Es ist deine Schuld, dass du im Rollstuhl sitzt.

„Wenn es darum geht, Kinder vor den vielen Gefahren und den Konsequenzen potenziell falscher Entscheidungen zu warnen, denen sie im Teenageralter begegnen werden, kommt ein Elternteil mit unfallbedingter Querschnittlähmung gerade recht“, findet Geoffrey Matesky, Vater von drei Söhnen. Er sprach gern über sich selbst als warnendes Beispiel, bis er eines Tages hörte: „Es ist deine Schuld, dass du im Rollstuhl sitzt.“

SH-67174954-Deklofenak-gross

„Meine Stiefkinder, Josh und Ben, wissen von dem Autounfall, durch den ich im Rollstuhl gelandet bin. Sie wissen, dass ich nicht angeschnallt war. Dieses Argument half wunderbar dabei, Ben dazu zu bringen, sich anzuschnallen, seit er nicht mehr im Kindersitz saß. Am Anfang musste ich nur solche Sachen sagen wie: ‚Schau, ich bin schon mal durch die Windschutzscheibe geflogen, und glaub mir – das geht nie gut aus.’ Für Josh war das nie eine Frage, da er definitiv den größeren Selbsterhaltungstrieb von beiden hat. Wenn es um seine eigene Sicherheit geht, kooperiert er immer gerne. Aber Ben glaubt, er habe das Recht einen Prozess über so ziemlich jeden Vorschlag zu führen, den wir machen. Eines Tages wird er damit viel Ruhm und Geld einfahren – wenn er, so Gott will, der Captain seines High School Debattierclubs oder Rechtsanwalt ist. Aber jetzt, da er gerade mal sieben Jahre alt ist, führt seine Begabung zu nichts anderem als zum wachsenden Unmut seiner müden Eltern.

Zum Beispiel:

‘Ben, schnall dich an.’

‘Aber wir sind doch immer noch in der Einfahrt.’

‘Ben, streit nicht mit mir. Schnall dich an. So will es das Gesetz.’

‘Das gilt nur wenn wir auf der Straße fahren. Und wir sind noch in der Einfahrt.’

‘Ben, schnall dich verdammt nochmal an!’

‘Warum? Wir sind noch in der Einfahrt!’

Was ich laut verschiedener Erziehungsratgeber jetzt tun sollte, ist keine weiteren Argumente mehr zu bringen. Ich sollte auf die Regel beharren und auf mögliche Strafen hinweisen. Aber natürlich lasse ich mich dazu hinreißen, weiter ein Streitgespräch mit einem Siebenjährigen zu führen. Und ich bin entschlossen, ihn nicht gewinnen zu lassen.

‘Ben, ich bin am Ende der Einfahrt. Gleich fahr ich auf die Straße. Jede Sekunde. Sobald die anderen Autos vorbei sind. Du musst dich jetzt anschnallen, oder ich kann nicht losfahren.’

‘Ich schnall mich an, wenn du losfährst.’

‘Okay, siehst du das Auto da links? Oh nein! Es schlingert gerade nach rechts und kommt direkt auf uns zu! Der Fahrer hat es nicht mehr unter Kontrolle! Es wird in uns reinfahren, da ich nicht rechtzeitig ausweichen kann. Oh, nein! Da ist Ben. Er ist aus dem Seitenfenster geflogen. Armer Ben! Er wird es wohl nicht schaffen. Wenn er doch nur angeschnallt gewesen wäre. Dann hätte er die beste Score in seinem Madden NFL Game Boy Spiel. Und nicht ich!’

‘Und ist das nicht meine Entscheidung?’

Ewige Diskussionen

In seinem zarten Alter ist Ben bereits im schuleigenen Förderprogramm für Hochintelligente, was eine Quelle grenzenlosen Stolzes für mich ist. Und das, obwohl ich genetisch gar nichts mit seinem Talent zu tun habe. Aber sein überschäumender Intellekt hat die fiese Nebenwirkung, dass wir Eltern mit Ausrufezeichen nur so um uns werfen müssen, wann immer wir uns auf eine Diskussion mit ihm einlassen.

‘Also, ich…’

‘Ich rufe meinen Freund bei der Polizei an und frag ihn.’ Ich hoffe, dass es das jetzt gewesen ist. Sein Zögern verrät mir, dass er seinen letzten Kommentar wahrscheinlich erfunden hat. Trotzdem muss ich jetzt immer noch überprüfen, ob er angeschnallt ist.

‘Ben, bist du angeschnallt? Ich habe kein Klicken gehört…’

‘Ja’, sagt er leise.

‘ …denn wenn ich losfahre und du nicht angeschnallt bist, dann ist dein Game Boy weg! ‘

‘Ja -ha!’, antwortet er etwas lauter.

Meine Knöchel, die die ganze Zeit das Lenkrad umklammert haben, treten weiß hervor. Wenn ich nicht im Auto sitzen würde, würde ich mich wahrscheinlich wie wild im Rollstuhl um mich selber drehen. Wie in ‚Der Exorzist‘.

Eigentlich ist es sehr schön, sich mit Ben zu unterhalten. Denn wenn wir nicht streiten, findet ein echter Dialog statt, und während solcher Dialoge fällt Bens Intelligenz wirklich auf. Er und Josh können sich sehr gut ausdrücken. Ich bin ziemlich sicher, dass ich in Bens Alter keinen Gedanken an die Lektionen des Lebens verschwendet habe, die er schon versteht. Die Jungs wissen bereits, dass sie mir körperlich überlegen sind. Wenn sie jetzt auch noch herausfinden, dass sie viel schlauer sind, kann ich einpacken.

