Leben mit Querschnittlähmung: Den Uferstreifen bezwingen.

Viele Querschnittgelähmten haben Armmuskeln wie Profiboxer. Rollstuhlfahren, Transfers und Handbiken hinterlassen ihre Spuren an Bizeps und Trizeps. Rudern, Kajaken und Kanufahren sind daher Sportarten und Möglichkeiten der Freizeitgestaltung, die in ihrer Ausübung an sich kein Problem darstellen sollten. Schwieriger wird es da schon, wenn es darum geht, die Ausrüstung in der Gegend herumzuschleppen. Ob der Ehrgeiz, dies alleine bewerkstelligen zu wollen, wirklich gerechtfertigt ist, hat Geoffrey Matesky für sich mit einem ‚Ja!‘ beantwortet.

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„Ich robbe rücklings über den Strand, arbeite mich mit den Händen voran und lasse meinen Hintern jeden Meter in den nassen Sand plumpsen. Meine Fersen hinterlassen seltsame, längliche Spuren; als wäre ein exotisches Meerestier über den Uferstreifen der Salzwasserbucht gekrochen. Ich nehme an, dass ich im Augenblick glatt als solches durchgehen könnte, mit meinen Radlerhosen aus Elastan, dürren Beinen und Taucherstiefeln; mit meiner Haut rot und verbrannt von der unbarmherzigen Sonne über den Wassern des Cape Cod. Nachdem ich ungefähr sechs Meter zurückgelegt habe, nehme ich das geflochtene Tau aus meinem Mund und ziehe das Kunststoffkajak dieselbe Strecke über die Spuren, die ich gerade im Sand hinterlassen habe, zu mir heran bis es fast meine Zehen berührt. Dann wiederhole ich die Prozedur – robben, plumpsen, ziehen – bis ich schließlich am Fuß der Treppe ankomme, die die Strandmauer hinaufführt und über die man zu den höher gelegenen Bauten unserer Feriensiedlung gelangt. Dort oben wartet die Zivilisation: Grüne Rasenflächen, Loungemöbel und Gartengrills vor den Veranden der Ferienhäuser mit Meerblick. Aber bis ich meine Ausrüstung da hoch gewuchtet habe, sitze ich hier unten buchstäblich auf dem Trockenen – mein Boot, mein Paddel, der Dreck, ein paar Einsiedlerkrebse, die Sandmuscheln und ich: der Querschnittgelähmte, der es für eine gute Idee hielt bei Ebbe Kajaken zu gehen.

Die Treppe besteht aus zehn Stufen, an deren oberem Ende mich mein Rollstuhl erwartet, seit ich ihn vor fast zwei Stunden dort abgestellt habe. Mein Hintern ist voller Sand, aber ich geh mal davon aus, dass das meiste davon abgefallen sein wird, wenn ich ihn erst einmal diese Treppe raufbewegt habe. Ich hebe die Arme, die von meiner ambitionierten Tour um Green Harbor schon ziemlich müde sind, und hieve mich auf die erste Stufe. Leute beobachten mich von der anderen Seite der Bucht. Einwohner, ein ganzer Schwarm, sind aus ihren Strandhäusern ans Ufer gekommen, um in Strandliegen herumzulümmeln und ein paar Bierchen zu trinken. Glücklicherweise liegen zwischen ihnen und mir fast 50 Meter Salzwasser, also muss ich keine Angst haben, dass einer von ihnen versuchen wird mir zu helfen. Denn sonst würden die Ergebnisse meines Krüppel-Muskelkraft Experiments von äußeren Einflüssen verfälscht werden. Beim Stichwort ‚Hilfe‘ denke ich daran, dass mein 16-jähriger Stiefsohn nur einen Anruf weit weg in unserer Ferienwohnung sitzt und mit seiner X-Box spielt. Er würde sofort runterkommen, das Kajak schnappen und nach oben tragen, wenn ich ihn darum bäte (irgendwas müssen wir bei der Erziehung also doch richtig gemacht haben), aber ich will nichts davon wissen. Meine Mitmenschen wollen mir ehrlich helfen – Gott segne sie alle dafür – und ich weiß auch, dass ich es mir selbst sehr viel einfacher machen könnte, wenn ich sie lassen würde, aber ich brauche eine Antwort auf die uralte Frage: Wenn ich der letzte Mann auf Erden wäre, mit einer Läsionshöhe von Th6, würde ich das hier alleine geregelt kriegen?

