Erfolgreich beruflich selbständig mit Handicap

Die wichtigsten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Existenzgründung mit Handicap sind Kreativität, Organisationsfähigkeit und das Wissen um das eigene Leistungsvermögen. Querschnittgelähmte, die die berufliche Selbständigkeit wagen wollen, brauchen nicht nur Kenntnisse in Buchhaltung, Steuerrecht und Marketing, sie müssen auch ihren eigenen Körper kennen und wissen was sie ihm zumuten können. Und was nicht.

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Seit über zwei Jahren ist Kevin Schultes sein eigener Chef. Als Exportberater mit dem Schwerpunkt Medizintechnik berät er Hersteller beim Vertrieb ihrer Produkte auf dem internationalen Markt. Mit Der-Querschnitt.de spricht er über seine Motivation, die Chancen und Risiken der beruflichen Selbständigkeit und die Eventualitäten, die man als Querschnittgelähmter kennen sollte.

Herr Schultes, Sie waren leitender Angestellter und wagten dennoch den Schritt in die Selbständigkeit. Welche Vorteile hat die Selbständigkeit aus Ihrer Sicht?

Ich habe mich bewusst für die Selbständigkeit entschieden. Ich war nicht unglücklich in meiner vorhergehenden Stelle, aber ich bin jemand, der die anstehende Arbeit auch zeitnah und mit einer gewissen Qualität erledigt wissen will. Und da fällt es mir schwer an einen normalen Zeitrahmen gebunden zu sein. Man muss ein bisschen überlegen: Wie weit will man da gehen? Und bei mir war es dann eben so, dass das zeitliche Kontingent, welches man da aufbringt, schon sehr hoch ist. Aber andererseits muss natürlich auch das Privatleben um die Arbeit organisiert werden. Der Hauptgrund für mich war also die Flexibilität und das Wissen für mich selbst zu arbeiten und auch dass die Energien, die man aufwendet, letztendlich einem selbst zugute kommen. Ich arbeite viel von zuhause aus und habe dadurch die Möglichkeit meine Arbeit an meinen Tagesablauf anzupassen. Und auch an die Arbeitszeiten meiner Frau, die im Schichtdienst arbeitet. Und ich kann mir auch mehr Zeit für mich selber nehmen. Also: Zeit für Therapien. Ich mach es im Augenblick so, dass ich einen halben Tag in der Woche ganz bewusst einsetze, um Therapien und Behandlungen wahrnehmen zu können. Das war vorher – im Angestelltendasein – kaum möglich. Wenn überhaupt ging so etwas in den Abendstunden… was es nicht einfacher macht. Nicht alle Therapien kann man abends wahrnehmen; die Therapeuten wollen ja auch irgendwann nach Hause.

Ich kann also sagen: Diese Flexibilität war ausschlaggebend für meinen Schritt in die Selbständigkeit. Ich arbeite jetzt wohl nicht weniger, aber ich kann dies alles jetzt sehr viel besser an meinen Tagesablauf und mein Familienleben anpassen.

Gibt es denn Nachteile, die die Selbständigkeit mit sich gebracht hat?

Ja, die gibt es auch. Ich hatte eine recht gute Position bei meinem vorherigen Arbeitgeber. Zunächst war es also die finanzielle Situation, die etwas unsicher war. Man weiß ja nicht worauf die Selbständigkeit hinausläuft. Und eine vermeintlich sichere Stelle dann aufzugeben… war schon Gegenstand von Überlegungen. Ich muss aber sagen, dass das für mich kein so großer Hemmschuh war. Ich war von Anfang an sicher, dass für mich in dem Bereich, den ich mir ausgesucht habe, auch Möglichkeiten bestehen. Bisher bin ich auch sehr zufrieden. Man fängt natürlich nicht gleich auf hohem Niveau an – die wenigsten können das tun – aber schon nach kurzer Zeit war ich doch auf einem guten Niveau angekommen. Dass es am Anfang eine gewisse Durststrecke geben würde, war klar. Das war auch von vorne herein so eingeplant und mit meiner Frau besprochen. Denn dadurch, dass wir zwei Verdiener in der Partnerschaft sind, hatte ich es schon ein wenig einfacher, als es jemand hätte, der völlig auf sich alleine gestellt ist.

