“Aktion Mensch” – die bewegte Geschichte einer deutschen Institution

2014 wurde die„Aktion Mensch“ 50. Als fürsorgliche „Aktion Sorgenkind“ ist sie für bessere Lebensbedingungen von Kindern mit Beeinträchtigungen angetreten; heute geht´s um das selbstverständliche Miteinander auf Augenhöhe.

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“Schon viel erreicht. Noch viel mehr vor“, schrieb sich die Aktion Mensch zum Jubiläum auf die Fahnen.  Mit den Jahren ist sie mit und an ihrer Zielgruppe über sich hinaus gewachsen. Die Sorgenkinder sind passé, gekämpft wird heute für eine inklusive Gesellschaft, in der „das Wir gewinnt“. Der Rollstuhlskater David Lebuser, der Hornist Felix Klieser, der sein Instrument mit den Zehen spielt, und die kleinwüchsige Nicole Schütt, die sich im Kampagnenfilm ein weiteres Motiv zu ihrem Koi auf den Rücken tätowieren lässt, haben der Aktion Mensch im Jubiläumsjahr ihr Gesicht geliehen und stehen Pate für all das, was Leben mit Beeinträchtigungen sein kann. Und das kann selbstverständlich alles sein.

Ein Blick zurück und nach vorn

Die Aktion Mensch schaut auf eine bewegte Geschichte, in der sich nicht zuletzt die Haltung einer ganzen Gesellschaft gegenüber Menschen mit Behinderung spiegelt.

Die Anfänge

Der Conterganskandal war 1964 Auslöser für die Gründung der „Aktion Sorgenkind“ als Soziallotterie: Wer ein Los kauft, unterstützt damit noch heute soziale Projekte. Damals waren das zumeist „Anstalten und Heime“ für behinderte Kinder, Chronik_Logo_Aktion Sorgenkind_1968-1978 kleinFahrzeuge oder die Beschäftigung von Sprecherziehern oder Krankengymnasten. Von Anfang an strahlt das ZDF als Mitglied der Organisation Unterhaltungssendungen wie „Vergissmeinnicht“ mit Peter Frankenfeld und später „Der Große Preis“ mit Wim Thoelke aus, klärt über die Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderung auf und rührt erfolgreich die Werbetrommel für das Los der Aktion Sorgenkind. Wichtige Partner kommen außerdem aus der Wohlfahrtspflege, darunter Caritas und Diakonie, Deutsches Rotes Kreuz, die Arbeiterwohlfahrt (AWO), der Paritätische Gesamtverband und die jüdische Wohlfahrtspflege in Deutschland.

Mit Loriots Wum und Wendelin spielt die Lotterie 1978 rund 117 Millionen D-Mark ein und setzt neue Förderschwerpunkte. Fortan soll die Vermeidung von Behinderung durch humangenetische Beratung, Vorsorge und Früherkennung unterstützt werden.

Kurswechsel

Anfang der 80er-Jahre tritt die sogenannte „Krüppelbewegung“ aus Betroffenen auf den Plan, die die Aktion Sorgenkind nicht nur wegen ihres Namens kritisieren, sondern auch wegen ihres fürsorglichen Ansatzes, der mit den emanzipatorischen Ideen der Behindertenbewegung kaum vereinbar ist. Der Ruf nach einem gleichberechtigten Umgang wird immer lauter. Hinzu kommt ein stetiger Umsatzrückgang; beides bewegt die Initiative schließlich zum Paradigmenwechsel.

Eine neue Kampagne nach dem Vorbild der selbstbewusst auftretenden Betroffenen setzt auf deren Selbstbestimmung und gleichberechtigte Integration in die Gesellschaft. Damit distanziert sich die Initiative von einem vorwiegend medizinischen Blick auf Behinderung und trägt dem Anspruch von Menschen mit Beeinträchtigungen auf Teilhabe Rechnung. Dieser drückt sich 1994 auch in dem Satz “Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden” (Art. 3, Abs. 3, Satz 2) des Grundgesetzes aus.

Nachdem die humangenetische Beratung Ende der 80er-Jahre wieder beendet worden war, stoppt die Aktion Sorgenkind Mitte der 90er auch die Förderung von Werkstätten für Behinderte. Stattdessen unterstützt sie den Aufbau der Behindertenhilfe in den neuen Bundesländern, Bildung und Teilhabechancen sowie die Förderung von Personen in sozial schwierigen Situationen.

Die inklusive Gesellschaft

Crowdsurfer_A4_345Noch klebt die Initiative an ihrem Namen. Er wird als Marke optisch variiert, aber nicht verworfen. Bis zum Jahr 2000 spricht die Aktion von ihrer Zielgruppe als „Sorgenkinder“ und ändert erst dann ihren Namen in „Aktion Mensch“. Die mittlerweile wieder steigenden Erlöse fließen in Projekte zur Förderung der Integration in den Ersten Arbeitsmarkt, Barrierefreiheit im Internet oder Kinder- und Jugendinitiativen. Dabei winkt die Lotterie, ununterbrochen unterstützt vom ZDF, mit immer neuen Losformen und verlockenden Traumgewinnen.

Innovationen und kreative Ideen, Aufklärungsprojekte zur Inklusion, ein Filmfestival und neue Wohnformen, weg von der „Unterbringung“ in Heimen hin zu kleineren Wohneinheiten für maximal acht Personen, bestimmen in den Nullerjahren und bis heute die Förderung durch Loseinnamen. Der geistige und tatkräftige Umschwung baut neue Brücken zu Selbsthilfeeinrichtungen und Leuten mit Beeinträchtigungen, für die ihre Selbstbestimmung nicht zur Debatte steht. Debattiert wird stattdessen über das, was noch passieren muss, damit Inklusion nicht an der nächsten Stufe oder Barriere in den Köpfen endet.
Noch viel vor? Dann mal los – und weiter so!

 

 

 

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