Die inkomplette Querschnittlähmung

Aufgrund der verbesserten operativen Behandlungsmöglichkeiten und der schnellen Versorgung am Unfallort sind heute ca. 60% aller Querschnittlähmungen inkomplett. Da jedoch jede inkomplette Lähmung anders ist, ist es schwierig ein eindeutiges Bild zu zeichnen.

Bild 128569064 Copyright Sebastian-Kaulitzki, 2013 Mit Genehmigung von Shutterstock.com

Eine komplette Querschnittlähmung liegt dann vor, wenn aufgrund eines Traumas (Unfall oder schwere Erkrankung) der Spinalkanal und das darin verlaufende Rückenmark komplett durchtrennt werden. Es kommt zu einem Funktionsausfall, dessen Ausmaß von der Läsionshöhe abhängig ist, da die Nervenbahnen (und damit die Reizleitung) zwischen der Steuerzentrale im Gehirn und den angesteuerten Organen, Gliedmaßen und Muskeln unterbrochen sind.

Ist das Rückenmark nur teilweise durchtrennt liegt eine inkompletten Querschnittlähmung bzw. eine Parese vor. Eine inkomplette Lähmung, die die Beine oder die Arme betrifft ist demnach eine Paraparese, während eine inkomplette Lähmung, die alle vier Gliedmaßen betrifft als Tetraparese bezeichnet wird (siehe.: Formen der Querschnittlähmung). In diesem Fall sind Motorik und Sensorik (siehe: Sensibilität und Empfindungsstörungen bei Querschnittlähmung) nur teilweise betroffen, d. h. nicht alle Nervenbahnen sind in Mitleidenschaft gezogen und die Reizleitung über den Spinalkanal findet teilweise statt.

Die ASIA Einteilung: Klassifizierung der Querschnittlähmung

Das Ausmaß einer Querschnittlähmung wird von Medizinern nach der American Spinal Cord Association (ASIA) in fünf Grade eingeteilt. Eine komplette Lähmung liegt nur bei Grad A vor; die Grade B bis D bezeichnen inkomplette Lähmungen mit unterschiedlichem Funktionserhalt. Grad E bezeichnet den Normalzustand.

Gradeinteilung Umschreibung
A – Komplett Keine sensible oder motorische Funktion ist in den sakralen Segmenten S4-S5 erhalten.
B – Inkomplett Sensible, aber keine motorische Funktion ist unterhalb des neurologischen Niveaus erhalten und dehnt sich bis in die sakralen Segmente S4/S5 aus.

C – Inkomplett

Motorische Funktion ist unterhalb des neurologischen Niveaus erhalten und die Mehrzahl der Kennmuskeln unterhalb des neurologischen Niveaus haben einen Muskelkraftgrad von weniger als 3a.
D – Inkomplett

 

Motorische Funktion ist unterhalb des Schädigungsniveaus erhalten und die Mehrheit der Kennmuskeln unterhalb des neurologischen Niveaus haben einen Muskelkraftgrad größer oder entsprechend 3.
E – Normal Sensible und motorische Funktionen sind normal.

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Die sakrale Aussparung

Zusätzlich zu der ASIA Klassifizierung gibt das Vorhandensein einer sakralen Aussparung entscheidend dafür ob eine Lähmung komplett oder inkomplett ist.

Die sakrale Aussparung bezeichnet die vorhandene Sensibilität in den sakralen Dermatomen S4 und S5, d. h. Sensibilität rund um den Darmausgang, und/oder das Vorhandensein einer willkürlichen Analkontraktion. Fehlt die sakrale Aussparung ist die Lähmung komplett; ist sie vorhanden ist die Lähmung inkomplett. Eine vorliegende sakrale Aussparung ist bei der Diagnose Querschnittlähmung ein positives Zeichen, kann allerdings keinesfalls als Garant für eine vollständige Erholung gesehen werden.

Die Folgen einer inkompletten Querschnittlähmung

Bei einer inkompletten Querschnittlähmung ist das Rückenmark nicht vollständig durchtrennt.

Bei einer inkompletten Querschnittlähmung ist das Rückenmark nicht vollständig durchtrennt.

Welche Organe, Gliedmaßen und Muskeln von einer inkompletten Lähmung betroffen sind und mit welchen Funktionsausfällen oder -einschränkungen man rechnen muss, hängt von der Läsionshöhe und vom Ausmaß der Verletzung ab, d. h. wie viel vom Rückenmark an welcher Stelle durchtrennt worden ist.

Über die Folgen einer inkompletten Lähmung lassen sich also keinesfalls pauschale Aussagen treffen. Einerseits können ihre Auswirkungen so gering sein, dass fast keine Muskelschwäche auftritt und es keine äußeren Anzeichen einer Lähmung zu erkennen gibt. Andererseits können auch inkomplette Lähmungen so schwerwiegend sein, dass es keinen großen Unterschied  zu einer kompletten Lähmung gibt, abgesehen vielleicht von einigen Körperstellen mit erhaltener Sensibilität. Die Mehrheit der inkompletten Querschnittfälle liegt meist irgendwo dazwischen.

