Blasenfunktion bei Querschnittlähmung

Ist die Kontrolle der Blase durch eine Rückenmarksverletzung gestört, spricht man von einer neurogenen Blasenfunktionsstörung. Nahezu im selben Atemzug wird in diesem Zusammenhang häufig auch der regelmäßig durchgeführte „intermittierende Katheterismus“ (ISK) genannt, der mittlerweile als Selbstverständlichkeit im Umgang mit Blasenfunktionsstörungen bei Querschnittlähmung  gilt.

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Es gibt zwei Haupttypen:

  • Die spastische Blase kommt bei Verletzungen im Bereich der Hals- und Brustwirbel vor. Sie zieht sich unkontrolliert zusammen, was zu spontanen Ausscheidungen von Urin führt. Dieser „Reflex“ tritt erst auf, nachdem der spinale Schock abgeklungen ist, also etwa 3 Wochen bis 2 Monate nach einem Unfall bzw. der Verletzung bei einer traumatischen Querschnittlähmung. Die Meldung, dass die Blase voll ist, gelangt zwar noch zum Rückenmark, aber das Gehirn kann keinen Einfluss mehr auf die Funktion der Blase ausüben (UMNL). Stattdessen wird die Meldung im Rückenmark als Reflex umgesetzt. Die Blase entleert sich dabei  meist in einer Art „stopp and go“, weil sich der Schließmuskel immer wieder schließt. Dadurch kann ein Druck entstehen, der den Blasenmuskel verformt und die Ventile in der Blasenwand schädigt. Diese können dann nicht mehr verhindern, dass Urin zu den Nieren zurückfließt (Reflux). Der Druck, der dabei entsteht und Infektionen können die Nieren schädigen und im Extremfall zu Nierenversagen führen.
  • Die Muskeln der sogenannten schlaffen Blase ziehen sich nie zusammen, der Reflex bleibt aus, sodass andere Formen der Blasenentleerung gefunden werden müssen. Diese Form der Blasenlähmung besteht überwiegend bei Verletzungen der Lendenwirbelsäule. Die Nervenverbindungen zwischen Blase und dem für deren Steuerung zuständigen Miktionszentrum sind unterbrochen oder das Steuerzentrum selbst ist beeinträchtigt (LMNL).

Wird die Blase nicht regelmäßig entleert, entstehen mit hoher Wahrscheinlichkeit Blasenentzündungen. Die Blase kann etwa bis zu 500 Milliliter aufnehmen, bei einer höheren Menge wird sie überdehnt und kann sich später nicht mehr zusammenziehen. Zudem können Infektionen mit dem Rückstau von Urin über die Harnleiter zu den Nieren gelangen und es kann zu fiebrigen Erkrankungen kommen. Sie können die Nieren schädigen und zu Nierenversagen führen. Die Entstehung von Nierensteinen kann auf eine ständig volle oder infizierte Blase hindeuten. Für beide Formen der Blasenstörung wird, sofern möglich, der intermittierende Selbstkatheterismus empfohlen.

Inkomplette Blasenlähmung

Zu einer inkompletten Lähmung der Blase kann es kommen, wenn die Verletzung des Rückenmarks oberhalb des sacralen Miktionszentrums liegt. Dann kann die Blasenfunktion nicht mehr vollständig, aber noch teilweise willentlich beeinflusst werden. Mitunter kann das Zusammenziehen der Blase (Kontraktion) bewusst zur Entleerung aktiviert werden, allerdings ist das spontane Kontrahieren der Blasenmuskulatur und damit ein ungewolltes Ausscheiden von Urin kaum verlässlich zu vermeiden. Der Blasenschließmuskel kann in vielen Fällen ebenfalls nicht bewusst gesteuert werden. Auch bei dieser Form von Blasenlähmung ist es oft sinnvoll, ganz auf intermittierenden Selbstkatherismus umzustellen, um zu hohen Druck in der Blase bei der Entleerung zu vermeiden.

 

 

 

Fragen & Kommentare

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  1. Sybille Mössinger 21.08.2013, 08:37 Uhr

    Gibt es nicht auch Geräte, die die Blase von außen stimulieren?

    • Nikola Hahn 28.08.2013, 09:47 Uhr

      Guten Tag Frau Mössinger,
      bei der Entwicklung von Blasenentleerungstechniken muss immer berücksichtigt werden, dass ein erhöhter Blasendruck zu Druckschäden führen kann, was unbedingt vermieden werden sollte, um die Nierenfunktion langfristig nicht zu gefährden. Druckarme Methoden wie der Intermittierende (Selbst)katheterismus (ISK) haben sich daher, wo möglich, durchgesetzt.
      Unter bestimmten Bedingungen kann die Stimulation über einen Reiz von außen dennoch geeignet sein. Bei der Reflexentleerung wird die Blase durch Beklopfen (Triggern) von außen stimuliert. Das Beklopfen sorgt für das reflexartige Zusammenziehen des Blasenmuskels und des äußeren Schließmuskels, der sich aber nach kurzer Zeit wieder öffnet und die Entleerung zulässt (Wenig, P./Burgdörfer, H.: Funktionales Verhaltensmuster „Ausscheidung“ – Blase. In: Haas, U. (Hrsg.): Pflege von Menschen mit Querschnittlähmung. Probleme, Bedürfnisse, Ressourcen und Interventionen, Bern, 2012). Dabei weisen die Autoren jedoch ausdrücklich darauf hin, dass die Reflexentleerung der Blase nur dann zum Einsatz kommen sollte, wenn der komplikationsärmere intermittierende Katheterismus nicht möglich oder nicht gewünscht ist.
      Andere Formen der Blasenstimulation sind zwar von außen steuerbar, aber es braucht zuvor die Implantation eines Stimulators unter die Haut und dessen Verbindung zu sakralen Nervenwurzeln:
      Die sakrale Deafferentation (SDAF) wird bei überaktiver Reflexentleerung und erhaltener Elastizität und Kontraktionsfähigkeit der Blase angewandt, wenn konservative Methoden erfolglos bleiben. Dabei wird durch die Durchtrennung der Nerven S2 bis S5 verhindert, dass der Füllstand der Blase gemeldet und ein Impuls zur Entleerung gesendet werden kann. Stattdessen werden die durchtrennten Vorderwurzeln S2 bis S4 mit Elektroden verbunden, die von außen gezielt steuerbar sind. Das hat den Vorteil, dass es zwischen den regelmäßigen gewollten Entleerungen nicht zu Urinverlust kommt. Allerdings nehmen die Nerven S2 bis S5 auch Einfluss auf die Verdauung, den Intimbereich und bestimmte Sexualfunktionen, z. B. das Anfeuchten der Scheide. Diese Funktionen sind nach einer Durchtrennung nicht mehr verfügbar und der Eingriff ist nicht rückgängig zu machen. Deshalb bleibt für jeden Einzelfall gut abzuwägen, ob eine SDAF sinnvoll ist.
      Bei der Neuromodulation werden die afferenten Nerven nicht durchtrennt, sondern sollen über Elektroden stimuliert werden. Das setzt voraus, dass sie teilweise noch zur Impulsübertragung fähig sind (inkomplette Querschnittlähmung). Dieses Verfahren bietet sich sowohl bei einer Über- als auch bei einer Unterfunktion der Blasenaktivität an und kann auch die Darmtätigkeit günstig beeinflussen. Auch hier muss der Impulsgeber unter die Haut implantiert und dann mit einem mobilen Gerät von außen gesteuert werden.
      Viele Grüße
      Nikola Hahn