Existenzgründung mit Handicap

Die eigene Geschäftsidee verwirklichen, persönliche und fachliche Kompetenzen in ein eigenständiges Unternehmen stecken und unabhängig werden: Mit diesen Motiven entfaltet die berufliche Selbständigkeit ihre Sogwirkung. Eine Existenzgründung steht Menschen mit Behinderung genauso offen wie anderen – anders als der Arbeitsmarkt.

Ende 2012 lag die Arbeitslosenquote schwerbehinderter Menschen bei fast 15%, durchschnittlich betrug sie 6,5% (Statistik der Bundesagentur für Arbeit/Deutscher Gewerkschaftsbund). Menschen mit Handicap stoßen bei der Arbeitssuche auf besondere Barrieren, jede Einschränkung gilt als „Vermittlungshemmnis“.

Arbeitslosigkeit allein ist kein Grund für eine Existenzgründung, aber sie kann eine Triebfeder sein: „Wer arbeitet, steht mitten im Leben, hat vielfältige Kontakte, besteht Konflikte und erfährt Respekt und Anerkennung. – Für viele Menschen mit Schwerbehinderung ist die Selbstständigkeit die einzige Möglichkeit, wieder am Arbeitsleben teil zu haben“, sagt Manfred Radermacher von der Gründungsinitiative “enterability” in Berlin.

Gefördert durch das Landesamt für Gesundheit und Soziales und das Integrationsamt Berlin, berät und unterstützt Enterability seit 2004 Menschen mit Behinderung bei der Existenzgründung. Am Ende der Beratung und Begleitung steht entweder die Erkenntnis, dass sich die eigene Geschäftsidee nicht umsetzen lässt bzw. das Risiko eines Scheiterns einfach zu hoch ist oder – im Idealfall – ein tragfähiger und langfristiger Arbeitsplatz. Das Einkommen aus der selbständigen Arbeit muss dabei deutlich über dem Niveau der Sozialhilfe liegen.

Voraussetzungen

Im Zentrum einer Gründung steht die Geschäftsidee. Das möglichst gut durchdachte Unternehmenskonzept wird im sogenannten Businessplan ausgearbeitet. Jede Behörde, die eine Gründung unterstützen soll, erwartet solch einen detaillierten Businessplan, der darlegt, ob sich die Idee voraussichtlich auch rechnet. Hat sie Zweifel daran, muss sie nicht fördern. Gemeinhin gelten folgende Kompetenzen als Voraussetzung für die Chance einer erfolgreichen Gründung:

  • Selbstkompetenz: z. B. Selbstdisziplin, Zielstrebigkeit, Kommunikationsfähigkeit aber auch Kreativität und ein gewisses Risikobewusstsein. Behörden können u. a. auch ein ärztliches Attest zur benötigten physischen und psychischen Belastungsfähigkeit einfordern.
  • Fachkompetenz: eine entsprechende Berufsausbildung oder ein Studium, das zu der Tätigkeit befähigt
  • Verwaltungsrechtliche / kaufmännische Voraussetzungen: Besuch eines Existenzgründerseminars, Rechnungswesen/Buchführung, ggf. Gewebeschein, Steuernummer, Eintrag in die Handwerksrolle u. a.

Sind die persönlichen und fachlichen Voraussetzungen erfüllt, muss zudem die Aussicht bestehen, dass die Tätigkeit Lage und Entwicklung des Marktes standhalten und dauerhaft den Lebensunterhalt sichern kann. Bestimmte Zuschüsse werden nur dann bewilligt, wenn der Antragsteller nicht in der Lage ist, die Mittel selbst aufzubringen. Leistungen nach dem 3. Sozialgesetzbuch (Arbeitsförderung) hingegen sind einkommens- und vermögensunabhängig. Jeder Antrag muss vor einer Investition gestellt und die Genehmigung abgewartet werden.

Welche Behörde ist wann zuständig?

