Feldenkrais bei neurologischen Störungen

Jeder, der seine Beweglichkeit und individuelle Bewegungsmuster verbessern möchte, könnte von der Feldenkrais-Methode profitieren. Bei Menschen mit Querschnittlähmung ist sie darüber hinaus eine mögliche Therapiemethode zu Verringerung von Schmerzen, Spannungen und Spastik.

Bild 128296280 copyright Robert Kneschke, 2013 Mit Genehmigung von Shutterstock.com

Wissen aus der Rubrik „Fakten, die man im Gedächtnis behält, obwohl man sie sich nicht zu merken braucht“: 1938 assistierte der Erfinder der Feldenkrais-Methode, Moshé Feldenkrais, bei der ersten Kernspaltung in Paris dem Ehemann von Marie Curie.

Wohlmöglich wäre er ein berühmter Physiker geworden, hätte ihn nicht eine Knieverletzung ereilt, der die Menschheit heute die Feldenkrais-Methode verdankt. Moshé Feldenkrais hat nie Medizin studiert und keine Ausbildung im Gesundheitsbereich absolviert; er eignete sich Erkenntnisse der Anatomie und Neurologie im Eigenstudium an. Dabei bediente er sich auch seiner Erfahrung im Judo. 1950 gründete er das Feldenkrais-Institut in Tel Aviv. Heute ist Feldenkrais eine etablierte Methode in der Rehabilitation und in der Behandlung von fehlhaltungsbedingten Schmerzen.

Die Methode

Die Feldenkrais-Methode ist eine Bewegungsschulung, die davon ausgeht, dass das zentrale Nervensystem die Möglichkeit hat, seine Funktionen zu verändern. Dafür will Feldenkrais die optimalen Bedingungen schaffen und so helfend in den Veränderungsprozess eingreifen. „Die Feldenkrais-Methode schafft Lernbedingungen, in denen Menschen sich über die sensomotorische Wahrnehmung darin schulen können, ihre Bewusstheit des Handelns und der Bewegung auszubilden“ (Zäch/Koch, 2006).

In der Feldenkrais-Methode umfasst der Begriff „Selbstbild“ vier Dimensionen:

Sinnesempfindungen

  • Die Aufmerksamkeit auf Körperempfindungen lenken
  • Wahrnehmung von Empfindungen, die das Körperbild bereichern

Fühlen

  • Sicherheit und Vertrauen gewinnen
  • Hoffnung und Motivation entwickeln

Denken

  • Informationen z. B. über die Arbeitsweise des zentralen Nervensystems (ZNS)
  • Theorie darüber, wie die Feldenkrais-Methode die Arbeitsweise des ZNS beeinflusst

Bewegen

  • Neue Bewegungserfahrung bezüglich Kraft, Koordination, Bewegungsfunktionen, -mustern und –qualität
  • Freude und Leichtigkeit in der Bewegung

Grundannahme ist, dass jede Interaktion mit der Umwelt in Form von Bewegung, z. B. bei der Arbeit, beim Sport, Spiel und Tanzen, ein Entwicklungspotenzial hat, das mit der Aufmerksamkeit einhergeht, die ihr zuteil wird. Eine ungewohnte Wahrnehmung weckt Aufmerksamkeit, das Gehirn analysiert die Veränderung und initiiert eine entsprechende Reaktion (Russell, 2004).

Ziele der Methode

Orientiert am Lernen von kleinen Kindern, bietet Feldenkrais Verfahren an, die dazu anregen, in der Bewegung bewusst inneren Impulsen zu folgen. In der Praxis spricht man auch vom „organischen Lernen“. Es geht darum, mit den vier Dimensionen des „Selbstbildes“ zu experimentieren und selbst auferlegte Grenzen abzubauen:

  • Individuelle Bewegungspotenziale entdecken
  • Den Körper bewusst wahrnehmen
  • Bewegung und Beweglichkeit koordinieren
  • Atmung und Stabilität verbessern

Im Zusammenspiel von Theorie und Erfahrung soll der Einzelne zu größerer Erkenntnis über die eigenen Möglichkeiten gelangen, die ihn zu mehr Unabhängigkeit und Selbstbewusstsein führen.

