Sauerstofftherapie bei inkompletter Querschnittlähmung

US-Amerikanische Wissenschaftler haben einen neuen Therapieansatz bei der Behandlung inkompletter Querschnittlähmungen untersucht, der Betroffenen helfen kann, eine erhöhte Gehfähigkeit zu entwickeln. Eine Kombination aus zeitlich begrenztem Sauerstoffmangel und Bewegungstraining soll Geschwindigkeit, Kondition und Reichweite des Einzelnen deutlich verbessern.

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“Etwa 59 % aller Rückenmarksverletzungen sind inkomplett (siehe: Die inkomplette Querschnittlähmung), d. h. im Rückenmark sind intakte Nervenbahnen vorhanden, die dahingehend beeinflusst werden können, dass Betroffene ihre Gehfähigkeit und ihr Gangbild deutlich verbessern. Unglücklicherweise schaffen es Menschen nach einer inkompletten Rückenmarksverletzung selten wieder normal zu gehen“, sagt Studienleiter Dr. Randy D. Trumbower. “Die Methode, die wir erforschen, ist ein vielversprechender neuer Weg, das Rückenmark bei der Ausbildung neuer Nervenverbindungen zu unterstützen, die für die Gehfähigkeit notwendig sind.”

Die Studie

An der Studie nahmen 19 Personen mit inkompletter Querschnittlähmung (Läsionshöhe zwischen C 2 und Th 12; keine Kontrakturen) teil, die Hüft-, Kniegelenke und Knöchel zumindest noch teilweise bewegen konnten und bei Studienbeginn in der Lage waren, mindestens einen Schritt ohne fremde Hilfe zu gehen. Um die vermutete Wirksamkeit der Behandlung zu dokumentieren, wurden ihre Laufgeschwindigkeit und -ausdauer jeweils vor Beginn der Studie, am ersten und fünften Tag sowie eine und zwei Wochen nach Abschluss der Behandlung erfasst.

Die Studienteilnehmer atmeten während fünf Tagen täglich 40 Minuten lang abwechselnd normale und verringerte Sauerstoffmengen (Hypoxie) ein; bei der Placebo-Behandlung wurden ausschließlich normale Sauerstoffmengen verabreicht.

Während neun Studienteilnehmer lediglich die Sauerstoffbehandlung erhielten, trainierten die zehn übrigen Teilnehmer zusätzlich das Gehen, indem sie aufgefordert wurden, innerhalb der ersten Stunde nach der Behandlung 30 Minuten so schnell wie möglich zu laufen. Zudem erhielten alle 19 während der Studie eine Placebo-Behandlung, bei der sie ausschließlich normale Sauerstoffmengen einatmeten.

Das Ergebnis: Alle Studienteilnehmer konnten ihre Lauffähigkeiten verbessern. Diejenigen, die nur die Atemtherapie erhalten hatten, steigerten ihre Laufgeschwindigkeit. (Sie legten zehn Meter ca. 3,8 Sekunden schneller zurück als unter Placebo-Bedingung.) Diejenigen, die zusätzlich die Laufübung gemacht hatten, konnten vor allem ihre Ausdauer steigern. (Innerhalb von sechs Minuten liefen sie hundert Meter mehr als während der Placebo-Behandlung).

Was passiert im Rückenmark?

„Nun steht die Frage im Raum: Wie ist es möglich, dass eine Behandlung, bei der eine verringerte Sauerstoffmenge geatmet wird, die Bewegungsfähigkeit verbessern kann? Und zwar auch die von Menschen mit motorischen Einschränkungen und beeinträchtigter Lungenfunktion?“ sagt Michael G. Fehlings von der Universität Toronto in Kanada, der sich mit der Studie beschäftigte. „Eine mögliche Antwort ist, dass der Botenstoff Serotonin im Rückenmark eine Kettenreaktion von Veränderungen jener Rückenmarksproteine auslöst, die dazu beitragen, Nervenverbindungen wiederherzustellen.“

Methode ist nichts für den Hausgebrauch

Trumbower weißt darauf hin, dass wiederholter und/oder längerer Sauerstoffmangel, unsachgemäß angewendet, schwere Schädigungen hervorrufen könne. Die vorgestellte Behandlung darf ausschließlich von auf dem Gebiet erfahrenen Therapeuten und unter ständiger ärztlicher Überwachung durchgeführt werden. Um Aussagen darüber machen zu können, in wieweit und für wen diese Methode eingesetzt werden kann, sind weitere Studien notwendig.

Weitere Informationen

Die Studie (in englischer Sprache) wurde im November 2013 auf Neurology®, dem Online-Journal der American Academy of Neurology veröffentlicht (siehe Quellenhinweis).