Wenn es um Existenzgründungen geht, können mindestens vier verschiedene Stellen als Ansprechpartner infrage kommen:

  • Rentenversicherung: Wer seit 15 Jahren oder länger rentenversichert ist, hat einen Anspruch auf Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben (Stand: 10/2013). Das kann ein Gründungszuschuss sein, aber auch eine Arbeitsplatzausstattung, Kraftfahrzeughilfe, Wohnungshilfe, Arbeitsassistenz oder technische und persönliche Hilfsmittel. Wie alle anderen Institutionen fördert die Rentenversicherung nur ein voraussichtlich tragfähiges Unternehmenskonzept, denn die Leistungen sollen schließlich dazu führen, dass eine Person durch ihre Gründung unabhängig von weiteren Hilfen wird und den Lebensunterhalt selbstständig bestreiten kann.
  • Agentur für Arbeit: Wer bis zur Aufnahme einer selbstständigen Arbeit Anspruch auf Arbeitslosengeld I hatte, also arbeitslosenversichert und arbeitssuchend gemeldet war, kann unter bestimmten Voraussetzungen einen Gründungszuschuss der Agentur für Arbeit bekommen.
  • Jobcenter: Das Jobcenter ist zuständig, wenn Gründungsinterssierte bislang Arbeitslosengeld II erhalten haben. Auch hier prüft das Amt zunächst, ob ein Unternehmenskonzept voraussichtlich auf Dauer tragfähig ist und kann überzeugende Konzepte z. B. mit einem Einstiegsgeld unterstützen.
  • Integrationsamt: Menschen mit Behinderung, die keinen Anspruch auf Leistungen zur Teilhabe bei der Rentenversicherung oder der Agentur für Arbeit haben, weil sie nicht gesetzlich renten- oder arbeitslosenversichert waren oder zumindest nicht lange genug, können sich an das Integrationsamt werden. Dies ist kein Rehaträger, aber ebenso der beruflichen Teilhabe behinderter Menschen verpflichtet. Zu den möglichen Leistungen gehören auch hier Gründungszuschuss, Darlehen, Zinszuschüsse, Arbeitsplatzausstattung, Kraftfahrzeughilfe, Wohnungshilfe, Arbeitsassistenz oder technische und persönliche Hilfsmittel.

Alle vier Institutionen bieten Beratung rund um die Existenzgründung an, es gibt aber auch sogenannte „Gründerzentren“ oder Initiativen wie Enterability. Hier weiß man genau, worin die Besonderheiten einer Gründung mit Handicap liegen und kann neben der allgemeinen Beratung auch auf behinderungsspezifische Fragen eingehen.

Besonderheiten der beruflichen Selbstständigkeit mit Handicap

Wer mit Behinderung gründen will, muss diese vorausschauend in das Unternehmenskonzept hineindenken. Dabei kommt es nicht darauf an, dass es keine Stolpersteine geben darf, sondern darauf, sie zu erkennen und zu umschiffen. Der Plan B zählt:

  • Wie gehe ich damit um, wenn eine Druckstelle mich zwingt, für unabsehbare Zeit auf dem Bauch zu liegen? Kann ich trotzdem noch arbeiten, u. U. an Telefon und Laptop? Kann jemand einspringen? Kommt eine Gründung evtl. nur mit Partner in Betracht?
  • Wie kommen schwere oder unhandliche Dinge in mein Geschäft, wenn ich sie nicht heben kann? Brauche ich eine Arbeitsassistenz?
  • Wie gehe ich mit Kunden um, die Berührungsängste wegen der Behinderung haben?

Mit solchen oder ähnlichen Fragen müssen sich behinderte Gründungsinteressierte befassen, um sich ihrer Pläne sicher zu werden und diese Sicherheit auch gegenüber anderen vermitteln zu können. Denn nicht selten treffen sie auf offene oder unterschwellige Skepsis: „Von Gründungen wird abgeraten oder es werden Kredite nicht gewährt“, weiß Manfred Radermacher aus seiner Praxis. Ist eine Geschäftsidee nicht tragfähig, rät auch er ab, aber: „Lösungen für behinderungsbedingte Schwierigkeiten gibt es fast immer.“

Nur wer sich beispielsweise darüber klar wird, dass er bei einigen Dingen Hilfe braucht, kann bei der zuständigen Behörde rechtzeitig eine Arbeitsassistenz beantragen. Die darf ihn zwar nicht inhaltlich unterstützen, aber bei solchen Arbeiten zur Hand gehen, die behinderungsbedingt nicht möglich sind.

