Rasso Bruckert über Akt und Körperbehinderung

Immer wieder hat der Fotograf Rasso Bruckert Menschen mit Handicap als Akt in Szene gesetzt. Jede dieser Fotografien bricht mit der Assoziation vom Unperfekten, das verborgen gehört, und verbindet das Unvollkommene stattdessen mit selbstbewusster Präsenz und der Lust sich zu zeigen, wie man ist.

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1994 begann Rasso Bruckert, selbst Rollstuhlfahrer, mit den ersten Aktaufnahmen von Frauen und Männern mit körperlicher Behinderung. Aus dem Projekt „ganz unvollkommen“ entstanden zahlreiche Fotografien, die als Ausstellung entliehen werden können, sowie ein Bildband*.
Wir haben mit ihm über seine Motivation, Ästhetik in der Fotografie und die Wirkung seiner Bilder gesprochen.

Herr Bruckert, wie kam es zu dem Projekt?

Die Idee war zuerst sehr verbunden mit dem Gedanken, das kannst du nicht bringen. Das ist zu intim, die Leute werden sagen, du spinnst wohl, wenn ich sie frag. Aber dann hab ich eine Ausstellung in Heidelberg gesehen, die erotische Fotos von körperbehinderten Frauen zeigte: „Geschlecht: behindert, Merkmal: Frau“. Die hat mich ermutigt. Danach habe ich zwei oder drei Freunde gefragt, ob sie Modell sein wollen; das waren die ersten Bilder.

Wie haben Sie weitere Modelle kennengelernt?

Nach ersten Publikationen, z. B. im „Paraplegiker“, haben mich auf einmal Menschen angerufen und gefragt, ob sie mitmachen können. Und irgendwann habe ich begonnen, selbst Personen anzusprechen. Da ist dann so ein Gefühl, der oder die könnte dafür offen sein. Ich bin immer wieder überrascht, wie viele es gibt, die zu ihrem Körper stehen. Das geltende Schönheitsideal ist dann egal und Selbstvertrauen ganz selbstverständlich.

Abb.05 neuMuss man seinen Körper mögen, um sich nackt fotografieren zu lassen?

Das Spektrum ist sehr groß. Schlanke Menschen, besonders Sportler, finden sich natürlich eher toll und sind manchmal sogar ein bisschen selbstverliebt. Andere fanden die Idee gut und sagten, ich hab schöne Seiten, wir können es probieren. Ob es funktioniert, war nicht immer klar. Das ist oft auch ein Prozess. Viele haben später gesagt, das habe ich mir schwieriger vorgestellt, fanden die Bilder schön oder waren zumindest zufrieden.

Hat man als Fotograf auch eine Verantwortung?

Natürlich hat man Verantwortung, was die Verwendung des Bildmaterials angeht. Es gibt die Bilder „ganz unvollkommen“ nur in dem gleichnamigen Bildband und als Ausstellung. Früher habe ich den Abdruck z. T. auch für Reportagen gestattet, aber die sind oft so problembeladen, und dafür sind die Fotos nicht gedacht. Da entsteht schnell der Eindruck, genau die Probleme hat der auf dem Foto auch – und das stimmt nicht. Daher hab ich da in letzter Zeit nicht mehr zugestimmt. Natürlich können mich die Modelle auch immer anrufen, wenn sie sich mit der Veröffentlichung nicht mehr wohlfühlen. Das ist allerdings noch nicht vorgekommen.

Bei der Erstellung liegt die Verantwortung für mich darin, nicht zu sehr ins Pornografische zu gehen und nichts abzubilden, was die Person nicht ist. Es geht darum, die Persönlichkeit zu berücksichtigen, ihre erotische Ausstrahlung hervorzuheben. Ob jemand offenherzig, provozierend oder schüchtern rüberkommt, ist Typsache. Ich lasse das zu und schaue, wo sind die Grenzen.

Abb.39 neuWas braucht ein gutes „ganz unvollkommenes“ Foto?

Die Grundidee hier ist: Wir können erotisch und selbstbewusst sein, „wir“ – Menschen mit Behinderung – sind nicht in dieser Ecke des bemitleidenswerten Behinderten. Die Idee und den Wunsch, dass man sich nicht verstecken muss, verkörpern die Aktmodelle anstelle meiner. Dementsprechend sind aus solchen Shootings gute Bilder hervorgegangen, bei denen die Personen selbst Spaß hatten. Wenn der Zugang fehlt, jemand sich nicht wohlfühlt, dauert ein Termin nicht lange und dann sind eben auch die Resultate nicht so. Ein Shooting, das 2 Tage dauert, weil immer neue Ideen dazukommen, ist eine ganz andere Basis.

Wie läuft so ein Shooting ab?

Ich möchte die Personen relativ authentisch fotografieren. Aber auch dafür muss jemand zunächst eine Weile im Bademantel sein, damit Abdrücke von der Haut verschwinden. Accessoires, Licht und Hintergrund sind wesentliche Aspekte. Natürlich möchte ich Körper so zeigen, wie es mir gefällt, will aber nicht anmaßend sein. Ich habe Ideen parat, nehme aber auch welche entgegen.

Wie ist die Resonanz auf die Fotos von außen?

Auf den Bildband kommt keine Rückmeldung. Die Ausstellung kann ausgeliehen werden, und da ist die Rückmeldung immer positiv. Das zeigt sich z. B. in dort ausgelegten Büchern, in die die Besucher etwas schreiben können. Wer solche Bilder nicht sehen will, geht wahrscheinlich gar nicht erst hin.

Manchmal muss man zweimal hinsehen, um den eigentlichen Tabubruch überhaupt zu bemerken. Welche Wirkung der Bilder wünschen Sie sich?

Ich möchte, dass die Leute damit aufhören, nur den Unterschied zu sehen. Er ist natürlich da, aber ich will zeigen, wie wohl sich auch Personen mit Handicap in ihrem Körper fühlen können. Viele können denen in der Hinsicht nicht das Wasser reichen. Gleichzeitig darf der sozialgesellschaftliche Input, das Aufräumen mit Klischees, nicht das einzige Bestreben sein. Jedes Bild als Einzelnes sollte Erotik und Schönheit ausstrahlen und ebenso die Betroffenen erreichen in dem Bewusstsein: Wir selbst sind stark.

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*Rasso Bruckert/Wheel-it (Hrsg.): ganz unvolkommen, Akt und Körperbehinderung, Ernst Reinhardt Verlag, München, 2003.

 

Rasso Bruckert: 1954 in Seeshaupt in Bayern geboren, lebt der freischaffende Fotograf heute mit seiner Familie in dem kleinen Ort Mauer bei Heidelberg. Durch Fotografien mit dem Schwerpunkt Menschen mit Behinderung ist er bekannt geworden, widmete sich in den vergangenen Jahren aber zunehmend auch der Malerei. Dennoch arbeitet Rasso Bruckert immer wieder mit der Kamera: Für das Projekt „Jedes Dorf hat eine Seele“ porträtierte er Einwohner seines Wohnortes Mauer. Siehe auch: Mit Leib und Seele – der Fotograf Rasso Bruckert

www.rasso-bruckert.de

 

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