Die Triathlon Chroniken III – Flügel für Rollstuhlfahrer

Manche Herausforderungen lassen Sportler Leistungen erbringen, von denen sie nicht ahnten, dass sie ihrer fähig sind. Belohnung ist, jedem Handicap zum Trotz, ein Gefühl der Unbesiegbarkeit. Geoff Matesky, beschreibt die Empfindungen, die er während seines ersten Triathlon hatte, mit den Worten „…als wären mir plötzlich Flügel gewachsen“.

 

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07. September – Wettkampftag

„Die See vor Long Island ist rau; Schaum tanzt auf den Wellen. Es ist 6:40 Uhr früh am Wettkampftag, bei einer Lufttemperatur von nicht ganz 10 Grad Celsius, und die Meute gehandicapter Athleten, von der ich Teil bin, wartet in der kniehohen Brandung auf das Startsignal.

Riesige weiße Bojen hüpfen in einiger Entfernung auf dem Wasser. Knollig und surreal sehen sie ein bisschen wie Requisiten aus Die Tribute von Panem aus, und markieren die Streckenabschnitte des 0,8 Kilometer langen Wettschwimmens, mit dem der Triathlon beginnt, den ich beenden werde – koste es was es wolle. Der Startschuss fällt.

‚Ich hab es unter Kontrolle‘, sage ich mir, als Wellen und Strömung alles sabotieren, was wie ein echter Schwimmzug aussehen könnte und meine saubere Armarbeit in ein hilfloses, spastisches Zappeln verwandeln. Vor zwei Jahrzehnten schwamm ich bei den Paralympics in Barcelona  und wurde Siebter im 100 Meter Brustschwimmen der Männer. Doch jedes Mal, wenn ich meinen Kopf aus dem Salzwasser hebe, scheint die erste auf den Wogen tanzende Boje keinen Deut näher gekommen zu sein.

‚Wenn dies das Ende ist‘, denke ich, während ich nach Luft schnappe, ‚sollen die Leute wenigsten sagen, dass ich mich tapfer geschlagen habe.‘  

Schlüsseldaten

Ich bin glücklich mitteilen zu können, dass ich nicht nur heil am Ufer angekommen bin, sondern dass ich auch das Handbike- und das Rollstuhlrennen überlebt habe. Hier einige Schlüsseldaten:

  • Gesamtzeit:  2 Stunden, 18 Minuten
  • Wetter: meist sonnig, Wind von Süd/Südwest, Windstärke: 5 mph
  • Ohrwurm, der mich die ganze Zeit über verfolgte: Sweet Thing von Van Morrison
  • Aussichten: Nächste Jahr unterbiete ich auf jeden Fall die Zwei-Stunden-Marke

Meine Ausrüstung war ein bisschen so wie ich: älter und etwas mitgenommen – aber wir haben es hingekriegt. Am besten schnitt ich beim Schwimmen ab, während das 19,3 Kilometer Handbike-Rennen meine Achillesferse war.  Ich hatte riesiges Pech, als die Kette meines vergleichsweise vorsintflutlichen Handbikes absprang, als ich versuchte in einen tieferen Gang zu schalten. Die Gangschaltung funktioniert nämlich nicht richtig, wenn es kälter als 16 Grad Celsius ist.

Überraschenderweise war ich auch ganz gut im Rennrollstuhl unterwegs. Ich hatte ja darüber geschrieben, wieviel Sorgen ich mir machte, weil das Antreiben des unstabilen Gefährts doch schwieriger war, als ich mir vorgestellt hatte. Mit ein paar kleinen Anpassungen schaffte ich es dann aber doch ganz gut voranzukommen ohne mich dabei völlig zu verausgaben. Meine Zeit lag bei 23 Minuten auf 4,8 Kilometern.

… als wären mir plötzlich Flügel gewachsen.

Es war irgendwann während des Handbike-Rennens, in mitten unzähliger anderer Biker, auf der mörderischen Strecke durch die hügeligen Wohngebiete von Madison, CT als ich aufhörte mich zu fragen, was ich hier eigentlich tat. Ich hatte mein Hochgefühl, mein „Runner‘s High“, erreicht, den Punkt, an dem der Schmerz in den Gliedern aufhört wahrnehmbar zu sein und alle Gedanken daran, dass man es woanders bequemer hätte, ersetzt werden durch das Gefühl im Hier und Jetzt einfach nur für den Moment zu leben. Von da an war ich nur noch das in sich abgeschlossene und autarke Produkt meiner eigenen Antriebskraft. Es gibt nur noch eine einzige Richtung: vorwärts. Für jemanden, der seit über 27 Jahren im Rollstuhl sitzt, war dieses Gefühl so ähnlich als wären mir plötzlich Flügel gewachsen.

Manchmal bedarf es einer impulsiven Entscheidung, aller Logik zum Trotz, um sich selbst aus der eigenen Komfort-Zone zu nötigen. Für mich geschah das, als ich mich – fast 50-jährig und schrecklich außer Form geraten, ohne irgendwelche Erfahrungen auf die ich hätte zurückgreifen können – im April zu einem Triathlon anmeldete. Unter den gegebenen Umständen wäre es sicherlich einfacher für mich gewesen mir den Unsinn wieder auszureden, wenn ich mir Zeit genommen hätte darüber nachzudenken. Aber dann, auf der Straße, mitten im Rennen wurde mir klar, dass – so müde und körperlich erschöpft ich auch war – ich hierher gehörte. Dies ist meine Komfort-Zone. Wo unterschreib ich für mehr?

***

Mehrere Wochen sind seit dem Triathlon nun vergangen und ich nehme mir immer noch Zeit für’s Handbiken und finde immer wieder neue Entschuldigungen, um den geliehenen Rennrollstuhl noch nicht zurückgeben zu müssen. In wenigen Tagen nehme ich an einem 5K (fünf Kilometer) Rennen teil. Um Stacia, meine Trainerin und Vorsitzende des Triathlon-Clubs, zu zitieren: ‚Ich bin froh zu sehen, dass du nicht süchtig bist oder so…‘ „

Siehe auch:

Die Triathlon-Chroniken I – Wie eine Ente im Wasser

Die Triathlon-Chroniken II – Der Rennrollstuhl aus der Hölle

 

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