„QA – Einblicke“ – Menschen auf einer Querschnittstation

Der Bildband „QA – Einblicke“ von Rasso Bruckert konfrontiert den Betrachter mit Eindrücken einer Station für Menschen mit Querschnittlähmung der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg. Hierher kommen Patienten, wenn nach einem traumatischen Ereignis nichts mehr scheint, wie es mal war.

Der-Querschnitt.de zeigt Fotos und Texte, die für den 2004 erschienen Bildband entstanden sind, in Auszügen. Manchmal sind die Schwarz-Weiß-Aufnahmen fast erschreckend intim und ernüchternd, andere voller Optimismus, aber immer sind sie ungeschönt und echt.

Sie zeigen die radikal veränderte Situation, in der Frischverletzte sich übergangslos wiederfinden, genauso wie den Alltag der Pflegekräfte, Psychologen oder Physiotherapeuten auf der Station.

Für Der-Querschnitt.de wurde das Bildmaterial stellvertretend für die gewählten Textpassagen aus vielen Bildern ausgesucht. Die Personen auf den Fotos sind nicht zwangsläufig identisch mit denen, deren Aussagen protokolliert wurden. Auch der Bildband stellt hier keine direkten Bezüge her.

Patient, 24 Jahre alt


Also, aus meiner Sicht, ist mir auf meiner Fahrbahn jemand entgegen gekommen, in einer Kurve. Ich habe versucht auszuweichen, bin ins Schleudern geraten und auf der Gegenseite in den Straßengraben geraten. Danach muss ich mich wohl mehrmals überschlagen haben und dann weiß ich erst wieder wie die Feuerwehr eingetroffen ist und Nachbarn.

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Ich lag im Auto. Ich habe mich auch abgeschnallt und habe versucht irgendwie raus zu kommen, aus dem Beifahrerfenster zu krabbeln, aber das ging schon nicht mehr. Ich spürte schon meine Beine nicht mehr, also, dass die nicht mehr funktionierten. Dann bin ich auch ruhig liegen geblieben und nicht mehr weiter versucht irgendwie hoch zu kommen.


Die im Krankenhaus meinten dann, so schnell wie möglich in ein Querschnittszentrum. Und dann hat mein Vater sich auch ein bisschen erkundigt über die ganzen Zentren und dann erfahren, dass Heidelberg doch eins der besten wäre für Krankengymnastik und alles.


Die meiste Zeit war ja jemand von meiner Familie bei mir. Und wenn ich dann allein war, also verzweifelt war ich nicht. Irgendwie habe ich gedacht, dass ich wieder gesund werde, soweit wie es geht – keine Ahnung. Aber so, dass ich jetzt sagen würde, ich bringe mich jetzt deswegen um, gar nicht. Ich denke mir auch, wenn mal was zurück kommt, kommt noch was, irgendwie an Gefühl? Ansonsten muss man das halt so irgendwie einrichten, dass man auch gut damit leben kann. Man ist nicht mehr so unabhängig wie früher, vielleicht Fußball spielen. Ich weiß ja noch gar nicht, was ich machen kann und was nicht. Das wird sich zeigen.


Im Moment bleibt mir nichts anderes übrig, als mir helfen zu lassen. Aber da die Pfleger hier auch alle ziemlich jung sind, habe ich da auch keine Probleme damit, mit dem Waschen und Duschen oder kathetert zu werden. Ich würde auch lieber alles aus eigener Kraft machen oder eben so ziemlich selbständig sein. Am liebsten natürlich wieder laufen können. Die Chancen sind leider ziemlich gering, denke ich jetzt.

Patientin, 62 Jahre alt


„Ich hatte einen Skiunfall. Kopf voraus in einen Schneehaufen. Ja, dann war also wirklich alles ganz leicht und ich bin mir vorgekommen wie ein Vogel ohne Kopf.

Es ist relativ rational abgelaufen. Muss ich echt sagen. Ich habe nun natürlich seit diesem Knacken im Nacken gedacht, dass ist natürlich das Höchste, was man als Lähmung kriegen kann. Das war so ein Gedanke und der andere war, jetzt wird sich alles ändern.

Der erste Gedanke war, wieso hast du das nicht vermeiden können.

