Über Sexualität sprechen – Ein Erfahrungsbericht

Als Geoffrey Matesky als Neunzehnjähriger nach einem Autounfall im Rollstuhl landete, fand er sehr schnell heraus, was in seinem Fall sexuell noch möglich war (siehe: Abenteuer Fruchtbarkeit). Darüber, wie, wann und ob er über diese Möglichkeiten mit den Objekten seiner romantischen Ambitionen (d. h. Frauen) sprechen sollte, war er sich lange im Unklaren. Schließlich entschied er sich für entwaffnende Offenheit – und landete damit große Erfolge.

Bild 68996422 copyright Yuri-Arcurs, 2013 Mit Genehmigung von Shutterstock.com

„Meiner Erfahrung nach ist Sex das Thema, an das jeder ständig denkt, aber nur wenige, denen wir begegnen, sind so offen uns direkt danach zu fragen. Je nachdem an welchem Punkt wir uns selbst gerade auf unserer Reise, die Dinge auf die Reihe zu kriegen, befinden und abhängig davon, inwieweit wir mit unserer Situation im Rollstuhl zurecht kommen, werden wir davor zurückscheuen mit direkten Antworten herauszurücken. … Manchmal kennen wir diese Antworten vielleicht selbst noch nicht genau.

Andere Leute haben da vielleicht andere Erfahrungen gemacht, aber für mich lief es in der Vergangenheit immer so, dass wenn ich mit einer Frau im Bett landete und die Kleider schon überall auf dem Boden verstreut lagen, die Frau schließlich fragen würde: ‘Also, was geht jetzt?’

Was für ein Stimmungskiller.

Wenn ich dann erst einmal lang und breit hatte erklären müssen, was ich kann und was ich nicht kann, was ich fühlen kann und was nicht, und wie eine reflektorischen Erektion jetzt genau funktioniert, war sie entweder schon auf dem Weg nach draußen oder hatte den Fernseher angemacht. Toll.

Kommunikation: Die erste Direktive

So vergingen die Äonen während der Reisen des ‘Raumschiffs Matesky’ (ja, ich bin ein Star Trek Fan), bis schließlich etwas wahrhaft wundervolles passierte: 2000 lernte ich Elizabeth kennen – meine zukünftige Frau. Allerdings waren wir, als wir das erste Mal über Sex sprachen, nicht mehr als platonische Freunde, die sich zum Mittagessen getroffen hatten:

‘Dein Haar’, sagte ich, ‘es ist…’

‘Kupferfarben’, antwortete sie. ‘Das ist eine neue Farbreihe und wir sollen selbst die Produkte benutzen, die wir an die Salons verkaufen. Und das ist jetzt das Ergebnis. Brillantes Rot ist ihre Spezialität.’

Sie sah toll aus; wie den Seiten eines Modemagazins entstiegen – die perfekte Mischung aus Karrierefrau und Fashion-Model mit ihrer schicken Frisur und dem Hosenanzug. Das sagte ich ihr auch, aber heute war Friseurbedarf nicht das Thema ihrer Wahl. Sie schien ernster als sonst, als würde sie sich große Mühe geben die richtigen Worte zu finden. „Also. Wie in Dreiteufelsnamen gehst du zur Toilette?’ fragte sie schließlich.

Noch nie hatte mich das jemand direkt gefragt. Ich war schockiert, aber es gefiel mir auch. Ich habe es immer lieber, dass die Leute mich einfach nach meiner Behinderung fragen, als dass sie sich zurückhalten und spekulieren. ‘Ich kann dir das gerne erzählen’, sagte ich. ‘Aber ich will dir den Appetit nicht verderben. Bist du sicher, dass du damit klar kommst?’

‘Oh, bitte’, winkte sie ab. ‘Hast du eine Ahnung wie viele Windeln ich alleine heute schon gewechselt habe?’

‘Ich kann dir versichern, dass ich keine Windeln trage!’ Ich war froh, dass ich diesen Punkt gleich aus dem Weg schaffen konnte. ‘Okay, weißt du, was ein Katheter ist?’

‘Oh… Ja’, sagte sie und verzog das Gesicht. Das hatte ich erwartet, denn ich hatte noch nie jemand getroffen, der beim Wort ‚Katheter‘ nicht das Gesicht verzogen hätte.

‘Ich benutze einen.’

