Fisch sucht Handbike – Die Singlebörse Handicap love und andere Flirtportale

Wie und wann bringe ich einem Gegenüber, das möglicherweise Partner-Qualitäten aufzuweisen hat, schonend bei, dass es da ein klitzekleines Handicap gibt? – Diese Frage stellt sich Betroffenen nicht, wenn sie über das Online-Portal Handicap love auf Partnersuche gehen. Hier sind nämlich (fast) alle behindert.

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Nach eigener Angabe hat das kostenlose Forum derzeit 60.000 Mitglieder und ist die größte Singlebörse für Menschen mit Behinderungen in Deutschland. Bei mehrfachen Besuchen im April 2014 zeigt die Statistik jeweils um die 120 Benutzer als „online“ an. Zum Beispiel „Alfhari“ mit dem unaussprechlichen Handicap „Arthrogryposis multiplex congenita“ und dem Tipp, das einfach mal zu googlen. In ihrem Profil können registrierte Nutzer nämlich neben Haarfarbe, Herkunft oder Hobbys auch ihr Handicap angeben. Viele tun das, einige schreiben, man solle bitte nachfragen und manche haben keine Behinderung. Mitmachen dürfen sie trotzdem.

Vom Suchen und Finden

Akne ist zwar keine anerkannte Behinderung, könnte als Beeinträchtigung auf der Suche nach Anschluss aber wohlmöglich durchgehen. Das empfand zumindest Benedict Schmid so, als er vor elf Jahren mit nicht ganz makellosem Teint eine Freundin suchte. Der Bielefelder fragte sich damals, wie Menschen mit „richtigen“ Handicaps wohl an neue Kontakte kommen. Zusätzlich durch Bekanntschaften im Zivildienst motiviert, gründete er schließlich Handicap love. „Das Internet war damals noch ganz anders“, sagt er und erinnert sich an vergleichsweise zaghafte Nutzerzahlen. Heute verkauft Handicap love seinen männlichen Nutzern die aktive Beteiligung im Portal für einen Jahresbeitrag von 30 Euro. Das ist zwar kein Muss für die Registrierung, aber erst dann können Männer mit anderen Mitgliedern in Kontakt treten. „Durch die Beiträge finanzieren wir Werbung und die Weiterentwicklung des Portals“, so Benedict Schmid, der gerade an einer mobilen Version von Handicap love arbeitet.

Behinderte-dating.com verzeichnet etwa 6.000 aktive Nutzer, die für die Möglichkeit zur Kommunikation rund 30 Euro im Monat bezahlen. Je länger die Mitgliedschaft gebucht wird, umso geringer fällt der Monatsbeitrag aus. Man stößt hier auch auf Singles aus anderen europäischen Ländern und der USA.

Auch die Mitgliedschaft bei Gleichklang.de ist kostenpflichtig. Die Jahresgebühr beträgt 78 Euro, ermäßigt 49 Euro. Hier suchen sich Menschen unter bestimmten gemeinsamen Vorzeichen, wie sexuelle Orientierung, Vegetarier/Veganer, religiöse und a-religiöse Vorstellungen, bei Hochsensibilität, Behinderung, Erkrankung, besonderen körperlichen Merkmalen oder sexuellen Funktionsstörungen. Das alles kann man für sich angeben und beantworten, ob es einen am anderen stören würde. Registriert sind etwa 14500 Mitglieder.

Einen Überblick über die Verschiedenen Singlebörsen, Funktionen, Konditionen und Nutzerzahlen bietet singleboersen-vergleich.de. Auf der Seite myhandicap.de erzählt Alexandra, wie sie ihren Partner über das virtuelle Netz gefunden hat und welche Datingportale ihr als Rollifahrerin dabei behilflich waren. Auch die Aktion Mensch hat eine Rollifahrerin bei der Partnersuche im Netz begleitet.

Persönlicher Account, Foren und Co.

Egal, für welches Portal man sich letztlich entscheidet, die technischen Funktionen sind überall ähnlich. Jeder Nutzer erhält mit der Registrierung ein persönliches Benutzerkonto, das ihn im Portal unter seinem richtigen Namen oder einem fiktiven Benutzernamen präsentiert. Wir haben uns beispielhaft bei Handicap love umgesehen: Was können die Profile der Nutzer aussagen, welche Funktionen bietet das Portal, und welche Hilfen zur Handhabung gibt es?