Es ist passiert. So, jetzt musst du damit leben. Und nachdem natürlich gar nichts zu bewegen war und ich da wirklich wie so ein armes Würstchen richtig steif im Bett lag, tagelang auf dem Rücken, da habe ich also schon überlegt, wo ich die nächste Pistole vielleicht herkriege. Um dann gleich nachzudenken, du kannst ja noch nicht mal abdrücken. Aber, das ist ein Gedanke, ich glaube, den hat irgendwann jeder mal. Und der ist auch relativ schnell vorbei gegangen, letzten Endes auch nachdem mein Mann gekommen war.

Der Unfall ist jetzt auf den Tag sechs Wochen her. Wenn ich mir überlege, was in der Zeit eigentlich sich alles zum Positiven geändert hat, dann kann ich ja zufrieden sein. Ich kann also beide Arme voll bewegen, die linke Hand ist eigentlich voll gebrauchsfähig.

Jeder muss was für dich tun, weil du dich ja gar nicht bewegen kannst. Also, sei froh, dass es jemanden gibt, der das alles für dich macht. Und alles andere habe ich verdrängt. Auch bis jetzt. Also, es macht mir auch überhaupt nichts aus, ob ich von einem Mann kathetert werde, oder ob der mir auf der Toilette hilft.

Ach nein, es ist ganz klar, dass ich im Moment nicht zu Hause sein könnte. Und ich will auch gar nicht nach Hause.

Meine größte Angst wäre, dass ich in meinem künftigen Leben nur auf den Rollstuhl angewiesen wäre. Ich hoffe eigentlich immer noch, dass ich irgendwie zum Laufen komme.“

 Patientin, 21 Jahre alt


Ja, ich habe noch am Unfallort gewusst, ich bin querschnittsgelähmt. Ich habe keine Ahnung, wie mir das in den Kopf kam und ich habe auch nicht realisiert, was das bedeutet. Ich wusste es.

Hier in Heidelberg habe ich gemerkt, dass ich ganz arg Wahrnehmungsstörungen habe. Also, die Sachen kamen mir ganz normal vor, auch z. B. die ersten zwei Wochen, die ich hier war, habe ich jeden Tag mein Zimmer in einer anderen Perspektive gesehen. Einmal war es groß, dann war es klein, dann war es bunt, dann hatte es drei Türen. Irgendwann lag dann jemand neben mir, dann lag keiner neben mir, dann waren die Türen offen.

Ich glaube, ich habe acht Tage und Nächte nicht durchgeschlafen, nicht geschlafen. Ich habe dann angefangen, so einen Rappel zu bekommen und dann haben auch die Pfleger alles Mögliche versucht.

Wenn ich auf dem Brett liege und nachts eine Spastik bekomme und denke okay, jetzt fliege ich hier raus. Dann habe ich auch das Gefühl, ich habe überhaupt keine Kontrolle mehr über mich.

Ich habe eigentlich 24 Stunden am Tag Angst gehabt, wollte nach Hause und es war alles ganz schrecklich. Also, selbst wenn ich nicht geweint habe oder nicht darüber geredet habe, 24 Stunden habe ich darüber nachgedacht, wirklich. Warum mir das passiert ist. Dass ich irgendwas falsch gemacht habe. Vielleicht habe ich mich mit dem gestritten oder ich habe das falsch gemacht. Oder ich bin dem unfair gegenüber gewesen. Dann habe ich angefangen zu denken, okay, ist Schicksal.

Ich habe die ersten zwei bis drei Monate würde ich sagen, mir immer gewünscht, ich gehe nach Hause. Ich wollte unbedingt nach Hause. Ich habe meine Eltern angefleht, mich aus diesem Krankenhaus rauszuschaffen. Es würde mir alles besser tun, als das hier. Ich glaube, ich habe meine Eltern verrückt gemacht mit diesem Wunsch. Es war echt schwierig für sie. Ich wollte hier raus. Und mittlerweile ist es so, dass ich Angst habe. Ich habe tierische Angst vor zuhause. Vor allem die Veränderungen im Haus. Ich konnte schon immer mit Veränderungen schlecht umgehen.

