Das TetraTeam – Mehr als nur ein Handbike-Team

Das TetraTeam wurde 2009 von Jürgen Winkler und Bernd Jost gegründet. Ziel war und ist es, mehr Tetraplegiker für das Handbiken zu begeistern. Als Tetraplegiker kann man bei diesem faszinierenden Sport nicht nur die verbleibenden Funktionen sehr gut trainieren, sondern man ist mit anderen aktiv im Freien unterwegs. Von Anfang an aber sollte das TetraTeam mehr als eine Sportmannschaft sein, da gerade unter Tetraplegikern der Gedanken- und Erfahrungsaustausch über den normalen Alltag besonders wichtig ist.

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Das TetraTeam besteht derzeit aus 16 Mitgliedern aus dem gesamten Bundesgebiet. Es ist eine gesunde Mischung aus erfahrenen Rollstuhlfahrern, von denen schon einige in anderen Sportarten wie Rollstuhlrugby und Tischtennis sehr erfolgreich waren, und Frischlingen. „Gerade bei den Anfängern ist es immer wieder schön zu sehen wie schnell sie sich entwickeln, wenn sie sich bei anderen was abschauen können bzw. ihre offenen Fragen beantwortet werden,“ sagt Bernd Jost, selbst seit 1991 Tetraplegiker und Gründungsmitglied des TetraTeams. „Solange ein Tetraplegiker noch Probleme hat den Alltag zu bewältigen ist an Sport meist nicht zu denken.“

Da die Mitglieder des TetraTeams über ganz Deutschland verteilt sind, ist ein gemeinsames Training im Team nicht allzu oft möglich. Zwar findet in unregelmäßigen Abständen ein gemeinsames Trainingslager statt, doch meistens trainiert jeder für sich; je nach sportlichen Ambitionen entweder (fast) täglich nach Trainingsplan oder eben einfach nur aus Freude am Radfahren.

„Wirklich regelmäßig sehen wir uns eigentlich nur bei den verschiedenen Rennen, an denen ein Großteil der Teammitglieder teilnimmt“, erklärt Jost. „Viele starten bei der HCT-Serie. Das sind jedes Jahr vier bis sechs Marathons, bei denen die Handbiker bei den großen deutschen Marathons, wie z.B. in Berlin und Hamburg, mit am Start sind. Darüber hinaus fahren einzelne Teammitglieder aber auch noch bei anderen Radrennen, wie z.B. beim Radmarathon im Tannheimer Tal, mit.“

Alle zwei Jahre organisiert und veranstaltet das TetraTeam eine aufsehenerregende Aktion. Ziel dieser Aktionen ist zum einen die sportliche Herausforderung, zum anderen wollen Jost, Winkler und Co. aber auch auf das das Thema Tetraplegie aufmerksam machen. Und sie wollen anderen zeigen, was trotz einer hohen Querschnittlähmung möglich ist.

2009: Vätternrundfahrt in Schweden

Alles begann 2009, als Winkler und Jost als erste Tetraplegiker an der Vätternrundfahrt teilnahmen. Das ist das größte Jedermann-Radrennen der Welt, an dem jedes Jahr 17.000 begeisterte Radfahrer den Vätternsee in Schweden umrunden. Die Strecke ist 300 km lang und wurde vom TetraTeam-Duo in 22 Stunden bewältigt. Nonstop.

Über das ungläubige „Nonstop?“ der Redakteurin lacht Jost:

„Ja, klar. Wir haben zwar ca. alle 40 bis 50 Kilometer eine kurze Pause gemacht, um was zu essen, aber wir sind dabei im Rad geblieben und spätestens nach fünf Minuten ging es weiter. Wenn man länger stehen bleibt fährt der Körper langsam wieder runter und das Weiterfahren fällt dann richtig schwer. Wir hatten nur nach ca. 150 Kilometern mal eine längere Pause, als wir kurz davor waren aufzugeben. Zu dem Zeitpunkt waren wir schon fast zehn Stunden in strömendem Regen bei kalten 10 Grad Celsius unterwegs gewesen. Und es ist alles andere als motivierend, wenn man bis auf die Haut durchnässt ist und friert. Aber gerade, als wir schon aufgeben wollten, hörte es auf zu regnen und da wir schon so weit gekommen waren, entschlossen wir uns, doch weiter zu fahren.“

Geschlafen wurde nicht. Das Rennen begann um 19 Uhr abends bei sintflutartigen Regenfällen. „Wir sind also in die Nacht reingefahren. Vom Wetter abgesehen, war das ein unglaubliches Erlebnis. Denn um uns herum wimmelte es von Radfahrern. Die Kulisse war sehr beeindruckend, denn bei Regen und aufkommendem Nebel entstand durch all die roten Rücklichter der vielen Radfahrer um uns herum eine ganz besondere Atmosphäre.“

