Der Winter naht … Schnee vs. Rollstuhlfahrer

Der Winter 2013/14 wird – wenn man dem Quaken der Wetterfrösche Glauben schenken mag – einer der härtesten und kältesten seit dem ausgehenden Mittelalter. Sonnenflecken sollen dafür sorgen, dass vom Klimawandel nichts zu spüren sein wird. Große Kälte und Unmengen von Schnee sind also zu erwarten. Das sind ganz schlechte Nachrichten für alle, die irgendwo hin müssen; und noch schlechter sind sie für Rollstuhlfahrer. Bild 44211586 copyright Dirk Ott, 2013 Mit Genehmigung von Shutterstock.com

Im Nordosten der USA sind solche Winter nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Geoff Mateskey spricht von seiner Kampfansage an die kalte Jahreszeit:

„2011 war mein 25. Winter im Rollstuhl. Mein erster war der Winter kurz nach meinem 20. Geburtstag, nachdem ich im vorangegangenen Frühling durch einen Autounfall querschnittgelähmt worden war. Dieses Jahr entschied ich mich dagegen, mich meiner typischen Winterdepression hinzugeben. Ich beschloss stattdessen, mir nicht von >Schneemagedon<, >Schneezilla< oder sonstigen schneebezogenen Presse-Klischees auf der Nase herum tanzen zu lassen. Ich würde also meine Fähigkeiten zu Problemlösung und Logistik mobilisieren – dieselben, die mir durch die vergangenen 25 Jahre mit Querschnittlähmung geholfen hatten – und würde mich kampfbereit dem Ansturm des Winters stellen!

Oh, die Reaktionen….

Von solchem Enthusiasmus beseelt war ich also, als meine Erstverteidigung gegen den nächsten >Schneegasmus< von UPS geliefert wurde: Ein Satz fünf Zentimeter breiter, tiefprofilierter Geländerollstuhlreifen. Sie waren groß, mächtig und sahen gefährlich aus; definitiv keine Reifen für einen Rentner-Rollstuhl. Ich war überglücklich.

‚Du siehst aus wie ein Traktor‘, sagt meine Frau Elizabeth, als ich stolz in die Küche rolle, bereit, willens und fähig, mich mit der nächsten Schneewehe anzulegen, die mir in den Weg kommt.

‚Ich weiß! Sind sie nicht toll?‘ Ich habe richtig gute Laune; zum ersten Mal seit der Wintersonnenwende. Oh, wo wir überall hingehen werden, meine Reifen und ich …

‚Nein. Sie sehen lächerlich aus!‘

Hochgefühl weg.

‚Ja‘, fügt mein 16-jähriger Stiefsohn Josh hinzu und teilt damit – wahrscheinlich zum ersten Mal seit Eintritt der Pubertät – die Meinung seiner Mutter. ‚Lächerlich.‘ Zumindest haben wir mal drei Silben aus ihm rausgekriegt. Auch das hat neuerdings Seltenheitswert.

Ich ärgere mich. Ich schäume vor Wut. Ich bin schockiert von ihrer Unverfrorenheit. Immerhin habe ich die letzte Stunde damit verbracht, diese Gummikolosse an meinen Zweitrollstuhl zu friemeln und habe dabei mein Lieblingsmontiereisen kaputt gemacht.

‘Aber sie sind extrem!’ erwidere ich. ‘Sie sind macho!’ (Habe ich schon erwähnt, dass sie gelb-fluoreszierende Reifenwände haben?)

Bild 97378661 copyright Maximus256, 2013 Mit Genehmigung von Shutterstock.com‘Schätzchen’, erklärt Elizabeth geduldig. ‘Ich weiss, dass du sie toll findest, aber mit diesen Reifen fällst du auf wie eine Kartoffel in einem Obstsalat. Seit ich dich kenne, legst du großen Wert darauf, dass die Leute dich als das sehen, was du bist und nicht nur deine Behinderung oder deinen Rollstuhl. Ich will dich nicht beleidigen, aber mit diesen Dingern siehst du ein bisschen’, sie legt eine dramatische Pause ein, ‘hilflos aus.’