Und was ich auch durchaus vermisse sind Kollegen. Ich bin als Berater alleine, d. h. als Einzelkämpfer tätig. Ich habe natürlich am Tag viele Kontakte über Telefon und E-Mail usw., aber ich habe keinen festen Kollegenkreis. Und das ist etwas was ich schon vermisse, den Austausch und die Zusammenarbeit. Grundsätzlich bin ich ein Teamplayer und es war auch so, dass ich in der Vergangenheit von meinen Kollegen viel gelernt habe. Der Austausch beschränkt sich jetzt auf die Kunden, mit denen ich zu tun habe, und das ist natürlich eine ganz andere Situation.

Was für Voraussetzungen braucht jemand, der beruflich selbständig sein möchte?

Zunächst braucht man Kreativität. Die zündende Idee. Man muss wissen was man überhaupt will. Sich einfach mal so selbständig machen, macht sicherlich keinen Sinn. Und Kontakte. In meinem Fall hat sich das so ergeben, dass ich über viele Jahre hinweg Kontakte aufgebaut habe und gemerkt habe, dass eine Nachfrage besteht für die Dienstleistung, die ich anbiete. Dieses Wissen sollte vorhanden sein.

Zudem muss man eine gewisse Organisationsfähigkeit mitbringen. Man muss sich selbst organisieren können. Manchen Leuten fällt es leichter sich anleiten zu lassen. Als Selbständiger muss ich mir jeden Tag selber überlegen an welchen Projekten ich heute in welchem Umfang arbeite. Ich muss also die Zeitplanung im Griff haben. Und auf der anderen Seite auch immer ein Auge auf die Zukunft, auf die Akquise von neuen Aufträgen haben.

Dann muss man auch eine gewisse Leidensfähigkeit mitbringen. Man muss bereit und in der Lage sein, viel Arbeit zu investieren, wenn es nötig ist. Auch mal Spitzen abzuarbeiten. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass alle Anfragen immer gleichzeitig kommen. Andererseits muss man eben auch Durststrecken überstehen können. Man darf nicht gleich verzagen, wenn es mal doch nicht so läuft, wie man sich das wünscht oder es wegstecken, dass Projekte, die man mit viel Elan vorbereitet hat, eben doch nicht zum Tragen kommen. Man muss wissen wie man mit Erfolgen aber auch mit Misserfolgen umgehen kann.

Erhielten Sie Unterstützung, als Sie sich selbständig gemacht haben?

Direkte Unterstützung nicht. Das war in meinem Fall nicht notwendig. Ich hatte kurz überlegt – es gibt ja gute Möglichkeiten, z. B. über die KfW – aber es war letztendlich nicht nötig, da ich alles was ich für meine Tätigkeit brauche – ein Fahrzeug, Computer, Laptop, Telefon – vorher schon hatte. Ich musste keine großen Investitionen tätigen. Ich hatte also nicht das Problem erst mal Geld auftreiben zu müssen, um starten zu können. Für Leute, bei denen das der Fall ist, ist das natürlich eine zusätzliche Belastung. Denn Kredite müssen abbezahlt werden.

Aber es gibt gute Möglichkeiten, über die man informiert sein sollte. Auch die regionalen Arbeitsagenturen bieten Vorbereitungskurse, die sehr wertvoll sein können. So können auch Kontakte hergestellt werden zu Institutionen, die einen eben dann auch fördern können. Fördermittel können manchmal auch über Wettbewerbe erlangt werden. Informationen hierzu sollte jeder, der sich selbständig machen möchte, einholen.

Weiterhin gibt es Kurse zu Buchhaltung, Steuer, Büroorganisation, Marketing. Wer da keinen Hintergrund hat, muss unbedingt solche Weiterbildungen belegen. Gemacht werden muss es schließlich. Und auch das ist ein Punkt, den man sich überlegen sollte. Kann man das leisten? Oder sucht man sich Dienstleister, die diese Aufgaben für einen übernehmen. Immer mit der Einschränkung: So etwas muss bezahlt werden.