‘Warte… Du schnallst nicht so ein Ding…’, ihre Hände wedeln in der Luft. Ihre Bewegungen deuten ein ovales Objekt an.

‘Ein Urinbeutel? Nein, so was habe ich nicht.’

‘Aber ich dachte, dass jeder Rollstuhlfahrer so etwas hätte. Jedenfalls hat mir das eine Freundin erzählt.’

Ich lachte. Diese vorgefassten Meinungen fand ich immer ein bisschen witzig. ‘Haben manche ja auch’, sagte ich. „Aber eine Querschnittlähmung ist bei jedem unterschiedlich; jeder reagiert anders. Und dieses System funktioniert bei mir einfach nicht so gut. ‘

‘Kannst du es fühlen?’ unterbrach sie mich. ‘Ich meine, wenn du musst?’ Sie machte große Augen.

‘Also, nicht wie früher. Es ist schwer zu erklären. Mein Blutdruck steigt und es fühlt sich an als würden tausend kleine Nadeln meinen ganzen Körper pieken… Sehr unangenehm. Und wenn ich muss, dann muss ich schnell. Wenn ich mich nicht katheterisiere, mach ich nämlich entweder in die Hose oder hab einen Schlaganfall während ich es versuche. Nett, oder?’ Ihr Gesichtsausdruck verriet mir, dass sie nicht sicher war ob ich sie auf den Arm nahm oder nicht.

‘Okay, aber was ist mit Sex? Kannst du das spüren?’

‘Also…! Du nimmst ja echt kein Blatt vor den Mund.’

‘Kaum.’ Sie lächelte verschmitzt. ‘So war ich schon immer. Manchmal bringt mich das in echte Schwierigkeiten.’ Sie verdrehte die Augen, als erinnerte sie sich an ein konkretes Beispiel. Sie hatte keinerlei Schwierigkeiten mich offen zu einem Thema zu befragen, das die meisten Leute als extrem peinlich empfinden würde. Und irgendwie war dies alles auch für mich in mancherlei Hinsicht echtes Neuland, da ich eigentlich nicht der Typ war, der alle seine Karten sofort auf den Tisch legte.

Wie ein Referent in den Selbsthilfegruppen

‘Nun, ein großer Prozentsatz querschnittgelähmter Männer hat eine vorhandene wenn auch eingeschränkte Sexualfunktion.’ Sofort war mir klar, dass ich mich anhörte wie ein Referent in den Selbsthilfegruppen in der Reha-Klinik in Boston. ‘Ich meine eine Erektion.’ Ich sah mich um, um sicher zu gehen, dass das Paar am anderen Ende des Restaurants nicht zuhörte. ‘Aber selbst wenn das klappt bist du schon irgendwie dazu gezwungen… äh… andere Möglichkeiten… zu erforschen.’ Ein bisschen peinlich war mir das ganze jetzt schon, da ich solche Dinge Frauen eher selten in rein platonischen Situationen erkläre. Schließlich sagte ich schnell: „Du kommst irgendwann an den Punkt, an dem dir klar wird, dass zu Sex mehr gehört als ein Steifer!’

Elizabeth sah amüsiert aus. ‘Natürlich. Wer weiß das nicht? Aber wie hast du… du weißt schon…?’

‘Geschlechtsverkehr?’

‘Ja.’

‘Also, ich will jetzt nicht meine eigene Randgruppe beleidigen, aber ich bin der Meinung, dass es nur dann richtig gut funktioniert, wenn wenigstens einer der Partner alle Körperteile bewegen kann!’

Darüber lachte sie, Gott sei Dank. Inzwischen war ich nämlich fast so rot im Gesicht wie ihre brillante neue Haarfarbe.

* * *

Wie gesagt: Ich hatte großes Glück gehabt diese mechanischen Details aus der Welt zu räumen zu können bevor es mit Elisabeth ernst wurde. Auf diese Weise war die erste Intimität zwischen uns beiden sehr harmonisch und entspannt und nicht furchteinflößend.

Was haben wir also gelernt: Wenn es um Sex mit Behinderungen geht, ist Kommunikation die erste Direktive. Captains Logbuch, Ende.“

(Dieser Text ist eine Leseprobe aus “They Call Me Wheels”, von Geoffrey E. Matesky, in englischer Sprache erhältlich bei iUniverse, Amazon.com, & Barnes & Noble (bn.com).)

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