Gestaltungstherapie – Ein Ausdruck für das Unsägliche

Manchmal wissen Menschen nicht, wie es wirklich in ihnen aussieht oder können Stimmungen nicht in Worte fassen. Sie sind überrascht, wenn sich Trauer, Frust, Wut, aber auch Lebensfreude und neue Energie unverkennbar als Farben oder Formen in Werkstücken offenbaren und werden sich ihrer dadurch erst bewusst.

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Sie ist ein wichtiger Baustein im Therapieangebot von Querschnittzentren und Spezialkliniken und eine lebendige Form der Selbsterfahrung: Mithilfe der Gestaltungstherapie können nach dem Eintritt einer traumatischen Querschnittlähmung ungeahnte Kräfte mobilisiert werden. Sie kann motivieren und ablenken, soziale Interaktion, Konzentration, Ausdauer und Selbstwert fördern und unter Umständen ein neues Hobby etablieren. Neben ergo- und physiotherapeutischen Maßnahmen bietet sie im psychotherapeutischen Kontext eine Säule zur Bewältigung der neuen Situation: „Im kreativen Schaffen können innere Bilder aus dem Unterbewusstsein zum Ausdruck und zur Verarbeitung kommen, die noch keine Worte in der bewussten Sprache gefunden haben; dies beschleunigt den Heilungsvorgang und unterstützt die rehabilitativen Maßnahmen“ (Zäch/Koch, 2006).

Tiefenpsychologisch orientiert, geht die Gestaltungstherapie als ein Ansatz der Kunsttherapie auf Theorien der Psychoanalyse zurück. Die psychodynamisch orientierte Kunsttherapie nach Margaret Naumburg basiert auf der analytischen Psychologie C. G. Jungs und nutzt das therapeutische Potenzial des gestalterischen Prozesses: Es geht nicht darum, ein Kunstwerk zu schaffen, sondern Unbewusstem Raum und Ausdruck in der bildnerischen Gestaltung zu geben. Die kreative Auseinandersetzung mit Materialien wie Holz, Ton, Metall, Stein, Glas oder Papier ist für viele von einer Querschnittlähmung frisch Betroffene zudem so neu, dass sie keine Vergleichsmöglichkeiten mit ihrer Situation „vor dem Unfall“ haben. Die Gestaltung führt sie auf neue Wege, die nicht in Konkurrenz zu ihrem alten Leben stehen, sondern eine ganz andere Richtung einschlagen und einen veränderten Blickwinkel zulassen. Kunsttherapeuten können dabei helfen, das Unbewusste, das Zutage tritt, zu erkennen, zu interpretieren und dahinterstehende Gefühle und Probleme zu integrieren.

Ziele der Gestaltungstherapie bei Querschnittlähmung können sein (Zäch/Koch, 2006):

  • Motivation zu eigenem Tun trotz Einschränkungen
  • Ziele der Ergo- und Physiotherapie mit kreativen Mitteln fortführen
  • Förderung des nonverbalen Ausdrucks zur Unterstützung bei der Bewältigung
  • Interaktion mit anderen, in der Gruppe oder in Einzelsituationen
  • Temporäre Schmerzlinderung durch Ablenkung
  • Selbstbestimmung und Selbsterfahrung

In Querschnittzentren und Spezialkliniken kann die Gestaltungstherapie zunächst sitzend oder hab sitzend im Bett angeboten werden. Bleibt bei Tetraplegie keine andere Möglichkeit als das Malen mit dem Pinsel im Mund, muss eine Staffelei erst so eingerichtet werden, dass die Pinselführung machbar ist. Dann aber eröffnet das Malen unerwartete Perspektiven mit erstaunlichen und oft hoch motivierenden Ergebnissen. Bei sehr eingeschränkter Handfunktion kann beispielsweise das Malen auf Seide ohne größeren Kraftaufwand sehr effektvoll sein, ebenso Techniken auf Papier. Unterstützung bietet etwa auch der Einsatz des Help-Arms oder Stäbchen, mit denen sich das Papier mit dem Mund verschieben lässt. Individuell angefertigte Utensilien können direkt an die Behinderung adaptiert sein, solange sie Zielen der Ergo- und Physiotherapie nicht entgegenstehen. Wenn der Besuch von Therapie- und Werkräumen möglich ist, liefert die Gestaltungstherapie auch den Rahmen, um mit anderen Betroffenen zusammenzukommen, Interaktion zu üben und Freizeit nach eigenen Wünschen zu gestalten.

Kosten

Die Gestaltungstherapie gehört wie die Kunsttherapie an sich nicht zum Pflichtkatalog der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), ist also immer eine individuelle Gesundheitsleistung (IGeL), die meist von den Versicherten selbst bezahlt werden muss. „Jedoch können bestimmte handwerkliche oder gestalterische Methoden Bestandteil der Ergotherapie oder der medizinischen Rehabilitation sein, die im GKV-Leistungskatalog enthalten sind“ (IGeL-Monitor, 2013).

 

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