Rollstuhlhandhabung: Mobil im Rollstuhl

Mit dem Rollstuhl auf Sand, Gras, Kies unterwegs zu sein, Gefälle zu befahren, Bordsteinkanten zu überwinden oder öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen, im richtigen Moment zu drehen, zu kippen, die Balance zu halten – diese Fähigkeiten bedeuten ein Maximum an Mobilität und Unabhängigkeit im Alltag und auf Reisen. Sie erfordern aber auch eine fachliche fundierte Anleitung und – natürlich – Übung.

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Das Rollstuhltraining ist ein wichtiger Teil der Rehabilitationsphase, denn der Rollstuhl und seine sichere Handhabung bieten Mobilität und Selbstständigkeit. Voraussetzung ist ein gut angepasster Rollstuhl. Die Bedürfnisse des Einzelnen unterscheiden sich stark je nach Höhe der Querschnittlähmung, Alter und körperlicher Verfassung. Nach eingehender Beratung und Ausprobieren verschiedener Modelle wählt der Einzelne mit Unterstützung des Reha-Teams den für ihn passenden Rollstuhl (Zäch/Koch, 2006).

Das Rollstuhltraining findet zunächst als Einzeltraining, später ggf. als Gruppentraining statt und ist, je nach Bedarf und Möglichkeiten der Nutzer, in verschiedene Trainingsstufen unterteilt. Tetraplegiker haben andere Ansprüche an ein Rollstuhltraining als Paraplegiker. Ziel ist es, eine optimale Nutzung des Rollstuhls in Alltagssituationen zu ermöglichen und den individuellen persönlichen Aktionsradius zu optimieren.

Zunächst wird der selbstständige Transfer in den Rollstuhl und das Öffnen und Lösen der Bremsen geübt sowie das Drehen, Vor- und Rückwärtsfahren auf ebenem Untergrund, d. h. auf Gelände ohne Neigung mit unterschiedlicher Oberfläche, und das Öffnen und Schließen von Türen (Zäch/Koch, 2006). Notwendige Voraussetzung für das Überwinden von Hindernissen und das Fahren in unebenem Gelände, d. h. Steigungen und Gefälle mit unterschiedlicher Neigung und unterschiedlichem Untergrund, ist das Kippen mit dem Rollstuhl. Unter Kippen versteht man das Balancieren auf den Hinterrädern (Biembacher/et.al., 2012). Dies wird zunächst mit einer Hilfsperson gelernt.

Theoretisches Wissen und Techniken, die für die sichere Nutzung eines Rollstuhls unbedingt beherrscht werden müssen, sind:

  • Kippen auf der Stelle und beim Drehen nach links und rechts
  • Vor- und Rückwärtsfahren auf den Hinterrädern (Zäch/Koch, 2006)
  • Theoretisches Wissen rund um den Rollstuhl, z. B. Neigung, Achseinstellung, Schwerpunkt etc.
  • Individuelle und kraftsparende Fahrtechnik
  • Verbesserung der Alltagsmobilität
  • Überwindung von Schwellen mit verschiedenen Schwierigkeitsstufen
  • Transfers auf gleicher Höhe
  • Ankippen im Stand und sicheres Kippen in verschiedenen Situationen
  • Fahren von Neigungen und unebenem Gelände (z. B. Sand, Rasen, Kies, Kopfsteinpflaster) im gekippten Zustand
  • Falltechnik mit und ohne Abstützen
  • Benutzen öffentlicher Verkehrsmittel
  • Aufrichten im umgefallenen Rollstuhl mit und ohne Hilfsperson
  • Selbständiges Befahren schwierigster Bodenprofile
  • Befahren von Treppen

Ein weiterer Punkt, der während eines Rollstuhltrainings erlernt werden kann, ist die Entlastung der Schultern bei manuellem Antrieb. Anatomische und physiologische Grundkenntnisse über das Schultergelenk erhöhen die Aufmerksamkeit gegenüber diesem wichtigen Antriebsmotor und es gibt Techniken zur Kräftigung, Dehnung und Entspannung der Schulter.

Wie genau ein Mobilitätstraining aussieht und was dort vermittelt wird, zeigen beispielhaft folgende Videos:

Mobilitätstraining I

Mobilitätstraining II

Mobilitätstraining III / Treppen befahren

Mobilitätstraining mit Stefan Lange

So vielseitig die Möglichkeiten eines Paraplegikers in der Rollstuhlhandhabung sind, so gering sind die eines Tetraplegikers. Die Höhe der Querschnittlähmung entscheidet mit jedem fehlenden Segment über die Fähigkeit seiner Rollstuhlaktivität. Ein Segment allein kann entscheiden, ob er in der Lage ist, sich mit seinem manuellen Rollstuhl alleine fortzubewegen oder nicht. Je nach Läsionshöhe sind Tetraplegiker durchaus in der Lage, einen Rollstuhl auf ebenem Gelände vor- und rückwärts zu fahren und den Stuhl nach rechts und links zu drehen. Das Öffnen und Schließen von Türen ist schon schwieriger und in der Regel nur mit Hilfsmitteln (großen Klinken, Schlaufen etc.) möglich; kleine Türschwellen können genauso wie kurze, flache Rampen überwunden werden. Sind jedoch die Greiffunktionen der Hände und Oberarmmuskulatur eingeschränkt, ist das Kippen auf die Hinterräder nicht möglich und folglich auch keines der Manöver, für die das Kippen Voraussetzung ist (Zäch/Koch, 2006). Tetraplegiker sind auf die Unterstützung von Hilfspersonen angewiesen. Zum hohen Aufkippen, z. B. zum Überwinden von Gehsteigkanten, sollten Tetraplegiker immer darauf achten, dass die Hilfsperson sie mit einem Gurt oder durch Halten an den Schultern vor dem nach vorne Fallen sichert (Biembacher/et.al, 2012).

Wenn der Rollstuhlfahrer genügend Kraft und Ausdauer aufgebaut und ein gewisses Maß an Sicherheit und Wendigkeit erreicht hat, sind die Voraussetzungen für das Betreiben von Rollstuhlsport erfüllt (Zäch/Koch, 2006). Für die Möglichkeiten, die im Rollstuhlsport zur Verfügung stehen siehe: Kategorie Sport

Fragen & Kommentare

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  1. jojo 14.06.2013, 07:13 Uhr

    Gibt es noch weitere Videos? Das wäre Klasse