Barrierefreies Pilgern – Der Weg ist das Ziel

Wer pilgert, begibt sich auf eine Reise zu Gott, bei der er im besten Fall sich selbst findet. Diese spirituelle, sinnsuchende Erfahrung steht Rollstuhlfahrern genauso offen wie allen anderen – und Rollstuhlpilgern ist nicht nur auf dem Jakobsweg möglich.

Bild 134027948 copyright muratart, 2013 Mit Genehmigung von Shutterstock.com

Pilgern ist eine einzigartige Kombination aus physischen und psychischen Erlebnissen. Wer pilgert, überläßt seinen Körper der Straße, über die er rollt. Die Arme treiben an, bewegen den Rollstuhl vorwärts, Kilometer um Kilometer. Muskeln und Herzkreislaufsystem erfahren eine konstante Anstrengung; Steigungen auf dem Pilgerpfad sind Herausforderungen, die es zu meistern gilt.

Und während aus der Aufgabe, das Etappenziel am Ende das Tages erreicht zu haben, ein Automatismus wird, der den Körper beschäftigt hält, befreit sich der Geist und ist offen für die neuen Eindrücke und Erfahrungen, die das Pilgern mit sich bringt. In der Natur, durch die man sich bewegt, unter dem freien Himmel ist man dem Alltag und seinen Sorgen so fern wie nur irgend möglich. Nun hat man die Chance zur gedanklichen Ruhe zu kommen, zu Gott oder zu sich selbst zu finden, Stille wahrzunehmen und in der Stille Antworten zu hören, auf Fragen, von denen man bisher vielleicht noch nicht einmal wusste, dass man sie hat.

Pilgern: Ein Trend

Wenn man sich umsieht, wird eines schnell deutlich: Pilgern ist angesagt. In Zeitschriften und auf dem Büchermarkt taucht seit ein paar Jahren eine Fülle von Pilgerführern und Erfahrungsberichten über Pilgerreisen auf. Touristikfachleute und Wirtschaftsministerien bemühen sich um den Ausbau von alten und die Entwicklungen von neuen Pilgerwegen und auch auf die Barrierefreiheit wird zunehmend geachtet. Die Initiative „Pilgern bewegt“ hat dieses Bedürfnis der Menschen nach Sinnsuche und Spiritualität erkannt und sich zum Ziel gesetzt, kontemplatives Pilgern in Deutschland zu fördern, alte Pfade zu reaktivieren bzw. neue zu entdecken und sie allen Menschen barrierefrei zu öffnen.

„Barrierefreiheit bedeutet dabei nicht nur das Schaffen einer Zugangsmöglichkeit für Rollstuhlfahrer und gehbehinderte Menschen“, so die Initiative, „sondern auch das Einbeziehen von Begleitpersonen oder das Schaffen von Hilfestellungen für Sehbehinderte und Gehörlose.“

Pilgern bewegt – Barrierefreie Routen

Auf ihrer Website stellt „Pilgern bewegt“ fünf Routen vor, die bereits hinsichtlich ihrer Barrierefreiheit gesichtet und bewertet wurden:

  • Franken-Schwaben-Route (Aschaffenburg – Lindau am Bodensee) Zum kostenlosen Download der Beschreibung geht es hier.
  • Bischofsroute (Hannover – Köln) Zum kostenlosen Download der Beschreibung geht es hier.
  • Weinroute (Koblenz – Konstanz) Zum kostenlosen Download der Beschreibung geht es hier.
  • Fontaneroute (Chorin bis Dresden) Zum kostenlosen Download der Beschreibung geht es hier.
  • Hanse-Route (Stralsund bis Bremen) Zum kostenlosen Download der Beschreibung geht es hier.

Zudem gibt die Initiative Hilfestellungen, wie man sich optimal auf das Pilgern vorbereitet, so dass der Weg nicht zu einem planlosen Laufen mit vielen unerfreulichen Überraschungen oder – bei aller Hoffnung auf Gottes Beistand – zu einem gedankenlosen, blinden Gottvertrauen wird. Folgende Fragen sollte man sich im Vorfeld stellen:

  • Wohin gehe ich?
  • Warum gehe ich? Woher komme ich?
  • Wie gehe ich?
  • Wer geht mit?
  • Was brauche ich auf dem Weg?

Egal, ob man sich auf einen kurzen oder einen langen Pilgerweg macht, diese ehrlichen Fragen an sich selbst helfen, sich bewusst und vorbereitet auf die Reise zu machen und diese auch mit Gewinn durchzustehen. Nähere Erläuterungen zu den Fragen gibt es hier. Als Rollstuhlfahrer wird man sie jedoch aus einem andern Blickwinkel betrachten und anders beantworten müssen. Denn während die Frage nach der spirituellen Motivation für alle gleich bleibt, sind die körperlichen, logistischen und organisatorischen Herausforderungen an einen Querschnittgelähmten je nach individueller Situation deutlich anders.

Auch interessant: Rollstuhlwandern in Baden-Württemberg

Rollstuhlpilger Felix Bernhard

Jemand, der mit dem Rollstuhlpilgern sehr viel Erfahrung sammeln konnte, ist Felix Bernhard. In zwei Büchern „Dem eigenen Leben auf der Spur: Als Pilger auf dem Jakobsweg” und „Weglaufen ist nicht. Eine andere Perspektive aufs Leben“ berichtet er über seine Reisen. Siehe hierzu: Rollstuhlpilger Felix Bernhard

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