Alleine mit den Jungs

Die Familienstrukturen, die wir als normal empfinden, sind einem ständigen Wandel unterworfen. Während vor nicht allzu langer Zeit noch die Großfamilie mit mehreren Generationen unter einem Dach der Standard war, waren die letzten paar Jahrzehnte vom Bild der Kernfamilie – Vater, Mutter, zwei Kinder und ein Hund – geprägt. Heute tritt vermehrt die Patchwork-Familie auf den Plan, bei der wenigstens einer der beiden Partner Kinder mit in die Beziehung bringt.

 

Bild 86342506 copyright Zurijeta, 2013 Mit Genehmigung von Shutterstock.com

Diese neue Konstellation ist eine Herausforderung für alle Beteiligten und ihr Erfolg ist von jeder Menge Geduld und Toleranz abhängig. So war es auch im Fall von Geoff Matesky. Seine zweite Ehefrau, Elisabeth, brachte zwei Söhne mit in die Ehe. Später vervollständigte dann ein dritter, gemeinsamer Sohn ihr Glück. Dieser Weg ist allerdings nicht der einfachste, schon gar nicht wenn man im Rollstuhl sitzt, und an die frühen Jahre mit der Familie, die er geheiratet hat, erinnert sich Geoff – manchmal – mit Grauen:

“Elizabeth hat mich mit den Jungs alleine gelassen. Sie ist einkaufen und ich lass die zwei nicht aus den Augen. Josh und Ben sind wie zwei tickende Zeitbomben; sicher, sie sehen relativ harmlos aus, wie sie auf der Couch sitzen und Zeichentrickserien schauen. Aber wenn eine Werbeunterbrechung kommt, ist die nächste heftige Auseinandersetzung so sicher wie das Amen in der Kirche.

War ich auch so schnell unkonzentriert oder habe so blitzartig die Stimmung gewechselt, als ich ein Kind war? Auf gar keinen Fall! Ich war ein Engel. Ich kann mich ums Verrecken nicht daran erinnern, meine Eltern jemals solch einen Stress gemacht zu haben – schon gar nicht während der heiligen Fernseh-Zeit. Und mit unserem 19 Zoll schwarz-weiß Fernseher, mit dem wir ganze zweieinhalb Kanäle empfingen, waren die Werbespots oft viel interessanter als die schrecklichen Wiederholungen der Sendungen aus den späten 60ern. Damals hätte während der Werbung aufzustehen bedeutet, solch großartigen Werbefilmklassiker wie ‘Plop-plop Fizz-fizz’ zu verpassen, oder der in dem ein Hund einen kleinen Zeichentrick-Verpflegungswagen durch die Gegend jagt.

Josh und Ben (sieben und vier Jahre alt) haben keine Ahnung wie gut sie es haben. Und das macht mich völlig fertig. Glauben tun sie mir es jedenfalls nicht, wenn ich es ihnen sage. Und obwohl ihnen all diese Wunder der modernen Technik zur direkten und uneingeschränkten Verfügung stehen, ist ihre Lieblingsfreizeitbeschäftigung immer noch ‘Bring deinen Bruder zum Schreien – und zwar so laut wie er kann’. Wenn ich das gewusst hätte, als ich anfing ihr Stiefvater zu sein, hätte ich eine Menge Geld sparen können. Vielleicht hätte ich sogar den neuen Game Boy, den wir Josh zu Weihnachten gekauft hatten, für mich selbst behalten können. Unter meiner relativ stoischen, ruhigen Fassade, brodelt ein Computerspiele liebender Vulkan. Leider kann ich mich nicht der Weisheit erwehren, dass meinen Titel als Gaming Meister zurückzuerobern, bedeuten würde, Elisabeth sehr viel länger zu vernachlässigen, als klug wäre. Außerdem ist es eine Sache seine Zimmergenossen am College bei Marble Madness zu vernichten, aber eine völlig andere das mit Josh zu tun, denn der ist nur ein Kind. Also werde ich mich wie ein Erwachsener verhalten und das Richtige tun: Ich werde ihn weiterhin in dem Glauben lassen, dass er Super Mario Brothers besser spielen kann als ich.

