Neurogene Blasenfunktionsstörungen: Operative Verfahren

Operative Maßnahmen können eine Lösungsmöglichkeit darstellen, wenn andere Interventionen die Blasenfunktion bei neurogenen Blasenfunktionsstörungen nicht ausreichend verbessern konnten.

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Bei starker Blasenschädigung oder nicht zu stoppender Inkontinenz stehen verschiedene operative Methoden zur Disposition. Im Gegensatz zu Medikamenten sind sie nicht rückgängig zu machen, allerdings auch weniger häufig mit Nebenwirkungen verbunden. In jedem Einzelfall muss fachärztlich abgeklärt werden, ob ein chirurgischer Eingriff sinnvoll sein könnte und welche Methode infrage kommt (siehe auch: Neurogene Blasenfunktionsstörungen: Konservative Therapien).

Kleiner anatomischer Exkurs

(Siehe auch: Das Nervensystem; Formen der Querschnittlähmung)

Dem Rückenmark entspringen 31 paarige Spinalnerven. Sie treten paarweise zwischen den Wirbelkörpern aus, um jeweils die linke oder rechte Körperhälfte zu versorgen.

Afferente Nervenbahnen (die Reize zum Rückenmark leiten) und efferente Nervenbahnen (die Impulse vom Gehirn/Rückenmark zu den ausführenden Regionen leiten) verlaufen im Wirbelkanal noch in einem Strang und trennen sich beim Austritt.

Die Bereiche, wo die afferenten und efferenten Nervenbahnen aus dem Wirbel austreten, bezeichnet man als Nervenwurzeln. Die Afferenzen treten durch die hintere Nervenwurzel aus, die Efferenzen durch die vordere.

Im Vorderhorn des Rückenmarks befinden sich entsprechend die Zellkörper der motorischen Nervenfasern, die für Bewegungsimpulse verantwortlich sind.

 

Bild 74586244 Copyright Alila Medical Images, 2013. Mit Genehmigung von Shutterstock.com

Botulinumtoxin

Die Freisetzung von Botenstoffen durch das Nervengift Botulinumtoxin (Botox) blockiert die Muskelanspannung des Detrusors oder des Sphinkters für etwa 6 bis 8 Monate, wenn das abgeschwächte Nervengift bei einer Blasen-Spiegelung an etwa 30 Stellen in die Blasenwand oder an vier Stellen in den Schließmuskel gespritzt wird.

Kontraktionen oder Auslasswiderstand kommen hierbei vollständig zum Erliegen.

Sakrale Deafferentation (SDAF) mit Vorderwurzelstimulation

Bei diesem operativen Eingriff werden die Hinterwurzeln der sakralen Nerven S2 bis S5 durchtrennt, um einer Überaktivität des Detrusors zu begegnen.

Die afferenten Nerven können dem Gehirn dann nicht mehr signalisieren, dass es die Blasenentleerung auslösen soll. Dies würde indirekt geschehen, indem das Gehirn hemmende Impulse beendet. Nach der Deafferentation bleibt der Reflex zur Kontraktion der Blase aus.

Die Vorderwurzeln S2 bis S4 werden stattdessen an Elektroden geknüpft und übernehmen den Impuls zur Entleerung nach gezielter Programmierung über einen Vorderwurzelstimulator (SARS), entwickelt von dem Briten Charles Brindley, daher auch „Brindley-Stimulator“.

Das Verfahren eignet sich bei kompletten Querschnittlähmungen auch bei hohem Läsionsniveau. Die Blase muss für die Maßnahme ausreichend elastisch und zur Kontraktion in der Lage sein.

Der Eingriff könnte andere Funktionen beeinträchtigen, denn die betroffenen Segmente des Sakralmarks versorgen auch Dickdarm und Enddarm, bestimmte Sexualfunktionen und sensibel den gesamten Intimbereich (Wenig/Burgdörfer, 2012). Ggf. können diese Funktionen ebenfalls über einen Stimulator gezielt beeinflusst werden.

