Mini-Autos für Rollstuhlfahrer

Was waren wir begeistert, als wir 2014-15 von den Mini-Autos für Rollstuhlfahrer hörten, die „bald“ auf den Markt kommen sollten! Leider ist es bis heute beim Status „Prototyp“ geblieben und die Herstellerwebsits sind stumm geworden.

Prototyp equal, 2013 copyright absolute design

 

Sie heißen Chairiot (dt.: Streitwagen), Equal oder Kenguru, und sie sollten Rollstuhlnutzern eine neue Form der Mobilität ermöglichen. Und so gut die Ideen auch sind (!) auf dem Markt sind die Mini-Autos für Rollstuhlfahrer noch nicht.

Die Vorstellung

Zugegeben: An der Bezeichnung „mini“ gibt es nichts zu rütteln. Die neuen Elektroautos für Rollstuhlfahrer sind kaum größer als eine Damen-Handtasche – und nicht halb so geräumig. Während in letztere ganze verschollene Zivilisationen von Kajalstiften und Münzgeldbeträge in Millionenhöhe passen, findet in den Elektroautos gerade mal der Fahrer Platz… und eben der Rollstuhl. Dafür passen sie in jede Parklücke. Notfalls sogar quer.

Ins Innere gelangt man nach dem Öffnen der Heckklappe über eine ausfahrbare Rampe; von dort rollt man gleich weiter bis vor zum Lenkrad bzw. dem Steuerungs-Joy-Stick. Per Knopfdruck wird die Rampe wieder eingefahren und die Heckklappe geschlossen. Dann kann es losgehen. Die Elektroautos erreichen eine Höchstgeschwindigkeit von 48 km/h bis 56 km/h und schaffen Distanzen von bis zu 110 km bevor sie wieder neu mit Strom versorgt werden müssen.

Vorteile

Die Mini-Elektroautos warten mit einer ganzen Reihe von Vorteilen auf:

  • Umsteigen unnötig: Da man den Rollstuhl nicht verlassen, auseinander nehmen und verpacken muss, spart ein Mini-Elektroauto sehr viel Zeit.
  • Der Preis: Die Elektroautos gibt es ab 19.000 US$ (ca. 13.650 €) zu kaufen. Damit sind sie deutlich billiger als ein umgerüsteter Wagen.
  • Günstig im Unterhalt: Nicht nur das die Elektroautos sparsam im Verbrauch sind – es ist Strom, den sie verbrauchen, und nicht den überteuerten Diesel oder Benzin von der Tankstelle. Zusätzlich sind die Versicherungsprämien für diese Art des Autos niedriger, da sie wenig Hubraum haben und eine Höchstgeschwindigkeit von gerade mal 56 km/h erreichen.
  • Ökologisch: Die Elektroautos verbrauchen ca. zwei Kilowatt/h. Nach acht Stunden an der Steckdose sind sie wieder voll einsetzbar.
  • Ein- und Ausfahrrampe: Die Elektroautos verfügen über eine Rampe, die sich höhentechnisch anpassen lässt, abhängig davon, ob man auf die Fahrbahn rollen will oder auf den höher gelegenen Bürgersteig.
  • Parkplatzsuche: Die Parkplatzsuche ist deutlich vereinfacht, da die Minielektroautos so klein sind, dass ein potentieller Parkplatz nicht lang sondern einfach nur breit genug sein muss, um es quer unterzubringen. Die Heckklappe weist dann in Richtung des Bürgersteigs; die Ausfahrt erfolgt praktischerweise gleich auf den Bürgersteig und nicht auf die Straße.
  • Fahrerlaubnis: Ein Führerschein der Klasse M (Kleinkrafträder) reicht aus um ein Mini-Elektroauto zu fahren.

Nachteile

Leider gibt es auch einige Aspekte zu beachten, die Kenguru und Co. je nach den individuellen Anforderungen an ein Gefährt, für manche Nutzer ungeeignet machen könnten.

  • Geschwindigkeit: Da es in geschlossenen Ortschaften ohnehin nicht erlaubt ist schneller als 50 oder 30 km/h zu fahren, ist es hier nicht von Bedeutung, dass die Mini-Elektroautos eine sehr eingeschränkte Höchstgeschwindigkeit haben. Bei längeren Strecken allerdings ist das nervig; Überlandfahrten sind zwar durchaus möglich, dauern aber länger.
  • Größe: Womit wir wieder beim Stichwort ‚mini‘ wären. Der Platz im Innenraum ist extrem eingeschränkt. Einkaufstaschen kann man nur bedingt unterbringen; Beifahrer derzeit überhaupt nicht.

Internationale Anbieter und Entwickler

  • Chairiot Solo

Der Chairiot Solo ist das Elektroauto der US-amerikanischen Firma Chairiot Mobility Inc., bei dem man es in nur 40 Sekunden vom Öffnen der Heckklappe bis zum Fahren auf der Straße schafft. Mit einer Adapterklammer wird der Rollstuhl am Boden befestigt, so dass die Sicherheit des Fahrers gewährleistet ist.

  • Höchstgeschwindigkeit: 35 mph (ca. 56 km/h)
  • Reichweite: 80 km
  • Verkaufsstart: April 2014
  • Preis: 19.000 US$ (ca. 13.650 €)

Für mehr Informationen (in englischer Sprache) siehe: The Chairiot Solo

  • Equal

Das Mini-Elektroauto Equal ist das Design der Ingenieursgruppe Absolute Design aus Kroation, das durch ein crowdfunding Projekt auf indieogogo.com (Laufzeit bis Feb. 2014) finanziert werden sollte. Gerade mal 1% der Zielsumme wurden erreicht, dabei steht der Equal seinen amerikanischen Kollegen in nichts nach, sondern punktet im Gegenteil noch durch zusätzliche Highlights, wie Griffe im Inneren, die es dem Fahrer erleichtern sollen hineinzufahren, und – vor allem – einer Art Hartschalenrucksack an der Heckklappe, der den dringend benötigten Stauraum schafft. Die Designer hoffen derzeit mit einem finanzierenden Hersteller zusammenarbeiten zu können.

