DGN warnt vor vorschnellem Einsatz einer Stammzellentherapie

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) warnt vor teuren und ungeprüften Stammzellen?Therapien bei neurologischen Erkrankungen. „Auch wenn aktuelle wissenschaftliche Entwicklungen ein großes Zukunftspotenzial von Stammzellen in der Entwicklung neuer Therapien für neurologische Erkrankungen aufzeigen, ist noch von einer Anwendung am Menschen außerhalb von klinischen Studien dringend abzuraten“, so ein Sprecher.

Bild 125860820 Copyright Andrea Danti, 2013. Mit Genehmigung von Shutterstock.com

Patienten zahlen laut DGN – auch in Deutschland – zwischen 6.000 bis 30.000 Euro für die Behandlung mit eigenen Knochenmarkszellen. Laut Prof. Alexander Storch, Stellvertretender Klinikdirektor der Klinik und Poliklinik für Neurologie am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden, zeigen Nachuntersuchungen aber, dass ihnen nicht geholfen werde. Die meisten klinischen Untersuchungen müssten abgebrochen werden oder hätten bisher keine klinische Wirksamkeit gezeigt. Derzeit läge keine klinisch-wissenschaftlichen Daten vor, die eine Anwendung von Stammzellen – unabhängig welcher Art – außerhalb von klinischen Studien rechtfertigten, denn „… es gibt noch keine Stammzellen-Therapie gegen neurologische Erkrankungen.“

Gegen internationale Standards

Zudem widersprächen unerprobte Behandlungen außerhalb klinischer Studien auch international vereinbarten Standards, so Storch. Die International Society for Stem Cell Research (ISSCR) hat in Zusammenarbeit mit Stammzellforschern, klinischen Ärzten, Ethikern und Beamten von Aufsichtsbehörden aus 13 Ländern Standards für die Anwendung von Stammzellen am Menschen innerhalb und außerhalb von klinischen Studien entwickelt. Diese Standards enthalten auch die Verurteilung von unerprobten Behandlungen mit Stammzellen oder deren Derivaten außerhalb von klinischen Studien. Storch stellt klar: „Zusammen mit unseren ausländischen Kollegen werden wir weiterhin mit Nachdruck darauf hinwirken, diese international verbindlichen Standards auch in Deutschland einzuhalten.“

In klinischen Forschungen liegt die Hoffnung – nicht in teuren Privatbehandlungen.

Den klinischen Anwendungen von ungeprüften Stammzellpräparaten steht das enorme Potenzial dieser Zellen für die Forschung und Therapie in der Neurologie gegenüber. Das Potenzial von Stammzellen liegt nicht allein in der direkten Anwendung als Zell- oder Gewebeersatz (bei z. B. Demenz, Parkinson und Querschnittlähmung, Gentherapien bei kindlichen Stoffwechselerkrankungen), sondern auch als krankheitsspezifische Modellsysteme zur Erforschung neurologischer Erkrankungen und möglicher neuer Therapien. Durch die Entwicklung patientenspezifischer Stammzellsysteme sei in jüngerer Zeit auch die Tür zur personalisierten Neurologie geöffnet worden, so Storch. Dies bedeutet, dass die Möglichkeit besteht, patientenspezifische Medikamente zu entwickeln. Allerdings ist die Forschung erst im Frühstadium. Von Heilung sei noch längst keine Rede. „Wir brauchen Zeit“, sagte Storch. „Wir wären schon froh, wenn wir einen Stopp oder eine Verlangsamung bei neurologischen Krankheitsbildern erreichen könnten.“

Siehe auch: Erste Erfolge bei Stammzellentherapie