Pole Wheeling – Nordic Walking für Rollstuhlfahrer

Phantasielose Menschen würden wohl davon ausgehen, dass eine Sportart, die Nordic Walking (dt.: Nordisches Gehen) heißt, für Rollstuhlfahrer ebenso wenig zu adaptieren ist wie z. B. Steppen. Weit gefehlt! Pole Wheeling (auch: Nordic Rolling) ist der aufsteigende Stern am Rollstuhl-Fitnesshimmel, der mit mehreren Vorteilen für die Gesundheit aufwarten kann.

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Beim Pole Wheeling, auch Nordic Rolling genannt, der Rollstuhlvariante des Nordic Walkings, werden in der Länge angepasste Stöcke (den sog. poles) verwendet, um den Rollstuhl anzutreiben. Mit den Stöcken stößt man sich selbst und den Rollstuhl vom Boden ab. Mit der richtigen Technik bietet das Pole Wheeling u. a. ein effektives Muskel- und Herz-Kreislauftraining.

Pole Wheeling – Die Alternative

Einen Rollstuhl auf die herkömmliche Art und Weise anzutreiben, kann die Schultermuskulatur (siehe: Die Schulterproblematik bei Querschnittlähmung) und die Handballen bzw. –gelenke (siehe: Karpaltunnelsyndrom bei Rollstuhlfahrern) stark beanspruchen. Zudem wird die stabilisierende Tiefenmuskulatur durch diese Bewegungsart kaum trainiert.

Angetrieben wird der Rollstuhl, indem man sich mit beiden Stöcken gleichzeitig vom Boden abstößt....

Angetrieben wird der Rollstuhl, indem man sich mit beiden Stöcken gleichzeitig vom Boden abstößt….

Das Pole Wheeling stellt eine Alternative dar, die vielleicht nicht für jeden überall geeignet ist (ausreichend Kraft in Armen und Rumpf muss gegeben sein, vor allem bei Steigungen), die jedoch bei richtiger Anleitung ein gutes Training für Arme, Schultern, Brust-, Rücken- und Tiefenmuskulatur darstellt. Zudem kann man auch eine ganz erstaunliche Geschwindigkeit bei dieser Art der Fortbewegung erreichen, was zum Spaßfaktor dieser Sportart beiträgt.

Vorteile im Überblick:

  • Herz/Kreislauf werden beansprucht
  • Stoffwechsel wird angeregt
  • Muskeln (auch die Tiefenmuskulatur) werden trainiert
  • Knochen werden gestärkt
  • Schultern und Handballen bzw. Handgelenke werden geschont
  • Bewegung an der frischen Luft hebt die Stimmung

Das Training wirkt somit prophylaktisch gegen:

Poles und Stopper

Das Ausschlaggebende am Pole Wheeling sind natürlich die Poles bzw. Stöcke (Teleskopstöcke), die verwendet werden. Beim Kauf muss darauf geachtet werden, dass die Stöcke in der Länge angepasst werden können. Achtung: Die meisten Standardmodelle sind nicht geeignet, da die kürzeste Einstellung (excl. Griff) bei über einem Meter liegt. Das ist zu lang; die Länge muss auf 60 – 80 cm (excl. Griff) anpassbar sein, da sich der gewünschte positive Trainingseffekt sonst ins Gegenteil verkehrt.

Die optimale Länge lässt sich so ermitteln:

Kurven fahren: Besonders elegant!

Kurven fahren: Besonders elegant!

  • Der Fahrer sitzt aufrecht im Rollstuhl.
  • Schulter und Ellbogen bilden eine Linie.
  • Unterarm und Oberarm stehen im rechten Winkel zueinander.
  • Wenn die Hand nun den Griff des Teleskopstocks umschließt,
    sollte dieser gerade so lange sein, dass er senkrecht auf dem Boden aufsteht.

Die Stopper an der Spitze der Teleskopstöcke werden für den Antrieb benutzt und erfahren daher, anders als bei der Fußgängervariante, eine deutlich höhere Beanspruchung. Zudem erhöhen ungeeignete Stopper die Rutschgefahr beim Antreiben. Sie sollten so breit wie möglich und aus widerstandsfähigem Material sein.

 

Wer vom Pole Wheeling so viel wie möglich profitieren möchte, sollte folgendes beachten:

An das Bremsen mit den Stöcken in der Hand, muss man sich erst gewöhnen.

An das Bremsen mit den Stöcken in der Hand, muss man sich erst gewöhnen.