Auf die körperliche Belastung waren Winkler und Jost gut vorbereitet. Neun Monate hatten sie sich auf das Rennen vorbereitet, u. a. mit einigen Nachtfahrten und Einheiten von bis zu 150 Kilometern. „An die Psyche ging eigentlich nur das Wetter“, sagt Jost. „Ansonsten war man von den äußeren Eindrücken so abgelenkt, dass man gar nicht groß zum Nachdenken kam. Man musste ja auch immer hoch konzentriert sein, denn neben den vielen Radfahrern waren ja auch noch Autos unterwegs, denn die Strecke war nicht abgesperrt.“

2011: Race across Deutschland

Zwei Jahre später organisierte das TetraTeam in Eigenregie ihr „Race across Deutschland“. Hier fuhren fünf Mitglieder des Teams als Staffel von Sonthofen (südlichste Stadt Deutschlands) nach Flensburg (nördlichste Stadt Deutschlands). Die 1.100 Kilometer lange Strecke wurde in 70 Stunden abgefahren. Auch hier wurde Tag und Nacht durchgefahren. „Das war für die Psyche schon deutlich härter“, erzählt Jost. „Viele Fahrer und ihre Begleitpersonen haben in den 70 Stunden nur zwei bis sechs Stunden Schlaf gehabt, und das auch noch verteilt, also nicht am Stück. Denn wenn ein Fahrer seinen Teil der Strecke gefahren ist und an den nächsten übergeben hat, musste man ja mit dem Auto vor fahren zum nächsten Wechselpunkt. Dann hat man schnell was gegessen und wenn alles gut ging, konnte man sich noch etwas ausruhen, bis man wieder ins Rad musste.“

2013: Das Sella-Massiv

2013 umrundeten fünf Mitglieder des TetraTeams das Sella-Massiv in Südtirol. Hier ging es darum, eine Strecke von 60 Kilometern zu bewältigen. Das mag für geübte Radsportler zunächst nicht allzu schwer klingen, jedoch galt es bei der Tour vier sehr anspruchsvolle Pässe mit insgesamt 2.000 Höhenmetern zu erklimmen. Für diese Strecke brauchten die Fahrer zwischen neun und zwölf Stunden; ein Beweis, dass die vielen Wochen und Monate des Trainings sich gelohnt hatten.

„Grundsätzlich fällt nach solchen Aktionen eine riesige Last von einem. Denn schließlich weiß man vorher ja nie, ob es wirklich zu schaffen ist“, beschreibt Jost seine Eindrücke. „Bei unseren Aktionen waren wir immer die ersten Tetraplegiker, die sich überhaupt an solche Distanzen oder Berge heranwagten. Die Leistung dann gebracht zu haben, macht einen natürlich sehr stolz.“

Auf die Frage, ob man nach so einem Kraftakt glaubt, je wieder ins Rad steigen zu wollen, antwortet Jost lakonisch: „Also, ich persönlich hatte für ein paar Wochen keine Lust mehr.“

Das TetraTeam als Lehrer und Mentoren

Das TetraTeam verstand sich von Anfang an nicht als reines Handbike-Team, d.h. es geht seinen Initiatoren nicht nur um Sport. Die Mitglieder halten Vorträge an Schulen und geben ihr Wissen zur Alltagsbewältigung mit Querschnittlähmung mittlerweile auch nach Außen weiter. In Kursen in verschiedenen Reha-Kliniken schulen sie Therapeuten, damit diese noch zielgerichteter ihre Patienten auf ihr Leben im Rollstuhl vorbereiten können. Da die Rehabilitationszeiten immer kürzer werden und den Patienten nicht mehr alles beigebracht werden kann was sie wissen müssen, um ihr Leben wieder möglichst selbstständig zu bewältigen, ist dieses Engagement des TetraTeams von unschätzbarem Wert. Es will Perspektiven vermittelt, sodass Neubetroffene einen Sinn darin sehen, auch nach dem Aufenthalt in der Klinik weiter an sich zu arbeiten, um wieder ein selbstbestimmtes und aktives Leben führen können. Ob mit oder ohne Handbike.

Weitere Informationen

Für mehr Informationen über das TetraTeam und seine Aktivitäten siehe: Das TetraTeam oder Das TetraTeam bei Facebook

Für ein Video über die Vätternrundfahrt des Tetrateams siehe: Schweden Film

Fragen & Kommentare

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  1. Lexi Kun 14.06.2018, 00:23 Uhr

    Wäre das oder ein Handbike auch von einem Tetra mit nur einer Hand Funktion zu bedienen?

    • DQS Admin 14.06.2018, 09:26 Uhr

      Guten Tag,

      das Antreiben des Handbikes sollte auch bei nur einer funktionierenden Hand möglich sein, solange ausreichend Armkraft gegeben ist. Es muss aber auch möglich sein angemessen zu Bremsen. Am besten wenden Sie sich mit ihrer Frage an einen Handbike-Hersteller oder an ein Sanitätshaus, bei dem Sie verschiedene Modelle ausprobieren können.

      Links zu Herstellern finden Sie u. a. in diesem Beitrag: Handbikes: Varianten von Hybrid bis Extrem.

      Viele Grüße
      Die Redaktion