Als ich den Landungssteg erklommen habe, bin ich immer noch mehr oder weniger intakt und etwas weniger sandig. Ich setze mich zurück in den Rollstuhl und bin wieder ein gewöhnlicher Querschnittgelähmter. Dann ziehe ich am Tau und das Kajak (Marke Old Town Otter, falls es jemand genau wissen will) springt die Stufen herauf wie ein verlässlicher alter Freund. Jetzt ziehe ich es über das Gras die 15 Meter bis zu unserer Veranda, dann hab ich es geschafft. Die alte tschechoslowakische Dame in der Ferienwohnung neben uns starrt mich eine Weile an, aber sie ist verschwunden, als ich mein Ziel erreiche. Ich mache ihr keinen Vorwurf. Ein Anblick wie der meine würde sich ihr in der Alten Welt vermutlich nicht bieten.

Triumph liegt im Auge des Betrachters

Es muss qualvoll sein mir zuzusehen. Den Weg vom Wasser zur Ferienwohnung, für den ich 30 Minuten gebraucht habe, hätte ein Fußgänger locker in zwei Minuten zurückgelegt. Aber für mich ist nicht wichtig wie lange diese Unterfangen gedauert hat. Die Tatsache, dass ich es geschafft habe, ist schon ein Triumph. Und wieder einmal ist das Dilemma folgendes: Triumph liegt im Auge des Betrachters.

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Ich: ‘Habt ihr das gesehen? Ich habe gerademal eine halbe Stunde gebraucht, um das Kajak über den Uferstreifen und zurück zu meiner Unterkunft zu schleifen! Hurra!’

Die Anderen: ‘Mein Gott, der arme Mann. Er hat eine geschlagene halbe Stunde gebraucht, um das Kajak über den Uferstreifen und zurück zu seiner Unterkunft zu bringen. Wie schrecklich!‘

Und doch bin ich Meister des Uferstreifens. Mein Uferstreifen! Bleibt bloß weg!

Warum ist das so?

Vielleicht, weil das Leben mit einer Behinderung nicht nur bedeutet zu wissen was man nicht kann, sondern zu wissen was man sehr wohl kann. Wir müssen nicht lange suchen, bevor wir an unsere Grenzen stoßen. Sie sind allgegenwärtig: Steile Anhöhen, Treppen, unzugängliche Badezimmer – die Liste ist endlos. Fähigkeiten, andererseits, sind nicht so offensichtlich. Und Menschen wie ich finden nur heraus, ob sie vorhanden sind oder nicht, wenn sie buchstäblich ins kalte Wasser geworfen werden und die einzige Alternative darin besteht sich selbst wieder herauszufischen.

Frühere Erfolge zählen nur bis zu einem gewissen Grad. Denn während wir älter werden und uns immer weiter von unserer Jugend entfernen, müssen wir manchmal ein Risiko eingehen und uns in eine Situation bringen, in der wir – für wenigstens kurze Zeit – nicht 100%ig sicher sind, ob wir es schaffen werden. Sollten wir es dann doch schaffen, versüßen die vorangegangenen Zweifel den Erfolg um ein vielfaches.

Der Urlaub ist vorbei und ich bin zurück im Büro, wieder der freundliche Typ im Rollstuhl, und niemand würde je auf die Idee kommen, dass ich nur ein, zwei Tage zuvor die Wellen der Hyannis Ferry in einem drei Meter Kajak bezwang. Das ist schließlich etwas, was nicht allzu viele Leute – querschnittgelähmt oder nicht – tun würden. Aber ich weiß, dass ich da war. Ich hab den Schlamm in der Unterwäsche, um es zu beweisen. Und das reicht mir schon. Jedenfalls vorläufig.“

Siehe auch: „Tut mir bitte einen Gefallen, ja? Tut mir keinen Gefallen!“