Abenteuer Fruchtbarkeit

Die Fakten über die Zeugungsfähigkeit querschnittgelähmter Männer werden im Beitrag Vater werden trotz Querschnittlähmung beschrieben. Aber Fakten alleine zeichnen nur selten ein klares Bild der gegebenen Möglichkeiten, und selbst jenseits aller Emotionen klingt z. B. die Prozedur der transrektalen Elektrostimulation kalt, steril und unangenehm. Blogger und Buchautor Geoffrey Matesky nähert sich dem Thema mit Humor.

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„Fruchtbarkeit und Fortpflanzung sind heikle Themen für uns Querschnittgelähmte. Beides liegt durchaus im Bereich des Möglichen, denn wenigstens ein paar querschnittgelähmte Männer haben sich auf ganz normale Art und Weise fortgepflanzt. Anderen gelang es mit Hilfe der modernen Medizin, z. B. durch künstliche Befruchtung. Für querschnittgelähmte Frauen ist eine Schwangerschaft gewöhnlich kein Problem. Aber eine informelle Umfrage, die ich in meinem rollstuhlfahrenden Bekanntenkreis vornahm, ergab, dass die Chancen 50 zu 50 stehen, dass die Jungs a) eine ausreichende Erektion haben und/oder b) eine Ejakulation stattfindet – oder eben nicht. Und dann gibt es noch Möglichkeit C: Nämlich dass Querschnittgelähmte – im Falle einer Ejakulation – mit Platzpatronen schießen. Wenige Monate nach meiner Verletzung, stellte ich mit ziemlich viel Freizeit und der Hilfe veralteter Playboy-Hefte fest, dass ich in die Kategorie C fiel. Wobei die Frage nach den Platzpatronen zunächst unbeantwortet blieb.

Aber ich sollte eine Chance erhalten, der Wahrheit näher zu kommen.

Als ich noch mit meiner ersten Frau verheiratet war, hörte ich von einem Arzt in einem Krankenhaus in der Nähe, der Studien über die Fruchtbarkeit von Querschnittgelähmten durchführte. Das Thema “Familiengründung” war von meiner damaligen Frau hin und wieder angesprochen worden, also dachte ich, ich könnte genauso gut jetzt die Gelegenheit nutzen und herausfinden ob – wie Seinfeld es ausdrückte – „meine Jungs noch schwammen“. Das einzige Problem an der Sache war, dass der Arzt, um eine Spermaprobe zu gewinnen, eine Methode anwenden wollte, die transrektale Elektrostimulation hieß. Obwohl mir keine Details bekannt waren, wusste ich, dass dazu sehr private Bereiche von mir unter Strom gesetzt werden sollten, um eine Ejakulation herbeizuführen. Diese Vorgehensweise sollte viel aussagekräftigere Ergebnisse liefern als die weniger technisierte Methode, die ich zu Hause anwendete, da verschiedene Aspekte einer Rückenmarksverletzung, z. B. Spasmen, eine repräsentative Probe verhindern konnten. Im Klartext heißt das: Das Ejakulat muss nicht notwendigerweise alles enthalten, was für eine Befruchtung notwendig ist. Und was im Körper zurückbleibt, könnte ausschlaggebend für die Bestimmung der Fruchtbarkeit sein. Bei mir persönlich fand eine Ejakulation sowieso nicht in 100% der Fälle statt. Auch hier standen die Chancen mehr so 50 zu 50, also musste ich zugeben, dass die Möglichkeit mit Sicherheit zu wissen, ob ich brauchbare Spermien hatte, ausreichte, meine Abneigung gegen die transrektale Elektrostimulation zu überwinden. Wie schlimm konnte es schon werden? Vielleicht würde sogar eine attraktive Krankenschwester dem Arzt beim Anbringen der Vorrichtungen zur Hand gehen.

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Die transrektale Elektrostimulation: Nicht halb so lustig wie man meinen möchte.

Es war wohl so, dass – falls eine brauchbare Probe gewonnen werden sollte – diese eingefroren werden konnte, um sie später für eine künstliche Befruchtung zu verwenden. Selbst wenn ich also nicht in der Lage sein sollte, auf natürlichem Wege ein Kind zu fabrizieren, gäbe es andere Möglichkeiten der Zeugung. Ich kontaktierte also den Arzt, der sehr erfreut war, mich als Studienteilnehmer zu gewinnen, und fand mich wenig später zu meiner ersten Sitzung im Krankenhaus ein, voller Hoffnung eine Antwort auf eine Frage zu erhalten, die mich seit Eintritt meiner Querschnittlähmung beschäftigt hatte.

Der Arzt war jung, sehr enthusiastisch und eine echter Experte auf seinem Gebiet. Wir redeten über meine vorhandene Sexualfunktion, und er war auch der Meinung, dass es eine gute Idee wäre herauszufinden, wie es denn nun genau um meine Fruchtbarkeit bestellt sei. Er war ein bisschen besorgt wegen meiner autonomen Dysreflexie – dem Bluthochdruck und dem brennenden, kribbelnden Gefühl – mit der mein Körper auf jede ungewöhnliche Stimulation unterhalb meiner Läsionshöhe reagierte, sei es eine volle Blase, Härchen, die von meinen Beinen gezupft wurden, oder eine Tasse heißen Kaffees, die in meinem Schoß landete. (Für jemand dessen Sensibilität eigentlich ausgeschaltet sein sollte, kann ich Schmerz leider ziemlich gut übersetzen.)