Techniken

Das „organische Lernen“ kann in Einzeltherapie oder in der Gruppe angeregt werden.
Je nach Situation unterscheiden sich auch die Techniken:

Funktionale Integration: Diese Technik eignet sich für Einzelstunden und findet weitgehend nonverbal statt. Der Therapeut gibt dem Patienten über feine Berührungen und Bewegungen die Möglichkeit, Funktionen und individuelle Abläufe bewusst wahrzunehmen. Dadurch kann sich die bestehende Bewegungsorganisation verändern.

Bewusstheit durch Bewegung: In der Gruppe können Patienten lernen, mit Bewegungen zu experimentieren. Die Anregungen dazu setzt der Therapeut verbal. Bewegungsanleitungen müssen dabei nicht genau umgesetzt werden, sondern sind vielmehr der Ausgangspunkt für eine Suche nach individuellen Lösungen. „Ähnlich wie bei spielenden Kindern entsteht so das Neue von alleine“ (Zäch/Koch, 2006).

Wie das Neue entsteht

Die oben beschriebenen Ausführungen mögen in der Theorie wenig greifbar erscheinen, deshalb soll folgendes Beispiel aus dem Buch „Feldenkrais im Überblick: Über den Lernprozess der Feldenkrais-Methode“ von Roger Russell als Herausgeber (2004) veranschaulichen, wie bestimmte Übungen Veränderungsprozesse in Gang setzen können.

Bestandteil der Feldenkrais-Methode ist, dass Übungen häufig eine theoretische Grundlage vorausgeht, um so auch den Denkprozess zu beeinflussen und ein Bewusstsein für zugrundeliegende Annahmen zu schaffen. In diesem Fall basiert die Übungseinheit auf der Annahme, dass seelische und körperliche Anstrengung mit einer Verkürzung der Wirbelsäule verbunden sei: das Sich-Kürzer-Machen wird als eine gängige Verhaltensweise beschrieben, die Handlungsabläufe behindere. Indem Personen sich „zusammenreißen“, erhöhe sich ihre Muskelspannung. „Wir glauben, dass wir durch Anstrengung unser Handeln verbessern können“ (Russell, 2004). Stattdessen sei der Abbau von Spannungen das eigentlich hilfreiche Verfahren.

Konzipiert ist die praktische Einheit für Läufer, die sich dazu auf den Rücken legen sollen. Anstatt die Wahrnehmung auf den gesamten Körper zu beziehen, kann das Experiment bei sensorischen und motorischen Einschränkungen aber auch auf bestimmte Regionen beschränkt werden.

  • Teilnehmer werden gebeten, sich Zeit zu nehmen, um ihre Aufmerksamkeit auf ihre Atmung und den Kontakt des Körpers mit der Unterlage zu richten. Wenn möglich, beugen sollten sie die Beine anbeugen und sie bequem auf den Boden stellen. Jetzt heißt es, die Länge des eigenen Körpers zu spüren und rechte und linke Seite zu vergleichen.
  • Jeder Teilnehmer soll nun nach einem Weg suchen, sich etwas kürzer zu machen, ohne Beugung oder Streckung. So werde ein gängiges Verhaltensmuster verstärkt, um es später zu hemmen – eine typische Strategie der Feldenkrais-Methode. Das Bewegungsmuster soll bewusst erlebt werden, um eine Veränderung in Gang zu setzen – diese trete auch ohne jede Absicht zur Veränderung ein, so Russell (Russell, 2004). Ein Zuviel an Bewegung solle aber vermieden werden. So sei eine Verkürzung um 5 mm schon zu extrem; es kommt also auf die kleinen Veränderungen an.
  • Diesem Vorgang folgen zehn bis 20 Wiederholungen. Zwischen jeder Verkürzung soll eine Pause eingelegt werden, zu der Teilnehmer in ihre normale Länge zurückkehren. Wesentlich ist das langsame Vorgehen, um genau alle Empfindungen der Verkürzung wahrzunehmen. Russell sagt an dieser Stelle voraus, dass sich die Muskelspannung in den Nacken-, Bauch-, Rücken- und Brustmuskeln erhöhe und sich im Laufe der Wiederholungen in der Regel die Aufmerksamkeit verlagere: „Sie werden spüren, dass sich die zur Verkürzung erzeugte Spannung abbaut, während der gesamte Körper länger wird – eine sehr angenehme Empfindung“ (Russell, 2004).
  • Danach folgt eine kurze Pause. Teilnehmer sollen nachspüren, ob und wie sich Atmung und Lageempfindung verändert haben. „Wenn Sie es noch mal versuchen, werden Sie feststellen, dass sich während des Längerwerdens alles verändert, von den Augen, dem Gesicht und der Atmung bis hin zum Muskeltonus der Arme und Beine“ (Russell, 2004).

