Rainer Küschall: Von Stoke Mandeville zu olympischen Höchstleistungen

Rainer Küschall ist ein schweizerischer Unternehmer und Rollstuhlsportler, der die Entwicklung von Alltags- und Sportrollstühlen für Para- und Tetraplegiker entscheidend vorantrieb. Seine Rehabilitation erfuhr er bei Sir Ludwig Guttmann in Stoke Mandeville und schildert sie in bewegenden Worten.

Zwischen Rainer Küschall und Manfred Sauer gibt es erstaunlich viele Parallelen. Beide sind Tetraplegiker, beide verletzten sich in den frühen Sechzigerjahren bei einem Badeunfall, beide waren zu der Zeit im Teenageralter, beide haben ein international erfolgreiches Unternehmen gegründet und beide wurden von „Poppa“ Guttmann im britischen Stoke Mandeville rehabilitiert. Auf Der-Querschnitt.de hat Manfred Sauer bereits über seine Erlebnisse im Beitrag Manfred Sauer über Stoke Mandeville berichtet; im folgenden Text schildert Rainer Küschall seine Erfahrungen.

“Als ich sechszehn Jahre alt war, brach ich mir den Hals beim Sprung in einem Schwimmbecken. Das war im Juli 1963. Damals wusste in der Schweiz niemand etwas über Querschnittlähmungen. Man schickte mich einfach ins nächste Krankenhaus und legte mich auf den Rücken – und dort lag ich für ein halbes Jahr. Meine Verletzung hatte mich zum Tetraplegiker gemacht, ich konnte weder Beine noch Arme bewegen. Man sagte mir,  dass es nur eine Frage der Zeit wäre bis ich sterben würde.  Ich glaubte diesen Worten, und ich war nicht der einzige. Jeder erwartete, dass ich bald sterben würde.

Im vorangegangen Winter hatte ich beim Skifahren ein deutsches Mädchen kennengelernt. Wir waren in Kontakt geblieben und schließlich kam sie mich im Krankenhaus besuchen. Sie kam herein, sah mich auf dem Rücken liegen; sie sah, dass ich weder Hände noch Füße bewegen konnte, sie sah, dass ich gar nichts war. Aber sie sagte zu mir: „So kannst du nicht weitermachen. Ich werde etwas tun.“ Und sie ging und fand heraus, dass es das Stoke Mandeville Krankenhaus in England gab und was dort getan wurde. Meine Stiefeltern und alle Menschen aus unserem Dorf taten sich daraufhin zusammen und sammelten Geld für mich und schließlich, 18 Monate nach meinem Unfall, wurde ich nach England geflogen.

Ich erinnere mich so gut an diese Reise, weil sie so seltsam war. Man brachte mich auf einer Trage in ein normales Passagierflugzug, aus dem mehrere Sitzreihen entfernt worden war und legte mich auf eine sehr dünne Matratze. Ich lag dort, völlig nackt nur mit einem Handtuch bedeckt, und um mich herum waren all diese normalen Passagiere, die mich von ihren Sitzen her anstarrten. Ich erinnere mich, dass ich das alles als sehr beschämend empfand. Aber als wir in London ankamen, konnte ich aus dem Fenster sehen. Und es war so seltsam, denn genau gegenüber wurde ein anderes Flugzeug beladen – und überall waren Leute in Rollstühlen. Es war das erste Mal, dass ich Leute in Rollstühlen sah, und es waren so viele und sie schienen so glücklich; sie lachten alle und lächelten, und das Mitten im Schnee.  Ich erinnere mich, dass ich dachte, was ist das für eine Rollstuhlstadt, in der ich gelandet bin? Später fand ich heraus, dass ich die britische Nationalmannschaft gesehen hatte, die auf dem Weg zu den Winterspielen gewesen war. Aber es war so ein erstaunlicher Zufall, dass ich es als gutes Omen sah.

Rehabilitation in Stoke Mandeville

Sir Ludwig Guttmann

Sir Ludwig Guttmann

Ich konnte drei Monate in Stoke Mandeville bleiben; für mehr reichte das gesammelte Geld nicht. Der erste große Schock waren die Positionswechsel alle drei Stunden, bei denen ich vom Rücken auf den Bauch und wieder zurück gedreht wurde. Während der 18 Monate, die seit meinem Unfall vergangen waren, hatte ich immer nur auf dem Rücken gelegen und ich war steif wie ein Brett. In der Schweiz hatte niemand Positionswechsel vorgenommen und es tat natürlich unglaublich weh. So sehr, dass ich von den Schmerzen ohnmächtig wurde. Ich traf Dr. Guttmann wenige Tage später zum ersten Mal. Er war sehr interessiert an mir und wollte mir helfen, ich fühlte mich wie in der Obhut eines väterlichen Freundes. Nachdem er mich untersucht hatte, wurde ich zu einem Physiotherapeuten geschickt. Ein paar Wochen später kam Dr. Guttmann zu mir und sagte: ‘Rainer, ich will dir nichts von irgendwelchen Wundermitteln vorlügen. Das einzige, was ich für dich tun kann, ist dafür zu sorgen, dass du in einem Rollstuhl sitzen kannst, statt immer nur auf dem Rücken zu liegen.“ Und das war dann das erste, was ich lernte. Es war wirklich schwer, und ich wollte sterben. Ich hatte schon so lange nicht mehr gesessen, dass alles Blut aus meinen Armen in meine Füße floss.

