 Mit Genehmigung von Shutterstock.com

Für ein ergebnisorientiertes Stehtraining bedarf es der Unterweisung durch einen geschulten Physiotherapeuten und spezieller Hilfsmittel, die die verlorene Muskelkraft und -kontrolle ausgleichen können. Diese müssen individuell angepasst werden. Paraplegiker können sich mit diesen Hilfsmitteln aus einer sitzenden in eine stehende Position ziehen; Tetraplegiker benötigen ein Hilfsmittel, das sie in die aufrechte Position bringt.

In den Querschnittzentren, u. a. am Schweizer Paraplegiker Zentrum in Nottwil, wird mit (fast) allen Patienten ein Stehtraining durchgeführt. Meist findet es täglich und unabhängig von der Läsionshöhe statt. Die Dauer des Trainings beträgt meist ca. 30 Minuten; dieser Zeitraum wird auf für die weitere Rehabilitation im häuslichen Umfeld empfohlen. Grund hierfür sind die positiven, teils prophylaktischen Auswirkungen, die das Stehtraining für Querschnittgelähmte haben kann. Als gesichert gelten:

  • Kontrakturenprophylaxe für Hüft-, Knie- und Sprunggelenke
  • Dekubitusprohylaxe durch die Entlastung des Gewebes an den unteren Extremitäten)
  • Tonusregulation, d. h. eine mögliche Reduzierung von Spastik
  • Kreislauftraining (Zäch/Koch)

Weitere Quellen nennen folgende Effekte:

  • Osteoporoseprophylaxe (verringerter Abbau an Knochensubstanz unterhalb der Läsionshöhe)
  • Verbesserung der Atemfunktion
  • Aktivierung der Durchblutung von Muskulatur und Haut
  • Stärkung des Immunsystems durch freien Fluss im Lymphsystem
  • Verbesserung der Darmfunktion und Aktivierung der Darmperistaltik
  • Verbesserung des Urinabflusses und dadurch geringeres Infektionsrisiko
  • Stärkung der aktiven und passiven Muskulatur
  • Erhöhung der Belastbarkeit der unteren Extremitäten
  • Aktivierung der Wadenpumpe
  • Verbesserung des Körpergefühls
  • Verbesserte Schlafmuster
  • Stärkung des Selbstwerts durch Begegnung auf Augenhöhe (Spinal Cord Injury Centre Physiotherapy Lead Clinicians April, 2013 / Ratgeber Stehen, 2015)

Was zu beachten ist:

Es gibt verschiedene Aspekte, die bei einem Stehtraining bestimmt und beachtet werden müssen, um zu vermeiden, dass diese Therapieform Schäden hervorruft.

  • Verringerte Knochendichte
    Eine häufige Folgeerscheinung bei Querschnittlähmung ist der Abbau an Knochensubstanz unterhalb der Läsionshöhe und eine damit einhergehende Osteoporose (siehe: Osteoporose bei Querschnittlähmung). Das Stehtraining kann je nach Ausmaß der Osteoporose zu Knochenbrüchen führen. Andererseits gibt es Hinweise darauf, dass einer Demineralisation durch frühzeitiges Stehtraining vorgebeugt werden kann.
  • Herz-/Kreislaufbeschwerden
    Beim Stehtraining können Kreislaufprobleme, niedriger Blutdruck und dessen Symptome inkl. Kopfschmerzen, Schwindelgefühl und Erschöpfung auftreten. Erfahrungsgemäß verringern sich diese Symptome im Laufe der Anwendungen; anfänglich können Brustbinden und Stützstrümpfe helfen, diese Beschwerden zu minimieren.
  • Schmerzen/Spastik
    Verschiedene Studien weisen darauf hin, dass in seltenen Fällen Rückenschmerzen entstehen können, wenn die Nutzer mit angespannten Hüftbeugemuskeln stehen; auch kann es selten zu einer gesteigerten Spastik kommen.

Hilfsmittel für das Stehtraining

Für das Stehtraining stehen verschiedene Hilfsmittel zu Auswahl:

  • Freistehbarren, manueller
    • Geeignet für Paraplegiker
    • Die Fixation des Beckens erfolgt über eine schwenkgare Platte
    • Standort, Höhe, Arbeitsfläche und Stützholme sind frei verstellbar
  • Freistehbarren mit elektrischer oder mechanischer Gurtvorrichtung
    • Geeignet für hohe Paraplegiker und tiefe Tetraplegiker
    • Rollgurtvorrichtung ermöglicht selbstständiges Aufstehen
    • Standort, Höhe, Arbeitsfläche und Stützholme sind frei verstellbar
    • Ob die Rollgurtvorrichtung mechanisch oder elektrisch sein soll, hängt von Lähmungshöhe, Alter und Konstitution des Nutzers ab
  • Stehbett (auch: Stehtisch, Stehliege)
    • Kombination aus Steh- und Pflegebett bzw. -liege
    • Geeignet für Tetraplegiker
    • Einfach und zuverlässig in der Handhabung
  • Stehrollstuhl, elektrohydraulischer (siehe: Stehrollstühle und TEK RMD – Der Stehrollstuhl für den Innenraum)
    • Geeignet für Paraplegiker, selten auch für Tetraplegiker
    • Vorteil: ein ständiges Wechseln zwischen stehender und sitzender Position ist möglich
    • Nachteil: die Kontrakturenprophylaxe ist nicht gegeben, da Hüft-, Knie- und Sprunggelenke nicht exakt in Neutralstellung übereinander eingestellt werden können
  • Wandstehgerät
    • Geeignet für Paraplegiker
    • Nutzer ist beim Training standortgebunden, da die Vorrichtung an der Wand fixiert werden muss

Neben der Lähmungshöhe und individuellen Möglichkeiten spielen die Präferenzen des Anwenders bei der Wahl des Stehhilfsmittels eine Rolle (Zäch/Koch, 2006).

Siehe auch: „Ratgeber Stehen“ für Rollstuhlfahrer, Angehörige und Therapeuten

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