Progressive Muskelentspannung bei Querschnittlähmung

Entspannungsmethoden, wie die progressive Muskelentspannung (PME) bzw. die progressive Muskelrelaxation (PMR), dienen der Emotionsregulation und Reduzierung der Muskelspannung. Querschnittgelähmten kann sie helfen Schmerzen zu reduzieren und die Körperwahrnehmung zu verändern. Zudem kann sie Spastik, Stress und auch die Verdauung positiv beeinflussen.

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Der Physiologe Edmund Jacobson untersuchte in den 1920er und 1930er-Jahren die Schreckreaktion beim Auftreten lauter Geräusche. Dabei machte er die Entdeckung, dass Menschen, die gelernt hatten ihre Muskeln systematisch zu entspannen, kaum aufschreckten und/oder wenig Angst entwickelten. Er kam daher zu dem Schluss, dass der Reflex von dem Grad der Muskelanspannung abhängig ist. Im Zuge weiterer Forschungen entwickelte Jacobson die Elektromyographie (EMG), mit der neuromuskuläre Aktivitäten gemessen und so Interaktionen zwischen Körper und Psyche dargestellt werden können. Jacobson stellte fest, dass allein die Vorstellung von Aktivität den Muskeltonus erhöht. Daraus entstand der Umkehrschluss: Reduzierung der Muskelspannung führt zu einer Beruhigung des Denkens und der Emotionen. Dies ist gleichbedeutend mit einer Verminderung der Sympathikusaktivität (Helmer, 2008).

Ziel der progressiven Muskelrelaxation ist es, sowohl physische als auch psychische Entspannung zu erreichen. Durch die regelmäßige bewusste Entspannung kommt es zu einem Abbau körperlicher Erregung und somit zur Linderung funktioneller Beschwerden. Ebenso entsteht ein Gefühl der psychischen Gelöstheit und Gelassenheit (Kaluza, 2011).

Grundprinzip der progressiven Muskelentspannung

Die Methode der PME orientiert sich an zwei Elementen. Der Wahrnehmung von Muskelspannung und der willentlichen, systematischen Reduzierung von Muskelspannung. Dazu wird die Aufmerksamkeit auf die jeweilige Körperregion gelenkt und einzelne Muskelpartien werden bewusst angespannt. Die Spannung wird kurz gehalten (5-7 Sekunden) und mit dem Ausatmen wieder gelöst. Dabei wird konzentriert auf das Gefühl der Entspannung in der vorher angespannten Muskelpartie geachtet (Entspannungsphase: 30-45 Sekunden). Durch das Ausatmen wird diese Entspannung häufig noch vertieft. Während der Anspannungsphase soll die Atmung nicht angehalten werden, sondern es soll gleichmäßig und regelmäßig weitergeatmet werden. Somit wird verhindert, dass die Anspannung sich nicht auf den ganzen Körper ausbreite. Der Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung wird je nach Gefühl mehrmals wiederholt (Helmer, 2008/Kaluza, 2011).

PMR für Querschnittgelähmte

Die einzelnen Verfahren der PMR sind für Menschen mit Querschnittlähmung, auch jene mit erhöhter Spastik, geeignet, müssen jedoch an die Situation querschnittsgelähmter Personen angepasst werden (Eisenhuth, 2012). Das Entspannungstraining betrifft insgesamt zehn Muskelpartien, die in drei Gruppen eingeteilt sind.

Anspannung der Muskeln

  •  Hand und Arme
  1. Dominate Hand und Unterarm -> Hand zur Faust ballen
  2. Dominanter Oberarm -> Ellenbogen anwinkeln (mit geöffneter Hand)
  3. Nichtdominate Hand und Unterarm -> Hand zur Faust ballen
  4. Nichtdominanter Oberarm -> Ellenbogen anwinkeln (mit geöffneter Hand)
  •  Kopf und Gesicht
  1. Stirn und Kopf -> Augenbrauen hochziehen
  2. Augen und obere Wangenpartie -> Augenbrauen zusammenziehen und Nase nach oben ziehen
  3. Untere Wangenpartie, Kiefer, Mund -> Zähne aufeinanderbeißen, Lippen zusammenpressen, Zunge nach oben gegen den Daumen drücken
  4. Hals und Nacken -> Kopf nach vorne zur Brust ziehen oder Kopf mit dem Gesicht nach unten zur rechten (bzw. linken) Schulter neigen
  • Schulter, Rücken, Brust, Bauch
  1. Schulter und obere Rückenpartie -> Schultern hochziehen
  2. Brust -> Tief einatmen und Atmen kurz anhalten (Brustmuskulatur anspannen)
  3. Bauch -> Bauch einziehen