Ich hatte eine wundervolle Physiotherapeutin, Margaret Roberts, und sie half mir bei all diesen Dingen, aber es war wirklich schwer und schmerzhaft für mich. Normalerweise brachte sie mich nach unseren Therapiestunden zurück auf die Station, aber einmal ließ sie mich im Rollstuhl auf dem Korridor stehen und ging weg. Alle anderen waren auch weg, man machte schon überall das Licht aus und ich saß im Dunkeln außerhalb der Station. Ich war praktisch gestrandet. Ich konnte mich im Rollstuhl nicht fortbewegen, weil ich keine Fingerfunktion hatte und die Greifreifen nicht umfassen konnte. Schließlich, nach einer Ewigkeit, fand ich heraus, wie ich den Rollstuhl antreiben konnte, indem ich meine Daumen zwischen die Speichen steckte und mit den Armmuskeln nach unten drückte. Auf diese Weise schaffte ich es, Speiche für Speiche, in die Station zu rollen. Es war schwer und dauerte ewig und am Ende bluteten beide Daumen.

Aus eigenem Antrieb

Ich war so wütend auf Margaret, dass ich sie, das nächste Mal als ich sie sah – ich glaube es war am nächsten Tag während der Physiotherapie – umbringen wollte. Ich schlang meinen Arm um ihren Hals – meine Finger konnte ich ja nicht bewegen – und drückte zu, um sie zu erwürgen. Weil ich so wütend war, wegen dem was passiert war. Aber sie lachte und lächelte mich an. Ich war erstaunt und fragte: ‚Wieso tust du das? Lächeln?’ Und sie sagte mir, dass es das erste Mal wäre, dass sie mich etwas aus eigenem Antrieb tun sähe, also wäre das gut, es wäre ein Fortschritt. Und da wurde mir klar, dass diese ganze Geschichte, dass sie mich im Korridor zurückgelassen hatte, Absicht gewesen war. Dass sie mich hatte dazu bringen wollen mich anzustrengen und mir eine eigene Lösung auszudenken.

Nach drei Monaten in Stoke fühlte ich mich dort zuhause. Ich hatte gelernt mich selbst zu waschen, zu rasieren und ich fuhr im Rollstuhl statt nur darin zu sitzen. Und dann war da der Sport. Als Tetraplegiker sollte ich mit Bogenschießen anfangen. Mein Oberkörper wurde an die Rückenlehne des Rollstuhls gebunden, um ihn zu stabilisieren und den Bogen band man mir in die linke Hand und einen Haken in die rechte. Schließlich war ich an so viele Dinge gefesselt, dass ich den Pfeil nicht halten konnte. Also versuchte ich es mit Tischtennis und lernte wie man den Ball schlug. Und das wurde meine Welt.

Dann war es an der Zeit für mich Stoke Mandeville zu verlassen. Meine Stiefeltern hatten ihr Haus für mich umgebaut, aber ich hatte keine Ahnung, wie ich es zu Hause schaffen sollte. Ich verstand mich gut mit einem der Pfleger auf meiner Station, ein Italiener namens Dominic, und ich fragte ihn, ob ich ihn als Assistenten für mich in der Schweiz anheuern konnte. Er stimmte zu und er versorgte mich zu Hause, fuhr mich ins Kino und schob mich zu den Orten, die ich aus meiner Schulzeit kannte. Aber keiner von meinen früheren Freunden wollte noch etwas mit mir zu tun haben und ich fühlte mich schrecklich. Wir versuchten in einem Häuschen in den Bergen zu wohnen, aber das klappte auch nicht. Im Winter gingen wir für drei Monate nach Spanien. Schließlich sagte Dominic mir, dass er Heimweh hätte und zurück zu seiner Freundin nach Stoke Mandeville gehen würde.“

Rainer Küschall beim Training.

Rainer Küschall beim Training.

Zwölf Jahre verbrachte Küschall daraufhin in einem schweizerischen Pflegeheim und machte den Tischtennissport zu seinem Leben. Ab 1978 folgte eine beispiellose Karriere als Sportler in den Disziplinen Tischtennis und Rennrollstuhl. Während seiner Teilnahme am Berlin Marathon 1990, kurz nach dem Fall der Mauer, dachte Küschall an Guttmann und daran wie er sagte hatte, dass er (Küschall) nie in der Lage sein würde einen Rollstuhl anzutreiben. „Aber hier war ich“, erinnert sich Küschall, „in einer Spitzenposition bei einem Marathon! Ich bekam Gänsehaut, als ich darüber nachdachte. Als ich durch das Brandenburger Tor fuhr, war es als würde ich durch ein eigenes persönliches Tor in eine neue Welt fahren.“

Über Rainer Küschall

Rainer Küschall ist ein schweizerischer Unternehmer, Erfinder, Designer, Rennfahrer und Rollstuhlsportler. 1968 nahm er zum ersten Mal an den Sommer-Paralympics teil, damals noch als Tischtennisspieler. Ab 1982 machte er sich als Rennrollstuhlfahrer einen Namen und war über beinahe jede Distanz mehrfacher Weltrekord-Halter. Bis zum Ende seiner paralympischen Sportkarriere im Jahr 1992 gewann Küschall insgesamt 21 paralympische Medaillen und war fünfmal Weltmeister.

Als gelernter Büroangestellter beschäftigte Küschall sich privat mit einem alten Rollstuhl und verbesserte diesen durch einige elementare Veränderungen. 1976 folgte die Gründung der Küschall AG und der Serienproduktion von Rollstühlen, zuerst aus dem Wohnzimmer heraus, später in einem Fabrikgebäude. Nach einer schweren Krankheit verkaufte Küschall 1996 sein Unternehmen, kehrte jedoch einige Jahre später als Research & Development Verantwortlicher zurück.

 

Für die Erfahrungen, die Manfred Sauer in Stoke Mandeville machte, siehe: Manfred Sauer über Stoke Mandeville

Für mehr Informationen zu Ludwig Guttmann siehe: Sir Ludwig Guttmann – Vater der Querschnittgelähmten

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