Als wir nach dem Einstiegsgespräch in den Behandlungsraum gingen, wurde mir schnell klar, warum er besorgt war, denn die „Elektroden“ waren nicht die, die ich von EKGs kannte und die einfach aufgeklebt wurden, sondern ein einzelner ca. 20 cm langer, phallischer Stab aus rostfreiem Edelstahl, der über ein Elektrokabel an eine seltsam aussehende Konsole mit runden Anzeigefenstern und Tafeln angeschlossen war. Der Arzt erklärte, dass die Spermaprobe gewonnen wurde, indem die Prostata elektrisch stimuliert wurde. Zu diesem Zweck musste das abenteuerliche Instrument – Sie haben es bereits erraten – in meinem Hintern eingeführt werden.

Etwa eine Stunde später – ich war ziemlich erledigt wegen den extremen Beschwerden, die die Symptome der autonomen Dysreflexie auslösten – hatten der Arzt und sein Assistent eine brauchbare Spermaprobe gewonnen. Wahrscheinlich war es mehr als ich selbst zustande gebracht hätte, aber ich kam zu dem Schluss, dass diese Erfahrung auf der Hitliste der unangenehmen medizinischen Prozeduren, die ich bisher hatte über mich ergehen lassen müssen, ziemlich weit oben stand. Ich fasste neuen Mut, als der Arzt zurück kam nachdem er sich die Probe kurz unter dem Mikroskop angesehen hatte. Offensichtlich waren meine Spermien lebendig! Ich war überglücklich und versuchte sie mir auf dem Objektträger unter dem Mikroskop vorzustellen. Waren sie fit und fröhlich und schlugen Saltos wie winzig kleine Delfine? Oder waren sie müde, mitgenommen und schmollten nach dieser unschönen Erfahrung in meinem misshandelten Körper?

Notwendige Wiederholungen….

Der Arzt musste eine gründliche Untersuchung vornehmen, um die genaue Menge und den Gesamtzustand bestimmen zu können. Daher ließ sich zunächst nur sagen, dass wenigstens einige meiner Kampfjets noch im Einsatz waren. Während der folgenden Monate musste ich die Elektrostimulation noch ein-, zweimal über mich ergehen lassen, und beim Vergleich aller gewonnenen Proben stellte sich heraus, dass die Vitalität meiner Spermien zwar in Ordnung war, sie aber nicht in allzu großer Menge im Ejakulat vorkamen. Man sagte mir, ich solle deswegen nicht traurig sein. Millionen gesunder, normaler Männer hätten dasselbe Problem und viele hatten trotzdem eine Familie zustande gebracht. Der Arzt meinte, solange lebendiges Sperma im Ejakulat vorhanden wäre, bestünde die Chance auf eine Zeugung. Wie klein bzw. groß die Chance in meinem speziellen Fall war, würden die Resultate der partnerschaftlichen Bemühungen von meiner Frau und mir zeigen. Er empfahl, dass wir zunächst versuchen sollten – unter Berücksichtigung des Ovulationszyklus – auf traditionelle Art und Weise ein Kind zu zeugen. Wenn das nicht klappen sollte, könnten wir es immer noch mit dem Einfrieren meines Spermas und einer künstlichen Befruchtung probieren.

Leider kamen wir nie zum Einfrieren, den wenige Wochen später gab der Arzt seine Bemühungen auf und zog wegen einer anderen Studie nach Texas – wahrscheinlich war im hier der Geldhahn zugedreht worden. Es war allerdings nicht wirklich schlimm, denn meine Frau würde sowieso bald ausziehen. Und die paar Monate ungeschützter sexueller Aktivität (die den vielen zurückliegenden Monaten gänzlich fehlender sexueller Aktivität vorangegangen waren) hatten zu keiner Schwangerschaft geführt.“

(Dieser Text ist eine Leseprobe aus “They Call Me Wheels”, von Geoffrey E. Matesky, in englischer Sprache erhältlich bei iUniverse, Amazon.com, & Barnes & Noble (bn.com).)

 

Fragen & Kommentare

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  1. Tobias 23.10.2013, 19:48 Uhr

    Haha, *kleine Delphine* das ist schon witzig. Schön wenn man dieses Thema so humorvoll angehen kann.

    Vielen Dank!

    Hat es denn dann noch geklappt mit dem zeugen?
    Tobi

    • Tanja Konrad 24.10.2013, 08:57 Uhr

      Guten Tag Tobias,
      ja, hat es. Neben den zwei Stiefsöhne, die seine zweite Frau mit in die Ehe gebracht hat, hat Geoff mit Elisabeth einen gemeinsamen Sohn. Der auf natürlichem Wege entstanden ist.
      Viele Grüße,
      Tanja Konrad