Zugleich bietet die berufliche Selbstständigkeit Menschen mit Behinderung entscheidende Vorteile. Sie ermöglicht z. B. eine flexiblere Zeiteinteilung, die individuellen Bedürfnissen gerecht wird. Nur so können sich Betroffene die Zeit nehmen, die manche Dinge länger brauchen, und in eigener Regie woanders wieder dranhängen. Und sie haben die Freiheit, Physiotherapie, Arztbesuche und mehr in den Arbeitsalltag zu integrieren. Das muss nicht bedeuten, dass die Arbeitszeit schrumpft, aber sie ist anders strukturiert.

Wer von zuhause arbeitet, hat dort meist schon einen Teil der benötigten Ausstattung: ein barrierefreies Bad, rollstuhlgerechte Zugänge und alltägliche Hilfsmittel, die er braucht. Zusätzlich kann Geld für behinderungsbedingte Investitionen, wie einen höhenverstellbaren Schreibtisch, beantragt werden.

Krankenversicherung

Behinderungsbedingt können sich Gründer mit Schwerbehinderung oft nur über sehr hohe Beiträge oder überhaupt nicht privat versichern. Daher kommt für viele lediglich die Mitgliedschaft in der gesetzlichen Krankenversicherung infrage (die hierfür häufig verwendete Bezeichnung “freiwillig gesetzlich versichert” bezieht sich darauf, dass Selbstständige im Regelfall wählen können, ob sie setzlich oder privat versichert sein wollen). Für Existenzgründer – ob mit oder ohne Behinderung – bieten viele Kassen einen verminderten Beitragssatz in den ersten zwei Jahren an. Hierzu sollten sich Interessierte von ihrer Krankenversicherung beraten lassen.

Mit Vorbehalten konfrontiert

„In der Regel peilen Gründer mit Handicap kein wachsendes Unternehmen mit zahlreichen Filialen an“, sagt Radermacher. „Sie haben das Ziel, für sich selbst einen geeigneten Arbeitsplatz zu schaffen, sehen das oft als letzte Chance, wieder zu arbeiten und nehmen dafür auch das Risiko des Scheiterns in Kauf.“ Sein Ziel ist, dass Gründungsinteressierte im Laufe der Beratung erkennen, ob sich ihre Idee voraussichtlich erfolgreich realisieren lässt – oder auch nicht. „Es macht keinen Sinn, dass Menschen nur aus der Not der Arbeitslosigkeit heraus gründen und langfristig scheitern.“

Rund 10% der Gründungsinteressierten bei Enterability setzten ihren Plan nach Prüfung, persönlicher Qualifizierung und Vorbereitung tatsächlich um, darunter auch Menschen mit Querschnittlähmung. Konkrete Beispiele lassen sich hier allerdings nicht beschreiben: „Erfolgreiche Existenzgründer mit Querschnittlähmung gibt es zwar, aber auf Nachfrage hat sich gezeigt, dass die betreffenden Personen lieber nicht genannt werden möchten“, bedauert Manfred Radermacher. „Menschen mit Behinderung sind häufig mit Vorbehalten konfrontiert, daher wollen einige nicht, dass ihr Handicap bekannt wird, solange es sich vermeiden lässt.“ Seiner Erfahrung nach agiert ein Teil lieber im Hintergrund, wo die körperliche Situation für Kunden unsichtbar bleibt.

Integrationsfachdienst Selbstständigkeit
enterability 

Social Impact gGmbH
Glogauer Str. 21
10999 Berlin

Siehe auch: Erfolgeich beruflich selbstständig – Ein Interview mit dem selbstständigen Exportberater Kevin Schultes.

 

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