Ein Teil der inkomplett Querschnittgelähmten kann – meist mit Gehhilfen und/oder Orthesen – gehen (siehe: Die Gehfunktion erhalten: Orthesenversorgung bei Querschnittlähmung). Dies muss nicht bedeuten, dass die Beine als solche nicht betroffen sind. Während die Gehfähigkeit erhalten bleibt, können Sensibilität und Schmerzempfinden sehr wohl beeinflusst sein. Hohe Lähmungen können, wenn sie inkomplett sind, bedeuten, dass ein Rollstuhl durchaus notwendig ist, die Hände aber unterschiedlich beeinflusst sind. Ebenso möglich ist eine teilseitige Lähmung, bei der eine Körperhälfte nicht oder deutlich weniger stark betroffen ist als die andere.

Generell lässt sich sagen, dass jede der im Beitrag Komplikationen, Folge- und Begleiterkrankungen bei Querschnittlähmung beschriebenen Eventualitäten bei einer inkompletten Lähmung ebenso eintreten kann wie bei einer kompletten Lähmung. Öfter als bei Patienten mit kompletter Querschnittlähmung treten bei Patienten mit inkompletter Querschnittlähmung neuropathische Schmerzen auf. Der Ausfall bzw. der Erhalt der Sensibilität bei inkompletter Querschnittlähmung hängt von Ort und Art der Verletzung ab. Man unterscheidet in diesem Zusammenhang verschiedene Schmerz-Syndrome, die im Beitrag Schmerzen, Sensibilität und Empfindungstörungen bei Querschnittlähmung beschrieben werden.

Aussichten bei inkompletter Querschnittlähmung

Zunächst ist die Diagnose „inkompletter Querschnitt“ schon mal ein gutes Zeichen, denn Querschnittlähmungen, die keinen Totalausfall von Funktionen zur Folge hatten, haben eine bessere Chance im Laufe der Rehabilitation noch weitere Funktionen zurückzugewinnen. Physiotherapeutische Behandlungen werden noch während des stationären Aufenthalts in der Klinik begonnen und werden danach als ambulante Therapie fortgesetzt. Welche therapeutischen Maßnahmen dies sind, hängt von den vorhandenen Restfunktionen ab. Wenn das Gehen noch möglich aber erschwert ist, wird z. B. für die Gangschule eine Schienenversorgung festgelegt und Orthesen werden entsprechend angepasst.

Darüber wann und inwieweit Funktionen zurückerlangt werden können, lässt sich keine generelle Aussage treffen. Oft ist es so, dass Verbesserungen innerhalb weniger Wochen und Monate nach Eintritt der Rückenmarksverletzung festzustellen sind. Nach zwei bis drei Jahren ist meist mit keiner Verbesserung mehr zu rechnen. Ein Ansatz zur Behandlung bei inkompletter Querschnittlähmung, der derzeit in Bochum untersucht wird, hat aber auch nach diesem Zeitraum Erfolge gezeigt. Siehe hierzu: Bewegungstherapie mit dem HAL Exoskelett

Vorübergehende Querschnittlähmung

In manchen Fällen kann eine Quetschung des Rückenmarks zu einer vorübergehenden inkompletten Querschnittlähmung mit den entsprechenden Lähmungserscheinungen und Funktionsausfällen führen. Ausgelöst wird eine derartige Quetschung oft durch einen verschobenen Wirbel oder einen Bandscheibenvorfall. Häufig können solche inkomplette Lähmungen durch einen operativen Eingriff behoben werden oder gehen im Idealfall von alleine wieder zurück.

Ein Sonderfall der inkompletten Lähmung ist das Guillian-Barré-Syndrom. Siehe: Krankheitsbedingte Querschnittlähmung – Das Guillian-Barré-Syndrom

Weitere Informationen

Siehe auch: Ratgeber zur inkompletten Querschnittlähmung

Fragen & Kommentare

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  1. silram 12.11.2016, 18:21 Uhr

    Querschnittsverletzung nach zu spät erfolgten Wirbelsäulenversteifung
    Mir war nicht bekannt, dass es so vielseitige Orthesen für Beine und Füße gibt.
    Ich bekam einen Rollstuhl und dabei blieb es.
    Was kann ich tun, um meine Situation zu verbessern?

    • Tanja Konrad 14.11.2016, 13:10 Uhr

      Guten Tag,

      als Informationsportal können wir Ihre Frage leider nicht beantworten, aber wenn Sie an der ursprünglichen Diagnose Zweifel haben, sollten Sie in jedem Fall eine zweite Meinung einholen. Wir würden Ihnen raten sich an ein Querschnittzentrum zu wenden, das Ihre Situation bewerten und ggf. andere oder zusätzliche Maßnahmen verordnen kann.

      Eine Übersicht über die im deutschsprachigen Raum vorhandenen Kliniken finden Sie hier: http://www.der-querschnitt.de/archive/1820

      Viele Grüße
      Tanja Konrad