Die Gehfunktion erhalten: Orthesenversorgung bei Querschnittlähmung

Bei inkompletter und/oder sehr tiefer Querschnittlähmung kann die Gehfunktion der Beine unter Umständen erhalten bleiben. Das Gangbild kann durch eine entsprechende Orthesenversorgung ermöglicht bzw. verbessert werden.

Orthesenversorgung bei Querschnittlähmung.

Orthesenversorgung bei Querschnittlähmung.

Was ist eine Orthese?

Der Begriff Orthese ist ein Sammelbegriff für technische Hilfsmittel zur Verbesserung der Funktion des Bewegungsapparates. Orthesen helfen Querschnittgelähmten bei der Stabilisierung der gelähmten Körperteile. Dadurch ermöglichen sie u. U. Bewegungen und beugen außerdem sekundären Schäden vor, indem sie z. B. Muskelimbalancen entgegenwirken.

Verschiedene Faktoren haben einen Einfluss auf die patientengerechte Orthesenversorgung, z. B.:

  • Läsionshöhe
  • Muskelstatus
  • Alter
  • Gewicht
  • Größe
  • Aktivitätslevel

Material und Fertigung

Am Anfang der Anpassung stehen das Maßnehmen und das Anfertigen eines Gipsabdrucks des zu versorgenden Körperteils, um alle Merkmale zu erfassen und ihnen gerecht zu werden. Schienen, die zur Gangverbesserung bei Querschnittlähmung eingesetzt werden, bestehen heute meist aus gegossenem Titan und Karbon. Dies macht sie besonders stabil, aber auch sehr unflexibel, was Veränderungen angeht. Falls die Konturen, z. B. der Oberschenkelumfang, sich maßgeblich verändern, muss eine neue Schiene gefertigt werden.

Die Zukunft der Orthesenversorgung wird wohl im 3-D Druck liegen. Im Vergleich mit der industriellen Fertigung bzw. Anfertigung vom Orthopädietechniker würde eine Herstellung mit 3-D Druckern das Verfahren erheblich vereinfachen. Das für den 3D-Druck verwendete Material ist meist auf Polyamid-Basis verstärkt mit z. B. Glasfasern, was es sehr elastisch und widerstandsfähig macht.

Bevor eine Orthese im 3D-Drucker gedruckt wird, werden die Gliedmaßen des Auftraggebers mit einem Sensor abgetastet und gespeichert. Basierend auf diesen Daten wird das 3-D Modell der Orthese gefertigt. Damit würden einerseits die Kosten reduziert werden und andererseits die Realisierungszeiten verkürzt werden. Zudem sollen sich laut Herstellerangaben Passgenauigkeit, Tragekomfort und medizinische Wirkung verbessern.

Angepasste Orthese (links) und ein Modell "von der Stange".

Angepasste Orthese (links) und ein Modell „von der Stange“.

Orthesen zur Unterstützung der Gehfähigkeit

Zum Unterstützen der Gehfähigkeit werden folgende Orthesen eingesetzt:

Fußhebeschiene.

Fußhebeschiene.

  • (Doppelseitige) Oberschenkelorthesen
  • Unterschenkelorthesen
  • Fußheberschiene
  • Orthopädische Schuhe und/oder Bandagen

Dabei werden je nach Indikation (d. h. Läsionshöhe und Ausfallserscheinung) und abhängig von der Funktion, die unterstützt werden soll, verschiedene Ausführungen gewählt. Voraussetzungen für einen erfolgreichen Ortheseneinsatz in der Gangschule sind jedoch immer:

Welche Orthese bei welcher Lähmungshöhe?

Oberschenkelorthese

Oberschenkelorthese.

Oberschenkelorthese.

Oberschenkelorthesen werden bei Lähmungen mit einer Läsionshöhe bis L4 bzw. Th12 eingesetzt. Sie können durch unterschiedlicher Knie- und Knöchelgelenke bzw. Carbonfedern individuell an die Bedürfnisse und Anforderungen des Nutzers angepasst werden. Eine einseitige Schienenversorgung ist ebenfalls möglich, falls nur eine Körperseite von der Lähmung betroffen ist. 

  • Oberschenkelschiene mit rückverlagertem Kniegelenk ermöglichen das Gehen und Stehen bei einer Läsionshöhe von L4.
  • Oberschenkelschiene mit manuell entriegelbarem gesperrten Kniegelenk ermöglichen das Gehen und Stehen bei einer Läsionshöhe von Th12.

Neben ihrer Funktion zur Unterstützung der Gehfähigkeit werden Oberschenkellagerungsschienen auch bei hohen Lähmungen (C1 – C4) zur Prophylaxe bei Kontrakturen eingesetzt (siehe: Kontrakturen bei Querschnittlähmung).

Doppelseitige Oberschenkelorthesen

Reziproke Geh- und Stehorthesen, auch hüftübergreifende Orthesen genannt, verfügen über bewegliche Hüftgelenke, die über einen dorsal liegenden Kabelzug miteinander verbunden sind. Eine starre Verbindung der Beine ermöglicht das Gehen ohne Beinmuskulatur und unter Rumpfmuskulatur.

Geeignet sind doppelseitige Oberschenkelorthesen für eine Lähmung von unterhalb Th12

Unterschenkelorthesen

Unterschenkelorthese.

Unterschenkelorthese.

Unterschenkelorthesen werden bei Lähmungen mit einer Läsionshöhe bis L5 eingesetzt. Unterschiedliche Knöchelgelenke bzw. Carbonfedern können je nach Anforderungen zum Einsatz kommen. Es gibt:

  • Fußheberschienen, die einer frühzeitigen Ermüdung beim Gehen entgegenwirken.
  • Bei einem Ausfall der Unterschenkelmuskulatur (aber gegebener Kontrolle der Hüft- und Kniefunktion) kommen Unterschenkelschienen mit ein- oder doppelseitigen Fußgelenken zum Einsatz. Mit einem Federmechanismus unterstützen sie die Dorsalflexion und sorgen so für mehr Stabilität und einen kontrollierten Abrollvorgang des Fußes.

Schuhe und Strümpfe

Bei der Verwendung von Orthesen ist ebenfalls zu beachten, dass sie häufig mit orthopädischen Schuhen kombiniert werden müssen, um eine funktionelle Einheit bieten zu können. In Frage kommen folgende Möglichkeiten:

  • Speziell angefertigte orthopädische Schuhe zur Unterstützung eines funktionellen Gangbildes bei entsprechender Orthesenversorgung je nach Läsionshöhe.
  • Bei inkompletter Lähmung eignen sich Stabilisationsschuhe, die durch Einschränkung der Supination und Pronation für mehr Stabilität sorgen.
  • Konfektionsschuhe, die nach einer orthopädischen Anpassung, der sog. Schuhzurichtung, die Statik oder die Dynamik beim Gehen und Stehen verbessern.

Unter Orthesen sollten Orthesenstrümpfe getragen werden. Diese stellen einen angenehmen Tragekomfort der Orthese sicher und verhindern Druckstellen, Einschnürungen sowie Zirkulationsstörungen. Durch die verwendeten hautfreundlichen Materialien wird Feuchtigkeit nach außen transportiert und so die Haut geschützt.

 

Siehe auch: Die inkomplette Querschnittlähmung

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