War Ihre Querschnittlähmung bei der Ausübung Ihres Berufes jemals von Nachteil?

Ich bin von Natur aus ein eher optimistischer Mensch. Von daher habe ich meine Querschnittlähmung nie als Belastung gesehen. Auch wenn man vielleicht eher mal an seine Grenzen kommt als andere. Bei meiner letzten Tätigkeit als Angestellter war es viel mehr ganz sicher so, dass ich aufgrund meiner Rollstuhlsituation überhaupt erst eingestellt worden bin. Daher kann ich sagen, dass ich bisher keine großen Nachteile habe in Kauf nehmen müssen.

Und bei Kundenkontakten?

Das ist eine ganz interessante Frage. In meinem Fall ist es so, dass viele meiner Kontakte mich schon vor meiner Selbständigkeit kannten. Hier spielte die Tatsache, dass ich im Rollstuhl sitze, also gar keine Rolle. Aber bei der Neuakquise ist das zunächst sicherlich kein Vorteil. Man muss gegen Vorurteile ankämpfen. Die Frage, die manche Leute sich stellen, ist: Ist diese Person überhaupt fachlich und vom Arbeitsaufwand her in der Lage alles abzudecken, was wir brauchen? Ich denke, dass das bei einem Rollstuhlfahrer eher mal infrage gestellt wird, als bei einem Menschen ohne Behinderung.

Aber ich habe – Gott sei Dank – noch nicht allzu viele negative Erfahrungen machen müssen. Und auch was die Barrierefreiheit bei Kunden angeht, habe ich bisher noch keine großen Probleme gehabt. Es kommt natürlich mal vor, dass man zu Kunden kommt, die keinen Rollstuhlfahrer erwarten. Das ist ja keine Information, von der ich glaube, sie Menschen sofort mitteilen zu müssen. Genauso wenig wie ich über meine Haar- oder Augenfarbe reden würde. Aber dann ist es eben manchmal so, dass etwa Konferenzräume über Treppen, und das heißt für mich nur mit Hilfe, zu erreichen sind. Aber diese Hilfe ist in den meisten Fällen schnell gefunden. Natürlich habe ich aber daraus gelernt und ich spreche das jetzt eigentlich immer zu einem recht frühen Zeitpunkt an, um eben solche Situationen – die ja auch für den Kunden unangenehm sind – von vorne herein zu vermeiden.

Auf was muss man besonders achten, wenn man sich als Querschnittgelähmter selbständig machen will?

Da kann ich jetzt nicht nur aus eigener Erfahrung berichten, sondern auch von dem, was Freunde und Bekannte mir zutragen: Man muss einen Weg für sich finden auf seinen Körper und die Situation im Rollstuhl zu achten. Vor allem im Hinblick auf die eigene Belastbarkeit. Mein großer Vorteil ist, dass ich eine relativ tiefe Lähmung habe, d.h. ich habe keine so starken Einschränkungen. Dennoch muss man natürlich aufpassen, dass z. B. keine Druckstellen entstehen. Die Gefahr ist allerdings – gerade wenn man neu mit der Selbständigkeit beginnt – dass man sich überfordert, sehr viel Zeit in den Beruf investiert, und dann, wie es mir eben schon einige berichtet haben, einen Preis bezahlt. Druckstellen zwingen einen dazu für eine mehr oder weniger lange Zeit eine Pause einzulegen. Und bei Selbständigkeit kann das natürlich den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg des Unternehmens ausmachen. Wenn man wegen einer Druckstelle für mehrere Monate ausfällt, kann das der Selbständigkeit umgehend ein Ende bereiten. Gerade in der ersten Phase. Daher kann ich nur raten, dass man von Anfang an seinen Tagesablauf so organisiert, dass man Pausen einbaut. Wenn ich z. B. das Gefühl habe, dass ich mich jetzt mal eine Weile hinlegen sollte, um eine Entlastung sicher zu stellen, dann tue ich das. Und man muss auch die Selbstwahrnehmung und den Realismus aufbringen, diese Impulse zu erkennen und ihnen nachzugeben. Und nicht versuchen sie zu verdrängen. Das ist eine große Gefahr. Man muss dennoch – auch wenn es schwierig ist – sagen: Ich muss diese Auszeit jetzt nehmen.