  • Vor Trainingsbeginn muss neben einem medizinischen Check-up unbedingt eine Unterweisung durch eine Fachperson (Physiotherapeut, Sporttherapeut, Sportmediziner, Fitnesstrainer, etc.) erfolgen.
  • Überanstrengung vermeiden! Wer neu mit dem Pole Wheeling anfängt, sollte langsam und stetig Kondition aufbauen; eine Überanstrengung während anfänglichem Enthusiasmus wäre mehr schädlich als hilfreich.
  • Durch den Antrieb mit den Stöcken gibt man etwas von der Kontrolle über den Rollstuhl ab. Das Antreiben und vor allem das Lenken, Wenden und Bremsen mit den Stöcken muss man üben, bevor man richtig schnell wird.
  • Die Arme sollten beim Antreiben relativ gerade und eng am Körper bzw. am Rollstuhl gehalten werden. Auf diese Weise werden die großen Rückenmuskeln mehr beansprucht und aufgebaut.
  • Die Handschlingen sollten eng anliegen (aber keinesfalls einschnüren), um die Kraftübertragung zu verbessern.
  • Die Reifen an den Rollstuhlrädern sollten voll aufgepumpt sein, um Reibungsverluste zu vermeiden.
  • Der Belag auf der Straße, die man befährt, sollte relativ eben sein. Unebenheiten in der Straße stellen vor allem bei großer Geschwindigkeit eine Gefahr dar.
    Richtig gut aufgehoben ist man für ein Rennen auf der 400 Meter Bahn lokaler Sportanlagen.
  • Wer richtig schnell fahren möchte, trägt sicherheitshalber besser einen Helm.

Für wen ist Pole Wheeling geeignet?

Grundsätzlich ist Pole Wheeling für jeden geeignet, doch muss die individuelle Situation des Einzelnen berücksichtigt werden. Wie oben erwähnt, muss, wenn man auf Strecken mit Steigungen fahren möchte, ausreichend Kraft in Armen und Rumpf vorhanden sein. Bei Tetraplegikern sollte zumindest die Trizepsfunktion gegeben sein, wenn Pole Wheeling als Freizeitsport betrieben werden soll.

Pia beim Pole Wheeling auf Mallorca.

Pia beim Pole Wheeling auf Mallorca.

Fitness Coach Stefan Lange meint zum Pole Wheeling: „Wenn man ein Vorspannrad (siehe: Das Vorspannrad: Ein fünftes Rad am Rollstuhl) verwendet, könnte aus dem Pole Wheeling eine Trendsportart werden, die es vom Trainingseffekt her mit Fahren im Rennrollstuhl aufnehmen kann!“

Off-Road Pole Wheeling

Leserin Pia Ina bestätigt Langes Vermutung: “Mit einem FreeWheel macht das noch mehr Spaß!“ sagt sie. Mit einem Vorspannrad geht Pole Wheeling nämlich sogar am Strand.

 

Für mehr von und mit Stefan Lange siehe: Stefan Lange über Sport und Gesundheit bei Querschnittlähmung.

 

Fragen & Kommentare

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  1. Karsten Reddemann 14.10.2014, 20:17 Uhr

    Hallo, ich interessiere mich für Pole Wheeling. Gibt es denn schon in Deutschland ganz speziell in Berlin Therapeuten die sich damit auskennen bzw. anbieten. Oder wird es als Kurs in der Manfred Sauer Stiftung angeboten? Danke MfG Karsten Reddemann

    • Tanja Konrad 15.10.2014, 09:42 Uhr

      Guten Tag Herr Reddemann,
      soweit wir wissen, werden zum Pole Wheeling derzeit noch keine Kurse durchgeführt; auch in der Manfred-Sauer-Stiftung nicht. Im Herbst 2015 wird hier von Stefan Lange eine Fitnesswoche betreut werden, in der neben Badminton, Tischtennis und Gerätetraining auch – aber nicht ausschließlich – Pole Wheeling angeboten werden wird. Das Kursprogamm wird in wenigen Tagen veröffentlicht werden.
      Grundsätzlich glauben wir aber, dass das Pole Wheeling dem Fahren mit dem Langlaufschlitten ähnlich genug ist, dass jeder Trainer, der diese Sportart unterrichtet, auch eine Einweisung ins Pole Wheeling geben könnte. Schauen Sie mal beim DRS.
      Viele Grüße
      Tanja Konrad