Das Vorspannrad: Ein fünftes Rad am Rollstuhl

Die Lenkräder eines Rollstuhls sind es, die seinen Fahrer in den Wahnsinn treiben können. Sicher: Auf ebenem Untergrund sind sie funktionell, wendig und leicht zu handhaben. Aber wehe wenn holprige Straßen, Dreck, Schotter, Matsch oder Schnee auf den Plan treten. Ein Vorspannrad kann hier die Lösung sein.

Quinty Bildcopyright Firma Föhl, 2013 Mit freundlicher Genehmigung von Herrn Bay

Durch den größeren Durchmesser des Vorderrads und den erweiterten Radstand macht eine Vorspannhilfe einen Rollstuhl zum geländegängigen Dreirad-Rollstuhl. Es rollt sicher über Oberflächen, die ansonsten nicht befahrbar wären, und trägt so erheblich zur Mobilität und damit zur Bewegungsfreiheit des Benutzers bei. Auch für Begleitpersonen wird das Schieben des Rollstuhls auf holprigem, unebenem und schrägem Untergrund – das ohne Vorspannrad schnell mal zum Kraftakt ausarten kann – deutlich vereinfacht.

Vorsatz- bzw. Vorspannräder übernehmen die Aufgaben der Lenkräder, ohne dass diese zuvor abgenommen werden müssten. Mit dem Ankoppeln des Rads am Rollstuhl werden die Vorderräder angehoben sobald das Vorspannrad entfernt wird, werden sie wieder abgesenkt und kehren bei Bodenhaftung wieder zu ihrer alten Funktionalität zurück.

Das Vorspannrad wird mit einem Adapter am Rollstuhlrahmen befestigt. Für diese Erstmontage des Adapters wird herstellerabhängig ein Zeitaufwand von 15 bis 45 Minuten angegeben. Danach kann das Anbringen des Vorspannrades jederzeit in Sekundenschnelle erfolgen.

Die meisten gängigen Vorspannrad-Modelle sind leicht und zusammenklappbar, was ihre Packmaße noch zusätzlich reduziert. Im Vergleich zu einem Adaptivbike oder einem elektrischen Zuggerät, kann es vom Nutzer selbst einfach transportiert und gehandhabt werden. Zudem lässt es sich platzsparend in der Wohnung lagern und passt sogar ins Handgepäck, wenn man auf Reisen geht.

Verschiedene Hersteller haben sich mit der Idee des Vorspannrads beschäftigt und bieten unterschiedliche Lösungen mit entsprechenden Variationen an*:

Quinty 

Quinty auch für E-Rollis

Quinty auch für E-Rollis

Der Vorreiter unter den Vorspannrädern ist der preisgekrönte Quinty der Firma Föhl. Schon vor fast zehn Jahren entwickelte Erfinder Walter Föhl das Vorspannrad, um den Rollstuhl seines Sohnes bei Spaziergängen in der Natur leichter schieben zu können. Zielgruppe war zunächst die Eltern behinderter Kinder, die bei der Handhabung des Rollstuhls auf z. B. unebenem, weichem Untergrund oder auf Kopfsteinpflaster entlastet werden sollten. Genutzt wird das Produkt inzwischen hauptsächlich von erwachsenen, aktiven Rollstuhlfahrern, die das erhöhte Maß an Mobilität und Freiheit bei Touren über Stock und Stein, Wiesen und Felder oder Sand und Strand zu schätzen wissen.

Das Quinty Vorspannrad lässt sich an alle gängigen Aktivrollstühle und auch an E-Rollis anpassen; für Rollstühle mit abnehmbaren Fußrasten ist es nur bedingt geeignet. Dank einer Teleskop- und Klapptechnik lässt es sich superklein zusammenfalten.

Preis: Die Kosten für den Quinty liegen derzeit bei ca. 700 Euro**.

FreeWheel

Der Entwickler der US-amerikanischen Version des Vorspannrads, Patrik Dougherty, ist selbst querschnittgelähmt und eroberte sich laut eigener Aussage mit seinem Design ein Stück der Freiheit und Mobilität zurück, die er von seinem aktiven Leben vor der Rückenmarksverletzung gewohnt war.

Das FreeWheel Vorspannrad ist nur für Starrahmenrollstühle geeignet. Der Hersteller arbeitet aber derzeit (Oktober 2013) nach eigenen Angaben an einer FreeWheel Version, die auch bei Faltrollstühlen verwendet werden kann.

Preis: Die Kosten für das FreeWheel liegen derzeit bei ca. 700 bis 800 Euro** je nach Anbieter.