Sakrale Neuromodulation

Die Neuromodulation kommt infrage, wenn es sich um eine inkomplette Form der Blasenlähmung handelt. Hier besteht ggf. die Möglichkeit, noch intakte afferente Nerven zu stimulieren. Dieses Verfahren kann auch bei geminderter Reflextätigkeit des Detrusors versucht werden. Die Wirkung der Stimulation wird in der Regel zunächst erprobt und analysiert. Erst im Erfolgsfall wird dann ein Impulsgeber unter die Haut implantiert, der sich drahtlos von außen programmieren lässt. (Siehe auch: Über die Sakrale Neuromodulation bei Spina bifida)

Sphinkterotomie oder Blasenhalsinzision

Äußerer Schließmuskel: Um Urin leichter und vollständiger abfließen zu lassen und Druckschäden zu vermeiden, kann bei einer „Sphinkterotomie“ der äußere Schließmuskel endoskopisch eingekerbt werden. Es komme nur selten durch den Eingriff selbst zur Inkontinenz, in Einzelfällen zur Stressinkontinenz, so der Krankenpfleger Peter Wenig und der Neurourologe Harald Burgdörfer (Burgdörfer/Wenig, 2012).

Innerer Schließmuskel: Höher sei dagegen das Risiko einer Inkontinenz bei der Einkerbung des Blasenhalses, dem inneren Schließmuskel. Ist er aber zu eng und durch Medikamente nicht genügend beinflussbar, steht er einer druckarmen Entleerung im Wege. Der Blasenhals ist nach einer Einkerbung nicht mehr sicher in der Lage, die Blase ausreichend zu verschließen, auch nicht während der Speicherphasen: „Die Wahrscheinlichkeit verstärkter Inkontinenz ist aber größer als nach Sphinkterotomie, da der Blasenverschluss in der Speicherphase nicht mehr sicher gewährleistet ist“ (Zäch/Koch, 2006).

(Siehe auch: Ableitende Kontinenzhilfsmittel)

Augmentation, Stoma, Pouch-Blase und künstlicher Schließmuskel

Bei starker Blasenschädigung können sowohl die Blase selbst als auch der Schließmuskel  oder die Harnröhre ersetzt oder erweitert werden.

Die Augmentation greift, wenn die Blase ihre Dehnfähigkeit verloren hat. Sie wird dann mit Darmanteilen operativ erweitert, die Entleerung erfolgt durch intermittierenden Katheterismus (IK).

Von einem Urostoma spricht man, wenn der Urin durch eine künstliche Ersatzharnröhre abgeleitet wird, die meist im Bauchnabel endet. Das kann nötig werden, wenn die eigene Harnröhre solche Veränderungen aufweist, dass der IK nicht mehr möglich ist. Der intermittierende Katheterismus erfolgt dann über das Stoma.

Auch die Blase selbst kann ersetzt werden. Die sogenannte Pouch-Blase wird aus Darmsubstanz gebildet und mit einem künstlichen Stoma verbunden.

Als Ileum-Conduit (Bricker-Blase) bezeichnet man es, wenn die Harnleiter direkt mit einem Urostma verbunden werden. Der Urin wird also nirgends zwischengespeichert, sondern immer direkt abgeleitet und landet in einem Stomabeutel.

Ein künstlicher Schließmuskel funktioniert mit Hilfe eines kleinen flüssigkeitsgefüllten Ringes, der um die Harnröhre liegt und mit einer Pumpe reguliert werden kann. Der Betroffene entleert die Manschette zur Miktion und füllt sie hinterher durch einen subkutanen Port, einen Katheter unter der Haut, wieder auf. Der künstlich erzeugte Verschluss sorgt für Sicherheit während der Speicherphasen.

Miktionsschema

Bild 105463919 Copyright blamb, 2013. Mit Genehmigung von Shutterstock.com

Das Schaubild (s. o.) zeigt die komplexe Steuerung der Miktion ohne Funktionsstörung. Neben den Steuerungszentren des zentralen Nervensystems nimmt dabei noch eine weitere Stelle Einfluss auf den Ablauf: Das sakrale Miktionszentrum arbeitet unabhängig von Gehirn und Rückenmark und kann daher auch bei einer Rückenmarksverletzung intakt sein.