Ich muss höllisch aufpassen.

Aber dies ist nicht die Zeit um Erinnerungen an veraltete Videospiele nachzuhängen. Ich muss höllisch aufpassen, denn diese Kinder aus einem Rollstuhl heraus unter Kontrolle zu behalten ist fast so als würde ich versuchen einen Aufstand niederzuschlagen. Okay, gerade hängen ihre gläsernen, leeren Blicke am Bildschirm (eines 42 Zoll Sony Fernsehers mit Surround Sound, diese Glückspilze), aber es wäre ein Fehler mich in Sicherheit zu wiegen. Tatsächlich nutzen sie diese Zeit um ihre Strategie zu überdenken, sie an meine neuesten Verteidigungsmechanismen anzupassen, und um so letztendlich eine Diktatur der Gesetzlosigkeit und des Chaos einzuläuten.

Ein Beispiel: Wären der letzten Werbepause dachte Ben, der vor sechs Monaten vier geworden ist, dass es lustig wäre seinem Bruder seine Spielzeugeisenbahn auf den Kopf zu hauen. Ironischer Weise lautet der Aufdruck auf der Seite der Lok ‚Spiel Schön Express‘. Natürlich ist diese Attacke von Ben nur ein Racheakt, da Josh dasselbe mit ihm gemacht hat – vor gut zehn Minuten. Aber war das weil Ben zuerst damit angefangen hatte? Verdammt soll ich sein, wenn ich es weiß. Sobald die Werbung vorbei ist hört das Geschrei sofort auf und sie verschmelzen wieder mit der Couch. Jetzt ist es schwierig, sie von normalen Kindern zu unterscheiden.

Viele Monate habe ich damit verbracht zu versuchen Josh von seinen endlosen Attacken gegen seinen kleinen Bruder abzubringen. ‚Gönn dem Kleinen eine Pause, ja Kumpel?’ Aber es hat keinen Zweck. Josh muss einfach immer gewinnen. Egal ob gegen seinen Bruder, der nur halb so alt ist wie er, oder gegen den Krüppel, der die Hypothek bezahlt. Außerdem hat Elizabeth irgendwo gelesen, dass es nicht gut ist größeren Geschwistern in diesem Alter zu viel Verantwortung zu übertragen, da sie das einem ungerechtfertigten Druck aussetzen würde. Also müssen wir versuchen mit Joshs ewigem Kreuzfeuer zurechtzukommen und darauf hoffen, dass Ben ihn nicht abgrundtief hassen wird, wenn er erst einmal alt genug ist sich richtig zu wehren.

Ich hatte keine jüngeren Geschwister, die ich hätte drangsalieren können, aber ich komme nicht umhin mich zu fragen: War ich je so wild, so aufrührerisch als ich in Joshs Alter war? Mein Schwester und ich lebten relativ friedlich nebeneinander her. Sie ist zwei Jahre älter als ich und hat mir schon mal eins hinter die Ohren gegeben, wenn ich ihr auf die Nerven ging oder in ihren Bereich vordrang. Aber andererseits hat sie auch auf mich aufgepasst und war immer bereit mutige Rache zu suchen, wenn ältere Jungs in der Nachbarschaft auf die Idee kommen sollten mich zu schikanieren. Alles in allem hatte ich so viel Respekt vor ihren Barbies, wie sie vor meinen G.I. Joes. Die offensichtliche Abgrenzung, die unser Geschlecht und unser Alter darstellten schien ein effektiver Dämpfer für jegliche Geschwisterrivalitäten dargestellt zu haben.

Kissenschlacht, verdammt!