Aber so wie es aussieht, kann ich noch eine Weile so tun als ob. Wenigstens so lange, bis sie Hilfe bei Quadratwurzeln oder Trigonometrie brauchen …

Ist die Botschaft angekommen?

Beim Blick in den Rückspiegel sehe ich, wie Ben die Augen verdreht.

Trotzdem hoffe ich, dass auf einem unterbewussten Level die Botschaft dieser Lektion irgendwie zu ihm durchdringt. Der Rest der Fahrt verläuft schweigend. Als wir zurückkommen und die Einfahrt hochfahren, sagt Ben: ‘Geoff?’

‘Ja?’

‘Es ist deine Schuld, dass du im Rollstuhl sitzt.’

Einen Moment lang bin ich sprachlos. Schließlich schaffe ich es eine Antwort hervorzuhusten: ‘Nun ja, du weißt, dass Unfälle passieren können … ohne jeden Grund …’ Ich klinge wie eine Schallplatte mit einem Sprung. Was ich wirklich tun möchte, ist ihn am Kragen zu packen und zu schreien: Meine Schuld? Wie kannst du es wagen?

‘Aber du warst im Auto unterwegs ohne angeschnallt zu sein. Das war ziemlich blöd.’ Bens Stimme ist ruhig, als würde er einen Text ablesen.

Ich umklammere das Lenkrad so fest, dass meine Handflächen wehtun. Blöd? Dir gebe ich blöd, du kleiner … Erstaunlicherweise verliere ich nicht komplett die Beherrschung. ‘Du weißt ja, dass es damals gesetzlich nicht vorgeschrieben war, sich anzuschnallen …’ Ich spreche nicht weiter, weil mir klar wird, wie idiotisch sich das für einen Jungen anhören muss, der sein ganzes Leben nichts anderes kennt, als die Anschnallpflicht.

Ewige Entschuldigungen

…und ich nehme an, sagt eine leise Stimme in meinem Kopf, du willst ihm jetzt auch erzählen, was die Polizei gesagt hat. Dass das Dach des Autos völlig eingedellt war und dass du, wenn du angeschnallt gewesen wärst, vielleicht wirklich nicht durch die Scheibe geflogen wärst, du aber auch vielleicht keinen Kopf mehr hättest. Oder dass du schon hundertmal mit Chris gefahren bist, ohne dass etwas passiert war, und dass ihr sowieso nur wenige Meilen von zu Hause entfernt gewesen wart, und dass es wirklich so ausgesehen hatte, als wäre er nicht zu betrunken zum Fahren und dass du ja nicht hättest wissen können, was passieren würde. Warum fügst du nicht noch hinzu, dass das Auto, in dem ihr unterwegs wart, als das damals unsicherste Fahrzeug auf der Straße galt? Los doch. Sag ihm, wer Ralph Nader ist. Dann kann er anfangen, dieselben Entschuldigungen zu benutzen, mit denen du all die Jahre durchgekommen bist. Du bist nicht wirklich wegen Bens Unverfrorenheit wütend, oder? Du wünschst dir gerade nicht, dass du ihn erwürgen könntest, weil er ein Siebenjähriger ist, der dir ins Gesicht sagt, dass du blöd bist. Nein. Du bist kurz davor, das Auto durch das geschlossene Garagentor zu fahren, weil er völlig Recht hat. Das weißt du, und du hast es schon immer gewusst. Jedes Mal, wenn du über diese und jene Ungerechtigkeit geflennt hast und die ‚Warum ich?‘ oder die ‚Wieso ist mein Leben so unfair?‘ Platte auflegst, weißt du, tief in dir drin, dass es wirklich deine eigene Schuld ist. Dass du hundert Dinge hättest tun können, um es zu verhindern; angefangen damit, dass du einfach nicht als Neunzehnjähriger auf eine illegale Sauftour hättest gehen sollen. Erzähl ihm auch, dass du Chris nie dafür vergeben konntest, dass er den Unfall gebaut hat und ihr seit jener Nacht nie wieder miteinander geredet habt …

Ich bin kein Vorbild. Nicht einmal ansatzweise. Ich bin eigentlich mehr ein Anti-Image. Das Kind, auf dem Kampagnen-Poster, das nicht angeschnallt war. Woher nehme ich das Recht, Respekt zu verlangen, wo doch Ben, im Alter von sieben, die Wahrheit so deutlich sehen kann: Es ist Geoffs eigene Schuld, dass er im Rollstuhl sitzt.

Dann geht mir ein Licht auf; wie ein Abblendlicht, das in meiner Garageneinfahrt aufflackert. Die Botschaft ist bei ihm angekommen. Die Jungs sehen vielleicht nicht zu mir auf, aber vielleicht – wenn sie in ein paar Jahren nur wenige Augenblicke haben, um zu entscheiden, ob sie mit einem Freund, der getrunken hat, im Auto mitfahren sollten oder nicht – werden sie an den bemitleidenswerten Typen im Rollstuhl denken, der mit den Zähnen knirscht, die Fäuste ballt und komische Grimassen schneidet. Und vielleicht wird dann das Verlangen, nicht so zu sein wie ich, ihr wertvolles Leben retten.

Unterm Strich ist das okay.“

(Dieser Text ist eine Leseprobe aus “They Call Me Wheels”, von Geoffrey E. Matesky, in englischer Sprache erhältlich bei iUniverse, Amazon.com, & Barnes & Noble (bn.com).)

Fragen & Kommentare

Fragen & Kommentare zu diesem Artikel


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu hinterlassen.

Zur Registrierung geht es hier lang.