Auf Handicap love öffnen sich mit dem Log-in u. a. die üblichen Ordner wie: „Mein Profil“, „Kontakte“, „Gesperrte Nutzer“, „Postfach“ oder Chatanfragen – registrierte Nutzer können sich hier untereinander zum Chat auffordern. Ihnen stehen außerdem folgende Funktionen offen:

  • Forum
    Im Forum tauschen sich Mitglieder über ihre Erfahrungen in Sachen Partnersuche und Sexualität, Jobsuche oder andere vorwiegend behinderungsspezifische Fragen aus. Der Verlauf kann nur von Mitgliedern gelesen und kommentiert werden.
  • Weblog
    Die Beiträge in diesem Bereich können auch von Nicht-Mitgliedern verfolgt werden. Es geht um Gesetze und Urteile, Veranstaltungen, aktuelle News und mehr.
  •  Suche
    Neben den oben aufgeführten Suchfunktionen können Kandidaten auch über die Schnellsuche oder die Detailsuche sowie über den Benutzernamen ermittelt werden. Die Detailsuche ermöglicht dabei Angaben zum Wunschgeschlecht, Alter, Ort und Beziehungsstatus.
  • Hilfe
    Fragen zum Anmeldevorgang, zur Suche oder zum Anlegen eines persönlichen Profils werden mithilfe von Videostreams beantwortet. Darüber hinaus können offene Fragen per Mail oder direkt telefonisch gestellt werden. Die Rufnummer ist kostenlos.

Der persönliche Account:

Jedes Profil bietet Platz für ein oder mehrere Fotos und persönliche Angaben: Eigene Interessen, Eigenschaften und Wünsche sowie Eigenschaften, die ein Partner haben sollte, können frei beschrieben oder nach dem Auswahlverfahren benannt werden. Auch nicht fehlen sollte die Angabe, in welche Richtung die Suche eigentlich gehen soll: Beziehung, Freizeitpartner oder „Mal sehen“? In jedem Fall gilt: Allzu persönliche Daten haben auch im eigenen Profil nichts verloren. „Wir veröffentlichen nicht bzw. löschen Anzeigen, die Telefonnummern oder E-Mail-Adressen enthalten“, heißt es dazu in den AGBs von Handicap love.

Selbstverständlich nimmt das Formular auch geschönte Beschreibungen geduldig an, es ist nur nicht sicher, ob die Personen, die man später treffen möchte, das ebenfalls tun werden. Besonders beliebtes Schummelobjekt: Alter oder Gewicht. Aber wer will schon vor dem ersten Date in Hungerkur gehen? In Bezug auf ein Handicap rät Benedict Schmid, zu der jeweiligen Beeinträchtigung zu stehen, ohne sie zu sehr in den Vordergrund zu stellen. „Nicht die Behinderung spielt die entscheidende Rolle, sondern eher die Einstellung, die jemand mitbringt.“

Mit befremdlichen Anfragen gelassen umgehen

Auf die eine oder andere ungewöhnliche Kontaktaufnahme sollte man im Netz gefasst sein. Etwa wenn Personen gezielt nach Menschen mit bestimmten Einschränkungen suchen, z. B. nach Teilnehmern mit einer Amputation. „Wir haben natürlich die Möglichkeit, Nutzer aus dem Forum auszuschließen, wenn sie andere belästigen“, sagt Benedict Schmid. Das sei aber bei solchen Anfragen nicht automatisch der Fall. „Es gibt auch Menschen mit Behinderungen, die das nicht als problematisch empfinden“, ist seine Erfahrung.

Beleidigende Mails und Belästigungen können und sollten ihm und seinem Team immer gemeldet werden.

Wer die Kontaktaufnahme bestimmter Nutzer abgesehen davon nicht mehr empfangen möchte, kann diese für den eigenen Posteingang sperren.

Interesse vorhanden – und was dann?

„Wenn man merkt, man versteht sich, sollte man sich auch relativ bald treffen“, findet Benedict Schmid. Alles andere sei reine Zeitverschwendung: „Per Mail oder Chat kommt eben nur ein Bruchteil der Emotionen und des Wesens einer Person rüber. Vor dem ersten Treffen sollte man auf jeden Fall erstmal telefonieren. Wenn das gut läuft, sich beide sympathisch sind, kann man sich persönlich treffen – an einem öffentlichen Platz natürlich.“ Schmid kann es passieren, dass er nach solchen Begegnungen zwei Nutzer weniger zu verzeichnen hat. Die Liebe fordert eben Opfer.

Bild 19154797 Copyright pryzmat, 2013. Mit Genehmigung von Shutterstock.comwww.handicap-love.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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