Sie hat Recht, so schwer es mir auch fällt, es zuzugeben. Im Vergleich mit meinen normalen, schmalen, wendigen Reifen, mit denen ich schnell fahren und schicke Kippmanöver machen kann, sind diese Monsterreifen einfach bombastisch groß; fehl am Platz überall außer auf wildem, unzugänglichem offenem Gelände. Ein schneller Blick in den Spiegel bestätigt es: Der MacGyver in mir, der Technikfan, der mir geholfen hat, mich an mein Leben mit Querschnittlähmung anzupassen, ist hin und weg, aber das Erscheinungsbild meiner neuen Reifen ist ein Problem: Offensichtlich schreit nichts lauter ‘Seht mich an! Seht mich an!’ als ein Paar übergroße, knorrige, knubbelige Rollstuhlreifen.

Elizabeth sagt: ‘All die Jahre warst du immer so minimalistisch. Graziös. Elegant. Und darauf bin ich stolz. Der Mann, den ich geheiratet habe …’

‘Schon gut, schon gut! Ich nehm sie ab und stell sie in die Garage.’ Ich bin durch die Tür, bevor sie den Satz zu Ende bringt. Es spielt ohnehin keine Rolle, was sie als nächstes sagt. Wenn sie erst einmal anfängt mit ‚Der Mann, den ich geheiratet habe …‘, gewinnt sie jede Auseinandersetzung automatisch.

Was dann passierte….

Zeitsprung zur nächsten Woche (obwohl es auch diese Woche, vorige Woche oder übernächste Woche sein könnte, da es keine Woche gibt, in der wir nicht von einer neuen >Schneepokalypse< heimgesucht werden). 45 Zentimeter schwerer, nasser Connecticut Küstenschnee liegen in der Auffahrt vor unseren Garagen. Zuviel als dass der Schneeräumdienst ihn mitnehmen würde. Elizabeth war eine dreiviertel Stunde draußen und hat versucht alles wegzuschippen. Schließlich kommt sie zurück, völlig erschöpft. ‘Schätzchen …’ beginnt sie. Ihr entnervter Ton sagt mir sofort: Dies ist ein Fall für mich und meine Winterreifen!

Sie funktionieren großartig! Sie gleiten über den Schnee, wenn sie sollen; sie beißen sich fest, wenn ich Standfeste brauche, sie bringen mich überall da hin, wo ich hin will und gewährleisten so eine Freiheit, die ich nie zuvor im Tiefschnee hatte. War das schon alles was du drauf hast, Schneezilla? Und schaut, da ist der Postbote am Ende der Auffahrt und kann den Briefkasten nicht finden, weil er unter zweieinhalb Metern Schnee begraben ist. Kein Problem! Meine Reifen und ich fahren schnell und leicht durch Schneewehen, in denen ich mit meinen Standardreifen garantiert stecken geblieben wäre. Nach einer Stunde Schaufeln sind meine Schultergelenke drauf und dran, Amnesty International anzurufen, aber beide Garagenzufahrten sind schneefrei; wahrscheinlich nur wegen der bärenstarken Kräfte meiner übergroßen Geländereifen.

Zurück in der Küche – und zurück auf meinen zivilisierten, eleganten Innenraum-Reifen – wende ich mich mit erhobenen Zeigefinger an meine Ehefrau: ‘Kein Wort, kein einziges Wort, jemals wieder, über diese Reifen. Kein einziges!’

Übertrieben? Vielleicht. Aber ich muss ihre Aufmerksamkeit auf andere Dinge lenken, während ich mir überlege, wie ich ihr das mit dem Armee-Klappspaten beibringe, den ich ab jetzt zur Arbeit mitnehme.“

 

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