Vorbereitung und Durchführung

Zur Vorbereitung und Durchführung der PME sollten einige Punkte beachtet werden:

  • Zeitpunkt
    • Nicht unmittelbar vor oder nach den Mahlzeiten durchführen
    • Ggf. vor dem Einschlafen durchführen
  • Umgebung und Körperhaltung
    • Ruhig Umgebung ohne Ablenkungsgefahr
    • Bequeme Körperhaltung (im Liegen oder Stehen)
    • Beengende Kleidungsstücke (evtl. auch Brillen und Ohrringe) sollten abgelegt werden (Kaluza, 2011)
  • Klarer Beginn
    • Augen schließen oder auf den Boden blicken
    • Aufmerksamkeit auf den Körper lenken (Kaluza, 2011)
    • Übung ganz bewusst beginnen, z. B. mit dem Gedanken: „Ich beginne mich zu entspannen; andere Dinge sind im Augenblick nicht wichtig.“
  • Konzentration und klare Linien
    • Klare Linien schaffen, z. B. durch das innere Sprechen von Anweisungen wie: „Rechte Faust ballen, Spannung halten, lösen und Entspannung spüren“.
    • Dabei gleichmäßig atmen und die Zähne nicht zusammen zu beißen
    • Die Anspannung soll nur soweit gehen, wie sie sich gut anfühlt. Es sollte kein Krampf entstehen (Hainbuch, 2011/ Kaluza, 2011).
  • Klares Ende
    • Übung ganz bewusst zurückzurücknehmen, z. B. mit dem Gedanken: „Ich beende jetzt die Entspannung und gehe wieder anderen Tätigkeiten nach“.
    • Strecken, gähnen und räkeln
    • Augen öffnen, tief durchatmen und wieder im Hier und Jetzt ankommen
    • Ausnahme: Wird die Übung vor dem Einschlafen vorgenommen, entfällt das Ende meist

Um von der progressiven Muskelentspannung zu profitieren, sollte regelmäßig geübt werden. Am besten täglich, eine halbe Stunde bis eine Stunde. Der Körper braucht ungefähr vier Wochen, um den Muskeln zu signalisieren, dass sie einerseits mehr Kraft entwickeln, sich andererseits aber schneller und effektiver entspannen können. Nach dieser Zeit reichen oft auch 5 -10 Minuten zum Üben. Die Übungen können im Fortgeschrittenenstadium, dann immer durchgeführt werden, wenn sie gebraucht werden. Das Trainingsniveau kann durch ausgewählte Übungen gehalten werden, die nur jeden zweiten Tag durchgeführt werden (Hainbuch, 2011).

Positive Auswirkungen der progressiven Muskelentspannung bei Folge- und Begleiterscheinungen bei Querschnittlähmung

  • Generell lässt sich zu PME sagen, dass eine Behandlung mit ihr bei folgenden Beschwerden sinnvoll sein kann:
  • Ängste
  • Bluthochdruck und Herzkrankheiten
  • Burnout-Syndrom
  • Herzrasen
  • Leichtere und mittelgradige Depressionen
  • Magen- und Darmstörungen
  • Muskelverspannungen und Haltungsschäden
  • Neurodermitis
  • Psychische Belastungen und Stress
  • Schlaflosigkeit
  • Schmerzen, insbesondere Kopfschmerzen und Migräne
  • Tinnitus
  • Zittern

Bei einigen Folgen- und Begleiterscheinungen einer Querschnittlähmung kann die PME ganz besonders hilfreich sein:

  • Schmerzreduktion bei chronisch-neuropathischen Schmerzen
  • Veränderung der Körperwahrnehmung
  • Positive Beeinflussung von Spastik
  • Positive Beeinflussung bei der Verarbeitung einer traumatischen Querschnittlähmung und bei Stress
  • Positive Beeinflussung von Verdauungsbeschwerden

 

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