Radfahren trotz Querschnittlähmung

Was auf den ersten Blick aussieht wie ein Handbike (siehe: Handbikes- Varianten von Extrem bis Hybrid) mit etwas erhöhter Sitzposition, ist ein BerkelBike – hier werden die Beine am Vorantreiben des Fahrzeugs mehr oder weniger aktiv beteiligt und trainiert.

Bild160707_cybathlon_109 Copyright BerkelBike, 2016 Mit freundlicher Genehmigung von Gert Wiedemann

Das BerkelBike ist ein Therapiedreirad, das sowohl durch Arm- als auch durch Beinkraft angetrieben wird. Der Lenker fungiert gleichzeitig als Armkurbel, genau wie bei einem Handbike. Sobald an der Kurbel gedreht wird, bewegen sich die Fußpedale automatisch mit. Die Beine werden also beim Treten durch die Arme unterstützt und können sich, je nach vorhander Kraft, an der Fortbewegung beteiligen. Die Sitzposition ist dabei etwas aufrechter als bei  einem gewöhnlichen Liegerad.

Das Fahrrad wurde in den Niederlanden von Dr. Rik Berkelmans erfunden und in Zusammenarbeit mit Ärzten, Forschern und Physiotherapeuten aus Reha-Zentren weiterentwickelt. Dank dem Einsatz der Funktionellen Elektrostimulation (FES) können Querschnittsgelähmte aus dem Gebrauch eines BerkelBike großen Nutzen ziehen. Laut Hersteller soll es möglich sein, dass durch die elektrische Stimulation Muskeln aktiviert werden können, die seit mehreren Jahrzehnten gelähmt sind.

Das BerkelBike nahm auch am Cybathlon teil, siehe: Das war der Cybathlon 2016.

Für Querschnittgelähmte dank Funktioneller Elektrostimulation (FES)

Der Physiologe Berkelman will mit seiner Erfindung den Komplikationen und Langzeitfolgen begegnen, die Querschnittlähmung mit sich bringen. Als besonders kritisch betrachtet er die Gefahr für wenig oder gar nicht benutzte Gewebe und die ggf. einhergehende Entstehung von Dekubiti, vor allem im Bereich der Sitzfläche, Füßen und Knöcheln (siehe auch: Entstehung von Druckstellen). Berkelman vertritt zudem die Meinung, dass für ein effektives Kreislauftraining unbedingt die unteren Extremitäten eingesetzt werden sollten, da ein intensives Armtraining wie z. B. beim Handbiken, kein Lösungsansatz sei, da die relativ kleinen Muskeln schnell ermüden und darum kein konditionelles Training stattfinden könne. Das Einzige, was bei so einem Training gefördert würde, sei die Armmuskulatur (berklebike, 2016).

Beim BerkelBike wird die Aktivierung der Beinmuskulatur miteinbezogen und erfolgt mittels Funktioneller Elektrischer Stimulation (FES), die mit dem Handbikefahren kombiniert wird.

Das BerkelBike Pro.

Das BerkelBike Pro.

Es gibt verschiedene Varianten für den Gebrauch als Heimtrainer im Haus oder als Fortbewegungsmittel auf der Straße.

  • BB Connect – dieses BerkelBike kann als Vorspannbike an den Rollstuhl gekoppelt werden
  • BB Pro – ist ein komplettes Dreirad mit Arm- und Beinantrieb
  • EasyLegs – ist die Ausführung als Dreirad nur für Beinantrieb (gibt es sowohl als „Connect“ als Vorspannbike als auch als „Pro“ Dreirad)

Alle Ausführungen können mit einem System der Funktionellen Elektrostimulation (FES) ausgestattet werden. Dabei wird in Abhängigkeit der Position der Tretkurbeln ein elektrisches Signal durch eine auf die Haut geklebte Elektrode generiert, das die Muskeln anspannt, ohne dass diese vom Patienten angesteuert werden müssen. Dadurch können auch Patienten mit kompletter Querschnittslähmung die Beinmuskulatur trainieren.

Es gibt für alle Varianten die Möglichkeit, eine elektrische Motorunterstützung anzubauen, die auch in schwierigerer Topografie die Nutzung erleichtert.

Ebenfalls können alle BerkelBikes auf einer Trainingsrolle betrieben werden, die auch im Innenbereich bei widrigen Wetterbedingungen als Heimtrainer genutzt werden.

Einsatz als Heimtrainer

Einsatz auf der Straße

Kosten

BerkelBikes gibt es in den verschiedenen Varianten zwischen ca. 4.200 Euro und ca. 9.000 Euro ohne MwST und Versandkosten (Stand: Okt. 2016).