Schreie reißen mich aus meinen Gedanken. Kissenschlacht, verdammt! Eins muss man Ben lassen. Er gibt wirklich alles mit einem Sofakissen, das größer ist als er selbst. Aber er hat keine Chance gegen Josh. Ich muss mich buchstäblich zwischen die beiden werfen, was schwieriger ist als es klingt. Ich muss das Wohnzimmer durchqueren, dessen Boden übersäht ist mit Matchbox Autos, Spielzeugeisenbahnen und hölzernen Gleisabschnitten (die Schneise, die wir heute schon geschlagen hatten ist von meinen beiden kleinen Godzillas schon wieder vernichtet worden). Ich höre das Knirschen unter meinen Reifen, während ich versuche mich ins Kreuzfeuer zwischen den Fronten zu drängen. Okay, okay – hört auf, ihr zwei! Ich schnappe mir die Kissen und werfe sie außer Reichweite. Erstaunlicherweise setzt Josh sich hin, auf seiner Seite der Couch, und versucht nicht sich ein neues Kissen zu greifen.

Ihre eindrucksvollsten Wutanfälle reservieren Josh und Ben immer noch für ihre Mutter. Das ist allerdings nichts, worauf ich stolz sein kann, denn laut meiner Mutter (sie war Lehrerin und hat einen Master in Pädagogik) haben Kinder ihre intensivsten emotionalen Ausbrüche nur in Gegenwart jener Menschen, zu denen sie das größte Vertrauen haben. Ich bin immer noch ein überbewerteter Babysitter für sie – noch tritt ein gewisser Filtermechanismus in Kraft, wenn sie es ausschließlich mit mir zu tun haben. Was mich gleichzeitig erleichtert, aber auch traurig macht. Ich sollte geduldiger sein, denn in wenigen Jahren, werden sie sich mir gegenüber nicht mehr zurück halten und ich werde mich nach der Zeit zurücksehnen, als ich noch zur Unterschicht in der Zwei-Klassen-Gesellschaft ihrer Familienhierarchie gehörte.

Sie machen keine Gefangenen…

Jetzt bewerfen sie sich gegenseitig mit Legos. Ich kippe den Rollstuhl, dreh mich um, und trenne die beiden Streithähne mal wieder. Elizabeth hat mich gebeten die Wäsche zusammenzulegen während sie weg ist, aber da hat sie schlechte Karten. Schließlich bricht hier jeden Augenblick ein Bruderkrieg aus. Josh schmeißt mit Legos und nach jedem Schrei von Ben schaut er in meine Richtung, auf seinem Gesicht ein teuflisches Grinsen, das die Sommersprossen auf seiner Nase und Wangen betont.

Und plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Sie machen das wegen mir! Kein Wunder, dass ich jedes Mal dann einen Schrei höre, wenn ich mich anschicke ins andere Zimmer zu rollen. Verstehst du nicht?! Du bist das Spiel, Blödmann!

Sie machen das absichtlich – ich weiß es! So zahlen sie es mir heim, dass ich ihre Familie zerstört habe. Josh und Ben sind clever. Sie halten sich nicht mit solchen Kleinigkeiten auf wie zu schreien ‘Du bist nicht mein Vater!’ oder ‚Ich hasse dich!‘. Damit würde ich ja am Ende vielleicht noch klar kommen. Also versuchen sie mich auf einer sehr viel subtileren und effektiveren Ebene fertig zu machen. Nämlich indem sie mich in den Wahnsinn treiben. Jetzt sieh sich mal einer Josh an… die Art wie er grinst. Er hat die ganze Sache von Anfang an geplant, der schlaue kleine Wicht.“

 

(Dieser Text ist eine Leseprobe aus “They Call Me Wheels”, von Geoffrey E. Matesky, in englischer Sprache erhältlich bei iUniverse, Amazon.com, & Barnes & Noble (bn.com).)

Fragen & Kommentare

Fragen & Kommentare zu diesem Artikel


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu hinterlassen.

Zur Registrierung geht es hier lang.