US-Tankstellen: Scheideweg der Natur des Menschen

Wenn Rollstuhlfahrer einen Road Trip in den USA planen, brauchen sie nicht nur ein umgerüstetes Fahrzeug vor Ort. Sie sollten auch über die Gepflogenheiten an amerikanischen Tankstellen informiert sein, und über die Tatsache, dass sie sich hier – zwischen Tankwart und Zapfsäulen – an einem Scheideweg der Natur des Menschen befinden. Man trifft hier beides an: Die Spreu und den Weizen.

Bild 59527333 copyright Iakov-Kalinin, 2013 Mit Genehmigung von Shutterstock.com

„In all den Jahren, in denen ich im Rollstuhl sitze, sind mir die seltsamsten Dinge an Tankstellen passiert“, erzählt Geoffrey Matesky. „Was für Fußgänger eine alltägliche Routineaufgabe ist, über die man nicht zweimal nachdenkt, ist eine seltsam ernüchternde Ironie im Leben von Behinderten. Laut den Vorschriften des ADA (Gesetz zur Integration Körperbehinderter Amerikaner) müssen Tankstellen für behinderte Fahrer den Tankvorgang ausführen, so dass z. B. Querschnittgelähmte nicht erst aussteigen müssen. Wie die meisten Vorschriften des ADA, muss auch diese vom Betroffenen selbst durchgesetzt werden. Und das ist gar nicht so einfach, da der Durchschnittsangestellte an US-amerikanischen Tankstellen, der vor einem Mini-Fernseher an der Kasse sitzt und dafür den Mindestlohn erhält, noch nie etwas vom ADA gehört hat.

Betroffenen bleibt also nichts anderes übrig, als immer wieder aufs Neue zu versuchen, das Wissen um diese Vorschrift zu verbreiten.

Tanken in den USA: Anleitung für Rollstuhlfahrer

So könnten Sie es versuchen:

  1. Fahren Sie Ihr Auto an eine freie Säule.
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  2. Hupen Sie. Der Tankwart wird vielleicht reagieren. Vielleicht aber auch nicht, vor allem wenn er allein in der Kabine oder hinter dem Verkaufstresen ist. Er wird Sie befremdet anstarren und sich fragen: ‚Warum bleibt dieser Mensch im Auto sitzen und hupt mich an? Kann er nicht rüberkommen und mir sagen was er will? ‘
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  3. Zeigen Sie Ihren Sonderparkausweis. In den USA gibt es diesen entweder in Form einer Karte, die am Rückspiegel hängt und abgenommen werden kann, oder sie ist eine Plakette, die direkt auf dem Nummernschild angebracht ist. (Wenn Sie beim Anmieten eines Fahrzeugs die Wahl haben, entscheiden Sie sich für die erste Variante. Letztere hat nämlich einen unschönen Nachteil: Sie teilt potenziellen Angreifen explizit mit, dass der Fahrer dieses Wagens körperliche Einschränkungen hat und daher ein leichtes Opfer sein könnte.)
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  4. Warten Sie, während er Sie weiter verständnislos anstarrt.
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  5. Falls er zu Ihnen kommt, erklären Sie, dass Sie querschnittgelähmt sind und dass die Regeln des ADA vorsehen, dass er Ihnen hilft.
    Falls er immer noch nicht rüberkommt (seien Sie nicht zu enttäuscht; viele Tankwarte werden nicht angestellt, um Zapfsäulen zu bedienen) überspringen Sie Schritt 6 bis 9. Steigen Sie aus und tanken Sie selbst. Nach dem Bezahlen dürfen Sie angewidert davonfahren.
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  6. Warten Sie, während er Sie – vielleicht nicht mehr ganz so verständnislos, aber zweifelnd – anstarrt. Immerhin sitzen Sie in einem normal aussehenden Auto und sehen hinter dem Steuer auch ganz normal aus. Er fragt sich nun, ob Sie auch wirklich Hilfe benötigen.
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  7. Wenn der Groschen schließlich gefallen und jeder Zweifel ausgeräumt ist, öffnen Sie den Tankdeckel.
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  8. Bitte schalten Sie während des Tankvorgangs den Motor ihres Fahrzeugs aus und rauchen Sie nicht.
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  9. Bezahlen Sie den Tankwart und danken Sie ihm für seine Zeit. Vielleicht geben Sie ihm auch ein großzügiges Trinkgeld. Auch möglich: eine Ansprache darüber wie das ADA nur funktionieren kann, wenn jeden Tag Leute wie der fragliche Tankwart an ihre Grenzen gehen und Menschen in Not helfen, in diesem stolzen, freien Land. Versuchen Sie nicht zu rührselig zu klingen, aber seien Sie auch nicht undankbar. Denken Sie daran: Sie repräsentieren Ihre Minderheit …
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  10. Herzlichen Glückwunsch! Sie haben Ihr Recht eingefordert und durchgesetzt. Sie erhalten Zusatzpunkte, wenn Sie es geschafft haben, den Tankwart so zu sensibilisieren, dass der nächste Rollstuhlnutzer, der an dieser Tankstelle tanken will, nicht den selben Zirkus veranstalten muss wie Sie gerade eben.