  • Höchstgeschwindigkeit: 50 km/h
  • Reichweite: keine Angabe
  • Verkaufsstart: keine Angabe
  • Preis: keine Angabe

Für mehr Informationen (in englischer Sprache) siehe: absolute design

  • Kenguru

Der KenguruCruiser von KenguraCars, einer amerikansich-ungarischen Kooperation, ist der Pionier unter den Mini-Elektroautos. In letzter Zeit hatte der Hersteller jedoch mit Finanzierungsproblemen zu kämpfen.

  • Höchstgeschwindigkeit: 30 m/h (ca. 48 km/h)
  • Reichweite: 110 km
  • Verkaufsstart: wurde zurückgesetzt / Vorbestellungen nimmt Kenguru entgegen.
  • Preis: 19.000 US$ bis 21.000 $ (ca. 13.650 bis 16.000 €)

Dieses Elektroauto für Rollstuhlfahrer ist einfach eine tolle Idee. Der Prototyp des Kleinstwagen punktet mit mehreren Vorteilen in Handhabung und Nutzen und sorgt in seiner quietschgelben Ausführung für gute Laune auf allen Straßen.

kenguru, 2013

Wen man hört, wie der Kenguru-Cruiser funktioniert, kann man es kaum erwarten ihn zu benutzen. Der Fahrer öffnet die Heckklappe mit einer Fernbedienung, rollt mitsamt seinem Rollstuhl ins Innere, fixiert den Rollstuhl mittels Adapter am Fahrzeug und schließt die Heckklappe. Schon kann es losgehen.

Gesteuert wird das Elektroauto, das sich als „Moped für Rollstuhlfahrer“ versteht, mit einem Motorradlenker. Spitze fährt der Kenguru ca. 48 km/h und kann auch mit einem Führerschein der Klasse M gefahren werden.

Am Zielort angekommen findet der Kenguru in fast jeder Parklücke Platz. Wegen seiner kompakten Form kann man sogar im rechten Winkel zum Bürgersteig parken, problemlos die Heckklappe öffnen und wieder rausrollen. Den Rollstuhl auf- und zuzuklappen, ihn aus dem Auto zu wuchten und den Sitzplatz zu wechseln ist überflüssig.

Mit einer Aufladung kommt der Kenguru 110 km weit. Danach muss er für acht Stunden an die Steckdose.

Kosten

Die Anschaffungskosten liegen je nach Ausstattung zwischen 19.000 und 21.000 US$ (etwa 14.000 bis 16.000 Euro).

Die Unterhaltskosten sind laut Hersteller sehr gering, da der Energieverbrauch des Kenguru-Cruisers im Vergleich bei zwei Litern Benzin auf 100 km liegt. Dieser Durchschnittswert beinhaltet die täglichen Stromkosten zum Aufladen der Batterien, die jährlichen Wartungskosten und den alle zwei Jahre notwendigen Austausch der Batterien.

Schöne Aussichten

Der zur Zeit erhältliche Kenguru-Cruiser ist für leichte Rollstühle und Fahrer entworfen, die eine ausreichende Handfunktion haben. Sie bieten ausschließlich dem Fahrer Platz. Zukünftige Modelle werden

• Verstärkt an das Gewicht von Elektrorollstühlen angepasst sein

• Wahlweise mit einem Joy-Stick steuerbar sein

• Einen Beifahrerplatz haben.

Update 2018: Weitere Entwicklungen sind eingestellt worden. Die so gut klingende Idee der Hersteller konnte nicht finanziert werden.

Technische Daten

  • Motor
    • 2 getriebelose Radantriebe an der Hinterachse
    • Leistung 2KW/150Nm pro Antrieb
    • Betriebsspannung 48V Bürstenloser Außenläufermotor
  • Karosserie
    • Glasfaserkarosserie auf Stahlrahmen
    • Türen: 1
    • Sitze: 1 Platz für Fahrerrollstuhl
    • Farbe: RAL 1028 Gelb
  • Abmessungen und Gewicht
    • Radstand: 1550 mm
    • Länge: 2125 mm
    • Höhe: 1620 mm
    • Breite: 1525 mm (mit Außenspiegel)
    • Leergewicht ohne Fahrer: 550Kg
    • Leergewicht ohne Fahrer und Batterien: 350Kg
    • Zulässiges Gesamtgewicht: 660 Kg
  • Fahrleistungen
    • Höchstgeschwindigkeit: 48 Km/h
    • Steigfähigkeit: 20%
    • Reichweite: 70- 110 km
  • Bedienung
    • Lenkung mittels Motorradlenkers bzw. Joystick
    • Beschleunigung und Bremsen über Handkontrollen am Lenker
    • Peripheriebedienung über Schalter am Lenker
    • LED Instrumententafel
    • Elektrischer Türöffnungsmechanismus mittels Fernbedienung

Update: Im August 2017 ist das Kenguru noch immer nicht für Endverbraucher verfügbar; eine Anfrage der Redaktion beim Hersteller blieb unbeantwortet.

Nähere Informationen zu Hersteller, Produkt und Bezugsmöglichkeiten gibt es unter:

http://www.kengurucars.co.uk/contact.html

 

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