 

Fragen & Kommentare

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  1. Sylvia Thone 18.07.2017, 11:53 Uhr

    Leider habe ich selber die Info zu spät erhalten, gerade für Frischverletzte oder die noch keine chronischen Blasenentzündungen haben sollten,
    Immer zu Prophylaxe
    Tee (Goldrute, Maisbartee usw. trinken) 3 x am Tag
    Bei anfänglichen Blasenentzündungen keine Antibiotika sondern lieber ….Angocin,
    Bärentraubenblätter (nicht mehr als 5 x im Jahr)
    Chance Piedra gut für Blasenentzündung und Steineauflösung,
    Denn auf eine Antibiotika folgt später eine nach der andern und man ist resistens gegen alle Antibiotika!!
    siehe auch hier Alternative Methoden ..
    Wenn OP anstehen, bitte IMMER sich 3 Meinungen einzuholen, außerdem gibt es eine Internetseite, wo man seine Berichte einschicken kann und dann Ärzte schauen, ob die OP wirklich nötigt ist!
    In Deutschland werden definitiv zu viel OP ausgeführt, weil ein Krankenhaus ein Wirtschaftunternehmen ist und Gewinn und Verlust stimmen müssen. So ist es leider!

    • Nikola Hahn 19.07.2017, 12:25 Uhr

      Die Redaktion begrüßt, dass Leser/innen ihre Erfahrungen mit anderen teilen, vielen Dank.
      Wir möchten aber dennoch darauf aufmerksam machen, dass eine Blaseninfektion ärztlich behandelt werden sollte. Die Notwendigkeit einer Antibiotikatherapie sollte in jedem Einzelfall von einem (Fach-)Arzt geprüft werden.

  2. Olaf Schwager 05.08.2015, 12:11 Uhr

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    ich leide an einer neurogenen Blasenfunktionsstörung und habe Probleme beim Wasserlassen.
    Da diese Störung schon seit über 30 Jahren besteht hat sich zwischenzeitlich ein Reflux zur linken Niere entwickelt, wodurch ich jetzt schon mehr als 10 mal eine Nierenbeckenentzündung bekommen habe.
    Ich habe daraufhin von meiner Ärztin mehrere Alpha-Bloker, wie Tamsulosin und Alfuzosin verschrieben bekommen, welche eine hervorragende Wirkung erzielt haben.
    Leider musste ich die jeweiligen Tabletten wieder absetzen, da ich sie aufgrund einer starken Reizdarmproblematik nicht vertragen habe.
    Jetzt wird als weitere Lösung eine Entfernung/Abschabung des „inneren Schließmuskels“ der Blase in Erwägung gezogen.
    Nun haben Sie aber vorab folgendes berichtet:
    Höher sei dagegen das Risiko einer Inkontinenz bei der Einkerbung des Blasenhalses, dem inneren Schließmuskel. Ist er aber zu eng und durch Medikamente nicht genügend beinflussbar, steht er einer druckarmen Entleerung im Wege. Der Blasenhals ist nach einer Einkerbung nicht mehr in der Lage, die Blase ausreichend zu verschließen, auch nicht während der Speicherphasen.
    Meine Frage: Besteht auch bei einer Entfernung/Abschabung des „inneren Schließmuskels“ eine Gefahr der Inkontinuenz?
    Mein Arzt sagte mir, dass es sich um eine Standard-Prostata-OP handelt und es hierbei in keinster Weise zu einer Inkontinuenz kommen kann.
    Durch Ihren Bericht bin ich nun verunsichert und möchte vorab ausreichend darüber informieren.
    Ich hoffe sie können mir helfen und ich bedanke mich hiermit schon im Vorraus für eine Antwort Ihrerseits.

    Mit freundlichen Grüßen
    Olaf Schwager

    • Nikola Hahn 05.08.2015, 15:59 Uhr

      Sehr geehrter Herr Schwager,

      als Informationsportal sind wir nicht berechtigt, individuelle Auskünfte zu erteilen. Die gemachten Angaben beziehen sich auf allgemeine Aussagen in der Fachliteratur. Das wörtliche Zitat bei Zäch/Koch (2006) lautet: „Die Wahrscheinlichkeit verstärkter Inkontinenz ist (bei Blasenhalsinzision, Anm. d. Red.) aber größer als nach Sphinkterotomie, da der Blasenverschluss in der Speicherphase nicht mehr sicher gewährleistet ist“ (in den Beitrag übernommen). Die Aussichten eines Eingriffs hängen vom Einzelfall ab und können nur vom Arzt individuell beurteilt werden.

      Für den Blasenverschluss ist nicht allein der innere Schließmuskel verantwortlich. Weitere Informationen zu dem komplexen System der Blase und zum Thema Inkontinenz stellt u. a. auch die Seite http://www.prostata.de bereit:

      http://www.prostata.de/fileadmin/MDB/Pdf/b_rpe_6.pdf

      http://www.prostata.de/b_rpe_inkontinenz.html

      Freundliche Grüße

      Nikola Hahn