Manchmal wird ein Tankstellenbesitzer oder Tankwart, der sich tatsächlich mit der Gesetzeslage auskennt, zu Ihnen kommen und anbieten, Ihr Auto für Sie zu befüllen. Außerdem wird er Ihnen das Versprechen abnehmen, das nächste Mal zu hupen usw., aber das kommt selten vor. Normalerweise ist es einfacher die Zähne zusammenzubeißen, auszusteigen und selbst zu tanken.

Zum Beispiel: Die Spreu …

Ich kann mich nur an ein einziges Beispiel erinnern, an dem ich meinen eigenen Rat – nämlich der Einfachheit halber immer selbst zu tanken – nicht befolgte, sondern versuchte das ADA Gesetz durchzusetzen. Ich war noch Junggeselle, hatte sehr lange gearbeitet und war endlich – nach einem 18-Stunden-Tag – auf dem Weg nach Hause. Es schneite, ich war total erledigt, und wenn es je eine Situation gegeben hatte, in der ich mir gewünscht hätte, ohne großen Aufwand einfach tanken zu können, war es damals. Also fuhr ich vor und begann mit Schritt 2: Ich hupte. Der Tankwart war Ende 40 oder Anfang 50, mit breiten Schultern und der Ausstrahlung eines ruppigen, zupackenden Mechanikers – ein ganzer Kerl also. Er sah mich, aber auf mein kurzes, freundliches Hupen reagierte er nicht. Ich versuchte es also noch einmal. Er reagierte mit einem fast schon aufsässigen Blick. Nein, das kann nicht wahr sein, dachte ich. Weigert er sich wirklich rauszukommen? Ich hupte nochmals und wedelte mit meinem Sonderparkausweis. Vielleicht hatte er den noch nicht gesehen. Jetzt grinste er auch noch. Dann schüttelte er den Kopf. Wieso nur? Ich hielt den Ausweis noch ein bisschen höher, aber der Tankwart bewegte sich keinen Zentimeter von seinem Stuhl hinter der Kasse. Also gut, ich hätte es wissen müssen. Ich stieg also aus.

Etwas später, nachdem ich den Rollstuhl ausgepackt hatte, transferiert war und mit dem Tanken begonnen hatte (der Tankwart hatte mir die ganze Zeit über zugesehen), bemerkte ich, dass er aufgestanden war und nun im Türrahmen lehnte. Es ist okay, versuchte ich mich zu beschwichtigen. Das hier ist die Aufregung nicht wert. Aus Prinzip tankte ich aber nur Benzin im Wert von fünf Dollar. Mehr würde ich an einer anderen Tankstelle tanken. Und nun kommt der Teil, an dem ich verstehe, warum es der Tankwart plötzlich doch geschafft hatte von seinem Stuhl aufzustehen. Die Tankstelle war eine von der altmodischen Sorte, bei der das Kassenhäuschen von einem 25 Zentimeter hohen Bordstein eingerahmt war. Und es gab keine Rampe, über die ich zum Bezahlen hätte nach drinnen fahren können. Ich fluchte innerlich, während der anhaltende Schneefall mich in einen Mini-Yeti verwandelte und der Tankwart mich frech angrinste.

“Sorry!” sagte er und lachte dabei ein bisschen. “Ich tanke für niemanden, der nicht die Plakette auf dem Nummernschild hat, die bestätigt, dass er behindert ist.”

Ich war schockiert. Hier saß ich in meinem Rollstuhl, mitten in einem Schneesturm, und der Tankstellenbesitzer (es musste der Besitzer sein, um sich so eine Einstellung leisten zu können) brauchte noch mehr Beweise für meine Behinderung.

“Sehen Sie mich an”, sagte ich und hob die Arme. „Besteht irgendein Zweifel daran, dass ich diesen Service hätte gebrauchen können?”

“Oh, dann zeig mich doch an, wie der Letzte!” schnauzte er mich an.

“Keine Sorge”, sagte ich und legte eine Fünf-Dollar-Note auf den nicht passierbaren Bordstein. „Sie sind den Aufwand nicht wert.”

Der Weizen …

Als ich zwei Tage später andernorts tanke, kam der Tankwart zu mir gerannt und schimpfte mich aus, weil ich nicht gehupt hatte, so dass er für mich das Auto hätte befüllen können.

Tankstellen, so habe ich also gelernt, stehen für das breite Spektrum zwischen einerseits den Höhen und andererseits den Abgründen der Natur des Menschen. Güte und Grausamkeit; Spreu und Weizen. Und man weiß nie, welches es sein wird.“

(Dieser Text ist eine Leseprobe aus “They Call Me Wheels”, von Geoffrey E. Matesky, in englischer Sprache erhältlich bei iUniverse, Amazon.com, & Barnes & Noble (bn.com).)

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