Von Einhörnern, Fröschen und Rollstühlen

Nach einer traumatischen Querschnittlähmung ändert sich das Leben. Dies gilt für Erwachsene ebenso wie für Kinder, für die die plötzlichen Einschränkungen zunächst oft noch weniger leicht zu begreifen sind. Das Jugendbuch „Timos Reise“ kann Kindern helfen, das Leben im Rollstuhl anzunehmen und mit all seinen Abenteuern und Möglichkeiten voll auszukosten.

timosreise

Aus dem Inhalt

Timo sitzt nach einem Unfall im Rollstuhl und hadert mit seinem Schicksal. Er ist wütend darüber, dass er seine Beine nicht bewegen kann, dass er nicht mehr Fußball spielen kann, dass sich von seinen Freunden kaum jemand blicken lässt, dass er umziehen und die Schule wechseln muss und darüber, dass Mama heimlich weint. Mehr als alles andere wünscht er sich, wieder ein ganz normaler Junge zu sein. Als dann auch noch ein Frosch im Rollstuhl in seinem Zimmer auftaucht und mit ihm spricht, glaubt Timo den Verstand zu verlieren.

Schnell wird klar, dass nicht Timo verrückt ist, dass höchstens der Frosch ohne Beine, dessen Name vielleicht oder vielleicht auch nicht Ernst lautet, ein bisschen verwirrt ist. Der Frosch nimmt Timo mit auf eine fantastische Reise, bei der, wie so oft im Leben, der Weg das Ziel ist. Timo trifft:

  • Ein schwarzes Einhorn, das schüchtern ist, weil es anders aussieht als die anderen Einhörner,
  • Einen kleinwüchsigen Bären, der nicht angestarrt werden möchte,
  • Eine blinde Dame, die in die Zukunft sehen kann, und
  • Einen einsamen Pinguin, der traurig ist, weil er als einziger Vogel nicht fliegen kann.

Mit ihnen spricht er und allen wird geholfen…

Inception mit Ernst, dem Frosch

Es könnte "Ernst" sein...

Es könnte „Ernst“ sein…

Während Kinder eine aufregende, lustige Geschichte lesen, wird Erwachsenen schnell folgendes klar sein: Der Frosch betreibt „Inception“. Wie im gleichnamigen Film mit Leonardo DiCaprio, pflanzt er einen Gedanken in Timos Unterbewusstsein, ohne dabei den Gedanken als solchen auszuformulieren. Vielmehr lässt er Timo selbst die Wahrheiten erkennen und aussprechen, die den Tieren und letztendlich Timo selbst helfen können.

Dem schwarzen Einhorn etwa versichert Timo, dass es ganz wunderbar aussähe, so wie es sei, auch wenn er von der Norm abweiche. Zitat: „Ach, das sagst du doch nur so.“ „Nein, das meine ich ganz ehrlich!“ Und dem Pinguin erklärt er, dass er gar nicht alleine sei. Dass es ganz viele gäbe wie ihn. Und dass er vielleicht wirklich nicht fliegen könne und es auch nie können werde – aber dafür könne er ganz wunderbar schwimmen.

Nach der abenteuerlichen Reise kehrt Timo nach Hause und sieht sich denselben Problemen gegenüber wie zuvor. Er ist nach wie vor querschnittgelähmt, muss nach wie vor die Schule wechseln, mit seiner Familie in eine rollstuhlgerechte Wohnung umziehen, Freundschaften pflegen… Aber – ohne die bewusste Entscheidung dazu zu treffen – geht er offener mit der veränderten Situation um. Er findet in der neuen Schule auf Anhieb neue Freunde. Und neue Perspektiven. Sein fabrikneuer Aktiv-Rollstuhl wird von den Mitschülern bejubelt, und es stellt sich heraus, dass Timo ein Naturtalent beim Rollstuhlbasketball ist. Sein Umfeld ist rollstuhlgerecht, wodurch er seine Selbständigkeit zurückgewinnt. Die Zukunft, mit all ihren Abenteuern und Herausforderungen, ist plötzlich nicht trübe und furchteinflößend, sondern eigentlich ganz spannend.

Wie liest es sich?

Der Star des Buches ist ganz klar Ernst, der bei der Redaktion bekannten Testlesern wahre Heiterkeitsstürme auslöste. Der Frosch nimmt seine Einschränkung mit Humor und bietet gleich mehrere Varianten der Geschichte, wie er seine Beine verlor. Wobei jede neue Version abstruser ist als vorhergehende – und ganz offensichtlich gelogen.

Ganz knapp hinter Ernst, kommt auf der Beliebtheitsliste des Testpublikums das Einhorn Aelsterbel. Eigentlich sind Einhörner mit ihren alabasternen Schwanenhälsen und mit Edelsteinen besetzten rosa Seidenmähnen fest in der Hand kleiner Mädchen. Aelsterbel ist anders, und spricht dadurch auch Jungs an. Er ist klein, dick, schwarz, struppig und hat ein gebogenes Horn. Außerdem kackt er in den Flur. Zum Glück kann sich Einhornkacke in Luft auflösen.

Aber nicht nur diese beiden wunderlichen Wesen, sondern auch alle anderen, denen Timo auf seiner Traumreise begegnet, sind in ihrer Andersartigkeit so liebenswert, lustig oder im Fall der Seherin beeindruckend, dass sie sich ins Herz von Kindern zaubern werden und die Lektion über das Anderssein auf eine liebenswerte und altersgerechte Art und Weise vermitteln.

„Timos Reise“ ist eine Geschichte für Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren. Erstleser werden ab der zweiten Klasse keine Probleme mit Wörtern und Satzaufbau haben und die Geschichte liest sich flüssig und spannend. Auf den 72 Seiten verliert sich „Timos Reise“ nicht in unnötigen Längen; lediglich der Anfang ist etwas zäh. Es wird beschrieben, wie Timo sich fühlt, wie wütend, traurig, alleine und hilflos er ist. Die Selbständigkeit, die sich Kinder im Grundschulalter (meist erst vor kurzem) mühsam erkämpft haben, hat Timo verloren. Diese Passage ist so spannend nicht, aber sie ist notwendig. Selbst betroffene Kinder werden sich in Timos Gedanken wiederfinden und verstanden fühlen; jenen, die die Problematik einer traumatischen Querschnittlähmung nicht kennen, wird sie dargelegt.

„Timos Reise“ ist eine klare Leseempfehlung für Kinder, die nach einem Unfall oder einer Krankheit plötzlich querschnittgelähmt sind. Ebenso gut ist sie aber auch für alle geeignet, die gerne Fantasy- oder Abenteuergeschichten lesen. Oder Frösche und Einhörner mögen…

Das Buch

  • Timos Reise oder: Die Geschichte vom Frosch, der keine Beine mehr hatte.
    • Von: Irene Li Krauß
    • Seiten: 72
    • ISBN 978-3981062342
    • Preis: 12,90 Euro (Stand: Dez. 2015)

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