Auch Tage später, so der Ansatz, könnte die Erinnerung an diese Empfindungen die Bewegungskoordination beeinflussen und besonders in Stress-Situationen nachwirken: „Müssen Sie sich zusammenreißen? Wenn Sie spüren, dass Sie genau das tun, halten Sie, wenn möglich, kurz inne und erinnern Sie sich daran, wie es sich anfühlte, länger zu sein“ (Russell, 2004).

Feldenkrais bei Querschnittlähmung

Strategien der Feldenkrais-Methode eignen sich u. a. für Menschen mit Verletzungen bzw. Erkrankungen des zentralen Nervensystems sowie des Bewegungsapparates und deren Folgeerscheinungen (Zäch/Koch, 2006).

Bei Menschen mit angeborener oder traumatischer Querschnittlähmung ist die Wahrnehmung des eigenen Körpers häufig verzerrt. Bewegungsfunktionen können sehr anstrengend und unsicher sein oder fehlen im Bewegungsrepertoire völlig, was die gesamte physische Stabilität einschränkt. Zugleich kann ein unstimmiges Körperbild als Teil des Selbstbilds auch die psychische Stabilität beeinträchtigen.

Feldenkrais könnte insbesondere eine mögliche Behandlungsmethode sein bei:

  • Spannungen
  • Schmerz
  • Spastik

„Wenn wir uns vor Augen halten, dass eine Durchschnittsperson vom gesamten Potenzial, das vorhanden ist, nur einen geringen Prozentsatz in seiner Erfahrung verfügbar macht – Moshé Feldenkrais nahm an, dass es 10 % sind – sehen wir, dass dieser Prozentsatz bei MS-Betroffenen noch geringer sein muss“, sagt Roger Russell (Russell, 2004) – eine Annahme, die sich auch auf Personen mit anderen neurologischen Störungen übertragen lässt.

Die Verschiedenen Techniken erlauben es u. a. den Radius von Bewegungen zu vergrößern, um so dem zentralen Nervensystem neue Informationen zuzuspielen. Diese werden in das Selbstbild integriert und z. B. muskuläre Einschränkungen im besten Fall aufgegeben. Auch in der Behandlung von Schmerzen kann die Entlastung von Bewegungsorganisation positiv wirken.

Russel geht bei der Beeinflussung von Tonusveränderungen im Sinne von spastischen Störungen von der Aufmerksamkeit als einem wesentlichen Faktor aus. Bei einer Spastik erhalten die Vorderhornzellen des Rückenmarks offenbar zu viel erregenden Zufluss. „Durch das Erlernen der Fähigkeit, die Aufmerksamkeit zu verfeinern, könnte es möglich sein, dieses System dazu zu benutzen, den Grad an Erregung, der die Vorderhornzellen des Rückenmarks erreicht, zu beeinflussen“ (Russell, 2004). Zugleich könne eine größere emotionale Sicherheit im Erfahrungskontext der Übungen eine Veränderung der Muskelspannung mit sich bringen.

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