Was also tun wenn es zu solchen Problemen kommt?

Man sollte von Anfang an abwägen. Die Vergangenheit kritisch betrachten und sich fragen: Bin ich in der Vergangenheit aufgrund von Überlastung schon einmal ausgefallen? Ist es möglich, dass es in Zukunft passiert? Wenn man denkt, dass dem so ist bzw. sein könnte, dann sollte man sich überlegen die Selbständigkeit auf jeden Fall mit einem Partner gemeinsam zu wagen. So dass immer jemand da ist, der meinen Ausfall kompensieren kann. Oder man fragt sich: Wie kann ich – vielleicht von außen – einen Stellvertreter sicherstellen, wenn ich ausfalle?

Was würden Sie sich für die Situation von Existenzgründern mit Behinderung wünschen?

Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen die berufliche Selbständigkeit wagen. In Deutschland generell herrscht ja eine gewisse Zurückhaltung gegenüber einer eigenen beruflichen Selbständigkeit. Das ist in anderen Ländern anders. Das liegt vielleicht ein bisschen an der Mentalität. Hier herrscht ja eher ein Sicherheitsdenken. Aber andererseits hat man eben eine gute Möglichkeit, die eigenen Ideen umzusetzen, die eigene Persönlichkeit und die eigenen Fähigkeiten einzusetzen.

Natürlich muss man sich darüber im Klaren sein, dass es viel Arbeit mit sich bringt. Auch gewisse Risiken. Aber langfristig wird man eben belohnt. Zum einen ist es eine ganz andere Motivation für sich selbst zu arbeiten und sich etwas aufzubauen. Und später Angestellte zu haben, denen man die Gelegenheit gibt in Lohn und Brot zu stehen.

Ich würde die Menschen ausdrücklich dazu auffordern den Schritt zu wagen, da ich denke, dass es gerade für Menschen mit Behinderungen die genannte Flexibilität mit sich bringt und die Möglichkeit sich anders zu organisieren als es in einem Angestelltenverhältnis möglich ist. Erfahrungsgemäß gibt es ja doch nur wenige Arbeitgeber, die behinderten Menschen die Möglichkeit bieten, sich jenseits der üblichen Arbeitsabläufe aufzustellen. Man muss sich schon im Klaren darüber sein, dass man im Beruf an denselben Maßstäben gemessen wird, wie alle anderen auch. Das heißt, wenn ich nach Mittag abbaue, weil das meine Behinderung so mit sich bringt, dann werde ich langfristig kein Entgegenkommen weder von Chef noch von Kollegen erwarten können. Ich muss dann eine andere Lösung finden, wie ich für das Team und den Arbeitgeber die beste Leistung bringen kann.

Ganz grundsätzlich würde ich mir wünschen, dass mehr Menschen ihre Ideen umsetzen, dass sie kreativer sind. Und das Wagnis eingehen. In Deutschland ist es so, dass eine wahnsinnige Angst vor dem Scheitern herrscht, denn das ist ein großer Makel. Wenn man gescheitert ist, vielleicht auch finanzielle Mittel… ja… in den Sand gesetzt hat, hängt einem das ewig nach. Ein Urteil wird von Außenstehenden mal schnell gefällt. Ohne dabei zu bedenken: Vielleicht hat sich der Betroffene das falsche Thema ausgesucht, vielleicht waren die Rahmenbedingungen nicht optimal, vielleicht hatte er auch einfach Pech. In Deutschland wird ein Misserfolg immer sehr stark auf die Person zurückgeführt und ist so dem weiteren beruflichen Vorankommen eher hinderlich.

Im Ausland, in den USA oder Großbritannien etwa, ist das ganz anders. Da denkt sich da keiner was dabei. Ich habe schon mit Leuten gesprochen, die selbständig waren und bei denen der erste oder auch der zweite Versuch nicht so erfolgreich war. Und dann versuchen sie es ein drittes Mal. Nicht aufgeben. Diese Einstellung wünsche ich mir auch für Deutschland.

Die Redaktion dankt für das Gespräch.

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