Als ich am Wochenende zu hause war, habe ich mich gut gefühlt. Da waren aber die Familie und meine Freunde ständig um mich rum. Ich konnte tun und lassen, was ich wollte. Ich konnte essen, wann ich wollte und ich konnte schlafen, wann ich wollte. Und es gab Momente, in denen ich einfach nur gesagt habe, ich will in mein Bett und will heulen. Es war richtig toll. Aber das Leben so komplett zu Hause, davor habe ich Angst, weil ich halt auch nicht weiß. Im Endeffekt weiß ich nicht, was auf mich zukommt.“

Ergotherapeutin, 24 Jahre alt


„Im Grunde geht’s in der Ergotherapie darum, die Selbständigkeit im Alltag den Patienten wieder nahe zu bringen. Die Physiotherapie macht da so mehr das Funktionelle, in denen sie halt Übungen macht um die Kraft und die Muskeln wieder anzuregen und was wir oft machen, ist die Leute mehr damit zu konfrontieren, was sie nicht können, weil wir Sachen machen, die sie früher gekonnt haben, z. B. aus einem Glas zu trinken, wenn sie Tetraplegiker sind, oder sich das Brot zu schneiden. Das, was man früher ohne zu überlegen gemacht hat, sich was einzuschenken, macht man jetzt mit dem Patienten, um zu üben. So, das Ranbringen an die Selbständigkeit im Alltag. Abklären von Hilfsmitteln, Wohnungsberatung, wie es zu Hause aussieht. Was wichtig ist, damit man klar kommt.

Man kennt schon so die Phasen, von Trotz oder kein Bock, im Moment nichts machen und dann so wo der Ehrgeiz greift. Das ist typenunterschiedlich. Es gibt Leute, die sind hoch gelähmt und haben mehr Motivation als jemand, der tief gelähmt ist, also Paraplegiker z. B. Es gibt manche Tetras, die haben viel mehr Motivation, kämpfen und beißen und machen und sind im Endeffekt auch fitter, weil sie mehr daraus machen, mehr wollen, auch von ihrer Persönlichkeit her, dann alles rausholen wollen, was geht.

Das war im Praktikum, wo ich gemerkt habe, dass ich irgendwo abschalten muss und Distanz brauche. Gott sei Dank, dass ich die Erfahrung gemacht habe. Das war mein Berichtspatient, der war damals so alt wie ich und mit dem habe ich mich super gut verstanden. Wir haben uns angekuckt und wussten schon genau, was der andere denkt. Ich habe unheimlich viel mit dem unternommen, habe den mit nach Hause genommen, habe meiner Freundin immer davon erzählt und habe mir wirklich noch bis spät Gedanken darüber gemacht, was ich alles machen könnte, um es ihm leichter zu machen, ihm zu helfen. Was ich alles bauen könnte. Er war Tetraplegiker durch einen Badeunfall. Ich habe mir das ziemlich zu Herzen genommen und es ihm dann in der Zeit super schwer gemacht. Ich habe das dann irgendwann auch gemerkt zum Ende des Praktikums hin, dass ich jetzt die Kurve kriegen muss, und mich zurückziehen muss. Die Intensität, mit der ich mit ihm Therapie mache, die Intensität mit dem Telefonieren, auch mit Aktivitäten, wie Kino oder so was. Das habe ich drei Wochen vorher angefangen und es war eindeutig, ich habe es eindeutig zu spät gemacht. Ich bin viel zu früh, viel zu schnell auf eine persönliche, private Ebene gegangen, habe mich nicht genug abgegrenzt. Das war damals weder für ihn schön noch für mich. Also, wir haben beide an meinem letzten Tag geheult. Das war so arg, dass er zu meiner Abschiedsfeier nicht kommen konnte.“


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Rasso Bruckert/Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten Deutschland e.V. (Hrsg.): QA – Einblicke in eine Station für Querschnittgelähmte der Orthopädischen Universitätsklinik in Heidelberg / Schlierbach, Humanis Verlag, Neustadt an der Weinstraße, 2004.

Mehr Informationen zu Fotograf Rasso Bruckert im Beitrag Mit Leib und Seele – der Fotograf Rasso Bruckert und in seinem Internet-Auftritt www.rasso-bruckert.de