Beziehen kann man die Räder entweder beim Hersteller direkt über www.berkelbike.de oder über Vertragshändler wie z. B. den Alb-Store in Eislingen/Fils.

 

Dipl. Ing. Gert Wiedemann vom Rehafachhandel Alb-Store.de beantwortet auf Der-Querschnitt.de einige Fragen zum BerkelBike

Wie funktioniert das BerkelBike?

Wiedemann: Die Idee hinter dem BerkelBike ist folgende: Über die Arme wird eine Fußkurbel angetrieben, was eine Beinbewegung auch für Personen ermöglicht, die diese nicht alleine bewältigen wegen Lähmung oder Kraftverlust. Bei der Bewegung werden Muskeln und Nervenbahnen stimuliert die sich ansonsten zurückbilden würden.

Für wen ist das BerkelBike geeignet?

Wiedemann: Wir haben Kunden mit Lähmungshöhen zwischen L5 bis C2 und sowohl komplett als auch inkomplett gelähmte Nutzer. Bis zu einer Lähmungshöhe von C5 können Patienten draußen fahren. Bei einer höheren kompletten Lähmung ist das BerkelBike besser als Heimtrainer nutzbar. Die FES ist geeignet für Leute, die noch Spasmen bekommen können. Bei sehr niedrigen Läsionen (L1 oder niedriger) ist unsere FES nicht mehr möglich. Es gibt dann nicht genügend motorische Neuronen unterhalb der Läsionshöhe.

Für Probefahrten können sich Interessenten jederzeit gerne an uns wenden.

Welchen Nutzen können Querschnittgelähmte daraus ziehen?

Wiedemann: Ein BerkelBike ohne FES trainiert die Rest Beinkraft und entlastet die Arme. Für FES sind die wichtigsten Gründe der Muskelaufbau und Durchblutung von Beinen und Po und Reduktion der Spastik. Auch das Herzkreislauftraining und Gewichtsabnahme sind wichtige Aspekte. Das Bein eines Fußgängers hat 2,5-mal so viel Muskelmasse wie das eines Querschnittgelähmten. Deshalb ist es auch schwierig mit nur den Armen dieselben physiologischen Effekte zu erreichen. Auch gegen häufig vorliegende Verstopfungen helfen die Fahrten mit dem Bike. Es gibt Patienten, die von reduzierten Schmerzen beim Radfahren berichten.

Oft wird berichtet, dass man sich nach dem Fahren wohl fühlt. Dies hat einen physiologischen Hintergrund. Mit FES Radfahren werden die Muskeln müde. Durch Produktion von Milchsäure gibt es eine starke Beta-Endorphine Produktion in der Hypophyse. Und Beta-Endorphine haben einen starken Effekt aufs Wohlbefinden. (Siehe auch: Stefan Lange über Sport und Gesundheit bei Querschnittlähmung.)

Wird das System schon zu Therapiezwecken in Kliniken eingesetzt?

Wiedemann: Ursprünglich wurde das BerkelBike für die Anwendung zu Hause entwickelt. Es gibt jetzt aber auch ein paar Kliniken und Neurozentren mit einem Sportzentrum, die mit einigen FES-Bikes ausgestattet sind. In den englischsprachigen Ländern ist das normal, in Festlandeuropa jedoch noch nicht so verbreitet, aber es kommt. Die Klinik in Amsterdam hat bereits drei BerkelBikes und wir sind jetzt ins Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil eingeladen.

Interessant für die klinische Zuwendung ist eine neue Studie in Kanada. Die Universität von Alberta hat 16 inkomplett Querschnittsgelähmte, die noch etwas laufen können, in zwei Gruppen von je acht Teilnehmern aufgeteilt. Drei Monate lang hatte eine Gruppe jeden Tag eine Stunde FES Radfahr-Training. Die andere Gruppe benutzte zusätzlich das Handbike in der Weise wie man das BerkelBike benutzt. Das Resultat war überraschend: Im Durchschnitt konnte in der Gruppe mit nur dem Beintraining die Teilnehmer die Lauffähigkeit um 17% verbessern. Das ist ungefähr dieselbe Verbesserung, die beim Lauftraining erwartet werden kann. Aber die andere Gruppe hatte eine Zunahme von 49% in Geschwindigkeit und 52% in der Distanz. Gleichzeitig hat man entdeckt, dass die Reflexe in den Beinen durch das Armtraining positiv beeinflusst werden. Eine große fünfjährige Studie soll nun folgen.

Vielen Dank! 

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