Gelesen: Das Leben des Aktivisten Raúl Krauthausen

Raúl Aguayo-Krauthausen befindet sich in einem Dilemma: Einerseits möchte er zeigen, dass seine Behinderung nur eine von vielen Eigenschaften ist, andererseits wäre sein Tun wohl kaum eine Biografie wert, hätte er nicht seine ganz eigene Rollstuhlperspektive auf das Leben.

Cover Dachdecker neu

 

Krauthausen lebt in einer Welt, die auf den ersten Blick voller Hindernisse zu sein scheint: Jede Stufe kann das Ende eines Weges bedeuten, jede unachtsame Bewegung seine empfindlichen Knochen brechen, und nicht mal eine Tütensuppe kann er sich ohne Hilfe zubereiten. Kleinwüchsig und mit sogenannten Glasknochen geboren, benutzt er einen elektrischen Rollstuhl und nimmt jeden Tag wahr, dass andere an ihm als Erstes sein offensichtliches Handicap registrieren.

Erst nach und nach offenbart sich ihm, dass diese besondere Welt auch Wege bereithält, die ihn direkter ans Ziel bringen als andere, trotz aller Stufen. Zum Beispiel in eine authentische asiatische Küche, in der er mit Kommilitonen den ersten richtigen Feldversuch seines neues Studiengangs bewältigen kann – „Meine Behinderung war überhaupt kein Nachteil gewesen!“, stellt er verblüfft fest und beschließt an diesem Tag, sie einfach anzunehmen.

„Wenn ich aus mir herausgucke, fühle ich mich nicht behindert“

Da ist Raúl schon Mitte 20 und hat in seinem bisherigen Alltag viel getan, um seinem Handicap möglichst wenig Raum zu geben: Er spricht ungern darüber, übersteht erschüttert die Bundesjugendspiele an seiner Regelschule und meidet Veranstaltungen wie die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Osteogenesis imperfecta (Glasknochen; OI).

Später studiert er Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation und Design Thinking. „Bei diesem unkonventionellen Studiengang sah ich die Chance, einmal nicht als der Mobilitätseingeschränkte im Rollstuhl, als der mit den Glasknochen wahrgenommen zu werden.“ Immer wieder ist ihm wichtig, das Attribut in seine Schranken zu weisen. Aber sie sind dennoch da, die Blicke der anderen, die Knochenbrüche, die Assistenzkräfte, die Stufen und Steine. Mädchen interessieren ihn, er sie aber nicht so wie erhofft.

„Wenn ich aus mir herausgucke, fühle ich mich nicht behindert“, schreibt er und wächst doch mehr oder weniger unfreiwillig in die Rolle des „Berufsbehinderten“. Denn Raúl Krauthausen hat nicht nur mit „Dachdecker wollte ich eh nicht werden“ das Leben aus der Rollstuhlperspektive beschrieben, sondern ist auch durch Auftritte in Talkshows, seine Projekte Sozialhelden, Leidmedien oder die interaktive Landkarte wheelmap – alle im thematischen Dunstkreis von Behinderung – bekannt geworden. Dass er auch Engagement und Einfallsreichtum an den Tag legt, wenn es nicht ums Behindert-Sein oder Behindert-Werden geht, fällt dabei fast ein bisschen unter den Tisch.

„Ich wünsche mir, dass Menschen mit Behinderung ihre Stimme erheben“

Dennoch führt Wikipedia den in Berlin lebenden Freidenker als „Aktivisten“, bemerkt Roger Willemsen jubelnd im Vorwort zu seinem Buch. „Wie habe ich mich gefreut, als ich das las!“ Tatsächlich erwähnt die freie Enzyklopädie erst zu Ende der Beschreibung, dass Krauthausen selbst von einer Behinderung betroffen ist. Vorangestellt wird sein soziales Engagement, etwa das Spendenprojekt Pfandtastisch helfen, mit dem er in Supermärkten zur Spende von Pfandbons für soziale Projekte aufruft.

Aber Krauthausen ist prädestiniert für die Einmischung in Behindertenfragen, er kennt die mentalen und baulichen Hürden, und ihm kommen stetig neue Einfälle, um ihnen offensiv zu begegnen. Längst hat er gelernt, auch dazu zu stehen: „Ich wünsche mir, dass sich Menschen mit Behinderung fragen, wie sie gesehen werden wollen, und dass sie ihre Stimme erheben.“

Seine Stimme ist präsent; in der „Szene“ kommt man um Raúl Krauthausen kaum mehr herum, und das ist gut so. Seine Biografie bietet für Betroffene wohl nur begrenzten Erkenntnisgewinn: schiefe Blicke und kaputte Fahrstühle haben sie selbst im Leben genug. Alltägliche Unwägbarkeiten beschreibt Krauthausen – in Zusammenarbeit mit Marion Appelt – nämlich durchaus detailliert und richtet sich damit vielleicht mehr an Personen, denen die Schwierigkeiten mobilitätseingeschränkter Personen weniger vertraut sind.

Individueller und spannender lesen sich die Erfahrungen, die er mit privaten Beziehungen macht, und die Entwicklung seiner Persönlichkeit durch den ehrlichen Umgang mit schmerzhaften, aber auch inspirierenden und bestärkenden Erfahrungen. Von scheinbar unerschöpflicher Energie und Leidenschaft getragen, bringt diese Entwicklung immer neue Initiativen hervor. Sie führt ihn enger zu sich selbst und nicht zuletzt auch in eine glückliche Partnerschaft.

Ohne seine Ideen, Tatkraft und viele andere Eigenheiten wäre Raúl Krauthausen kein Aktivist geworden, ohne seine Behinderung vielleicht beliebiger und weniger zielgerichtet für eine Sache eingetreten, die Leute wie ihn braucht. Erfolgreich, effektiv und befriedigend für Krauthausen und andere ist sein Tun in genau dieser Kombination – ein Dilemma, das er längst ins Gegenteil verwandelt hat.

Raúl Aguayo-Krauthausen mit Marion Appelt: Dachdecker wollte ich eh nicht werden – Das Leben aus der Rollstuhlperspektive, 254 Seiten, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2014. Preis: 15,99 Euro.

 

 

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