Ein Modell für die ambulante Pflege

Hinter dem etwas sperrigen Namen „Individualhilfe Heidelberg“ verbirgt sich ein durchdachtes Konzept für die ambulante Pflege von und für Menschen mit hohem Assistenzbedarf.

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„Wir sind in der glücklichen Lage, unsere Pflegeassistenten sehr genau, selbstbestimmt und eigenverantwortlich auszusuchen“, sagt Michaela Schadeck, Sozialarbeiterin bei der Individualhilfe Heidelberg. „Ich bin immer noch begeistert von dem Konzept, ehrlich.“ Und das glaubt man ihr, weil die besondere Kombination von Verein und Pflegedienst, wie sie die Individualhilfe ausmacht, schlüssig klingt: Menschen mit hohem Pflegebedarf tun sich in einem Verein zusammen und werden Gesellschafter eines ambulanten Pflegedienstes, der zugleich für sie selbst tätig ist. „Es ist aufwendig, was wir machen, aber das lohnt sich“, sagt Schadeck.

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Michaela Schadeck, hier auf der „Rollischaukel“ im Luisenpark Mannheim (Copyright: Michaela Nähere Schadeck, Heidelberg)

„Frauen wollen von Frauen unterstützt werden.“

Anfang der 80er-Jahre, nach Auflösung des bis dahin bestehenden „Betreuungsverbandes“, standen viele Rollstuhlfahrer in Heidelberg vor der Frage, wie sie ihre Assistenz zukünftig organisieren könnten. 1981 gründeten sie die „Individualhilfe für Schwerbehinderte e.V.“ in Kooperation mit dem Paritätischen Bildungswerk in Frankfurt am Main. Über dieses als Träger des damaligen Zivildienstes konnten auch Zivis als Pflegeassistenten eingesetzt werden. „Aber uns fehlten weibliche Kräfte; Frauen wollten gern von Frauen unterstützt werden“, so Schadeck. Damit diese regulär kranken- und urlaubsversichert eingestellt werden konnten, rief der Verein zehn Jahre nach seiner eigenen Gründung einen Pflegedienst in Form einer gGmbH ins Leben. Auch der läuft bis heute in Partnerschaft mit dem Frankfurter Paritätischen Bildungswerk Bundesverband e.V.

„Assistenten sind Ersatz für Arme und Beine.“

Der ambulante Pflegedienst der Individualhilfe ist speziell für Personen mit hohem Pflegebedarf aufgrund einer Behinderung gedacht. Deshalb sei es so wichtig, dass Betroffene und Assistenten harmonieren, „‘Du arbeitest jetzt mit dem!‘ – Das gibt es bei uns nicht“, sagt Schadeck. „Ganz oben steht, dass ein Wechsel immer möglich ist.“ Betroffene und potenzielle Mitarbeiter lernen sich innerhalb einiger Schnuppertage kennen und können testen, ob die Chemie stimmt. Die Vorauswahl treffen Mitarbeiter der Individualhilfe durch Gespräche und Fragebögen, in denen sie u. a. Hobbys und Interessen abfragen.

Denn die tägliche mehrstündige Begleitung greift in alle Lebensbereiche. „Manchmal kommt das Verhältnis allein vom zeitlichen Zusammensein einer Partnerschaft gleich, da kann es schon mal knallen.“ Aus eigener Erfahrung weiß Michaela Schadeck, wie wichtig das Thema Nähe und Distanz für eine solche Pflegesituation ist und bietet den in der Individualhilfe organisierten Betroffenen Seminare dazu an. „Wenn der Dienst endet, kann eine Freundschaft entstehen, aber vorher ist das schwierig.“ Denn Assistenten seien vor allem ein Ersatz für Arme und Beine und müssten während des Dienstes auch deren Funktionen übernehmen. Auf der anderen Seite müssen viele Betroffene erst lernen, ihren Helfern selbstverständlich  zu sagen, was sie wollen. „Der Assistent muss nicht kochen können. Ich muss kochen und anleiten können“, so Schadeck.

„Ich kann mit Assistenz in vielen Bereichen so leben, als hätte ich keine Einschränkung.“

Viele nehmen den ambulanten Dienst in Anspruch, einige engagieren sich, obwohl sie selbst keine Pflege brauchen, einfach, weil sie die Idee so gut finden. „Ich kann mit Assistenz in vielen Bereichen so leben, als hätte ich keine Einschränkung“, sagt Michaela Schadeck. Haben potenzielle Mitglieder einen ähnlichen Anspruch an ihre Selbstbestimmung, bringen sie das vielleicht wichtigste Kriterium mit, um in den Verein zu passen.


Nähere Informationen: www.individualhilfe.de

Michaela Schadeck ist Sozialarbeiterin (M.A.) und hat eine infantile Cerebralparese (Spastische Lähmung). Daher ist sie seit ihrer Geburt fast rund um die Uhr auf Pflege und Assistenz angewiesen. Bei der Individualhilfe ist sie selbst seit 22 Jahren Kundin, seit 20 Jahren im Vorstand und seit fast fünf Jahren im Ambulanten Dienst als Assistentin der Geschäftsführung tätig.