Molab SmartWheel

Das SmartWheel ist das Vorspannrad des deutschen Herstellers Molab und passt an fast alle gängigen Starrahmenrollstühle sowie auch fast alle Faltrollstühle mit festem Vorderrahmen. Abschwenkbare Fußstützen sind bei der Adaption an ein SmartWheel leider nicht möglich. Die Radnabe ist aus Carbon gefertigt. Die Lager sind rostfrei und zweifach gedichtet gegen Sand und Wasser. Bereifung leicht, einfach austauschbar und pannensicher mit perfektem Rundlauf. Vorlaufwinkel, Abstand zum Fußbrett und Höhe der Lenkräder des Stuhles zum Boden stufenlos einstellbar.

Preis: Die Kosten für das Molab Smart Wheel liegen derzeit bei ca. 750 bis 900 Euro**.

Sorg Lenk- und Schiebehilfe für den Außenbereich

Das günstigste Modell unter den Vorspannrädern ist die Lenk- und Schiebehilfe der Firma Sorg Rollstuhltechnik. Im Gegensatz zu den anderen Modellen wird das Rad nicht über eine einzelne Strebe am Rollstuhl befestigt, sondern mit zweien. Die beiden Verbindungsteile bilden eine Art Rahmen, der stark und widerstandsfähig ist und so zusätzliches Ladevolumen bietet. Die Lenk- und Schiebehilfe ist nicht zusammengeklappt transportierbar, kann aber an allen Rollstühlen des Herstellers angebracht werden; auch andere Modelle können unter Umständen damit nachgerüstet werden.

Vosara v3

Das Rad v3 vom Hersteller Vosara ist eine neue Generation der Vorspannräder. Es verfügt über einen Einhandlenker und kann auf Wunsch die Lücke zwischen Vorspannrad und Zuggerät schließen. Dabei unterscheidet es sich preislich nicht allzu sehr von seinen Kollegen. Für einen ausführlichen Beitrag siehe: Wandlungsfähig: Das Vosara Vorspannrad v3

WheelBlades

Ein bisschen aus dem Rahmen fällt in dieser Riege das Wheel Blade System des Schweizer Erfinders Patrick Mayer, doch skibegeisterten Rollstuhlfahrern werden ihre helle Freude daran haben. Die preisgekrönten Wheel Blades werden wie Kufen unter die Vorderräder geklemmt und vereinfachen das Vorwärtskommen im Schnee.

wheelblades der Wheelblades GmbH, 2013 Aus dem Downloadbereich www.wheelblades.ch/go/download/index.php

Für Tiefschneeabenteuer sind sie laut Hersteller jedoch ungeeignet, da die Antriebsräder einsinken und ein Vorwärtskommen verhindern. Zudem sollten die Wheel Blades immer mit Winterreifen kombiniert werden, um die Sicherheit des Nutzers zu gewährleisten.

Vorspannräder sollten nicht mit Adaptivrädern verwechselt werden. Diese werden zwar auch dem Rollstuhl „vorgespannt“, lassen sich zusätzlich aber auch lenken. Zudem erfolgt beim Adaptivbike der Antrieb über die integrierten Handpedale und nicht über die Antriebsreifen des Rollstuhls. Siehe: Handbikes: Varianten von Hybrid bis Extrem

 

*Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

**Alle Preise: Stand Aug. 2015.

Fragen & Kommentare

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  1. Karola Flor 23.08.2015, 14:53 Uhr

    Hallo,
    hat dieses Rad schon jemand über die KK bekommen ?
    Was sollte am besten auf dem Rezept stehen ?
    Gibt es evtl. sogar eine Hilfsmittelnummer.
    Wenn es nicht über KK funktioniert, was kostet es ???
    DANKE DANKE DANKE 🙂
    Liebe Grüße aus dem sonnigen Peiner Land
    Karola

    • Tanja Konrad 24.08.2015, 11:02 Uhr

      Guten Tag Karola,

      Unseres Wissens nach haben Vorspannräder keine Hilfsmittelnummer und werden daher eher nicht von den Kassen gedeckt.

      Allerdings ist es einen Versuch wert. Sie könnten mit Ihrem behandelten Arzt z. B. die präventiven positiven Auswirkungen für den Körper (weniger Stoßbelastung auf unebenem Gelände, verbesserte Möglichkeiten zum Sport, etc.) festhalten.

      Was die Vorspannräder der einzelnen Hersteller kosten ergänzen wir im Text. Vielen Dank für den Hinweis!

      Herzliche Grüße

      Tanja Konrad