Atemhilfs- und Überlebenstechniken bei Querschnittlähmung mit Atemlähmung

Bei einem großen Teil der von einer Querschnittlähmung betroffenen Menschen ist die Atmung mit betroffen. Und nach wie vor stehen pulmonale Komplikationen bei den Todesursachen querschnittgelähmter Menschen ganz oben.

Bei der Betrachtung des Themenkomplexes Atmung und Querschnittlähmung ist es sinnvoll, zwei natürlich eng zusammengehörende Bereiche für sich zu betrachten. Auf der einen Seite steht die Atmung an sich, also die Ventilation um unverbrauchte Raumluft in die Lunge zu bekommen und verbrauchte Luft wieder abzuatmen. Und auf der anderen Seite steht die Fähigkeit abzuhusten, also angesammeltes Sekret selbständig aus der Lunge hinaus zu befördern.

Für beide Bereiche gibt es Techniken und gerätetechnische Möglichkeiten zur Unterstützung, selbst beim völligen Ausfall der Eigenatmung. Also bei Lähmungshöhen unterhalb des zweiten Halsmarksegmentes und darüber.

Darüber hinaus gibt es als Atemhilfstechniken die Platysmaatmung und die Glossopharyngealatmung. Bei beiden handelt es sich um Atemtechniken, welche dazu dienen, eine Atmung ohne Zwerchfellfunktion durchzuführen. Dies über Minuten, bei gutem Training auch über Stunden oder über den ganzen Tag im Wachzustand. Im Wachzustand deshalb, da es sich um bewusst durchgeführte Bewegungen handelt. Bei beiden Atmungen handelt es sich nicht um eine Atmung, welche die physiologische Atmung über 24 Stunden ersetzen kann.

Die Froschatmung kommt ursprünglich aus der Zeit der großen Polio-Epidemien (um die Jahrhundertwende 18./19. Jahrhundert, bis in die 1950er Jahre hinein) und ist bei querschnittgelähmten Menschen nach Wissens des Autors nicht weit verbreitet.

Dieser Artikel beschreibt beide Atemtechniken und gibt Hinweise, für wen diese sinnvoll sind und was sie leisten können.

Platysmaatmung

Abbildung 1: Der Platysma-Muskel (Gille, 2013)

Abbildung 1: Der Platysma-Muskel (Gille, 2013)

Im BG Unfallkrankenhaus Hamburg erlernen Menschen mit einer kompletten Atemlähmung bei erhaltener muskulärer Kopfkontrolle die so genannte Platysma-(Notfall)atmung. Diese ermöglicht es ihnen, unabhängig vom Respirator, bewusst mehrere Minuten bis über Stunden hin zu atmen. Die Betroffenen sind tracheotomiert und vital vom Respirator abhängig.

Genutzte anatomische Strukturen

Genutzt wird für diese Atemtechnik der Platysma-Muskel (Musculus cutaneus), welcher ein Hautmuskel ist und unter der Halshaut liegt. Er wird der mimischen Muskulatur zugerechnet und hat keinen Kontakt zum Skelett. Siehe Abbildung 1:

Das Erlernen der Technik

Die ersten Schritte zum Erlernen der Platysmaatmung werden durch die Physiotherapie passiv angeleitet. Es ist im Regelfall nicht möglich, diese Atmung sofort über Minuten oder gar Stunden suffizient durchzuführen.

Um einen Atemzug durchzuführen, muss die gelähmte Person das Gesicht ‚grimmig‘ verziehen und den Kopf nach vorne schieben. Dabei spannt sich der Platysmamuskel an und es kommt zu einer Volumenzunahme im Thorax, und somit auch der Lunge. Durch den entstehenden Unterdruck strömt dann Luft primär über die Trachealkanüle ein.

Die Bewegung wird anfangs durch die Physiotherapie geführt, bis der Patient sie sicher beherrscht und sich zutraut, auch länger vom Respirator diskonnektiert zu werden. Das Atemzugvolumen liegt dabei bei den ersten Übungen nur im zehntel Milliliterbereich. Gut trainiert können allerdings bis zu mehreren hundert Milliliter Volumen inspiriert werden. Dann kann eine Zeit lang bei guten Vitalparametern mit dieser Bewegung geatmet werden. Dies eignet sich zum Beispiel für den Transfer in den Rollstuhl oder auf eine Duschtrage.

Primär ist diese Atemtechnik aber als Überlebensatmung gedacht. Jedes Beatmungsgerät kann ausfallen oder das Schlauchsystem des Respirators diskonnektiert. Wird dann nicht sofort Fremdhilfe geleistet, sprich der Respirator wieder angeschlossen oder per Handatembeutel beatmet, so ist die atemgelähmte Person vital bedroht. Mit Hilfe der Platysmaatmung kann solch eine Situation über einen bestimmten Zeitraum überbrückt werden. Je nach Trainingsstand.

Tracheostoma

Tracheostoma

Wer kann die Platysmaatmung erlernen und wo liegen die Ausschlusskriterien?

Um diese Atemtechnik erlernen zu können, ist eine muskuläre Kopfkontrolle notwendig. Liegt das Lähmungsniveau bei C1 oder C0 kann die Platysmaatmung nicht erlernt werden, da der Kopf nicht aktiv bewegt und gehalten werden kann.

Grundsätzlich ist es für diese Technik nicht notwendig, tracheotomiert zu sein. Allerdings erleichtert es die Platysmaatmung sicherlich, da der Atemwegswiderstand beim Atmen über Mund und Nase größer, und somit das Atmen anstrengender ist. Erfahrungen mit dem Erlernen der Platysmanotfallatmung OHNE Tracheostoma liegen dem Autor nicht vor.

Des Weiteren handelt es sich wie bereits erwähnt um eine bewusst eingesetzte Atemtechnik. Sie automatisiert sich nicht derart, dass sich auch schlafend weiter durchgeführt wird.

Macht Platysmaatmung Sinn, wenn physiologische Restatmung vorhanden ist?

Bei einer hohen Halsmarklähmungen mit eingeschränktem Atemzugvolumen und einer verringerten Vitalkapazität kann durch das Erlernen der Platysmaatmung ein positiver Effekt erreicht werden. Mit ihr können dann punktuell die genannten Volumina gesteigert werden, was im Sinne der Atelektasenprophylaxe sinnvoll ist. In der Praxis wird dies nach Wissen des Autors aber nicht durchgeführt. Diese Lähmungshöhen mit Restatmung profitieren von einer regelmäßigen Überdruckinhalation (IPPB-Therapie) und/oder einer nächtlichen Maskenbeatmung bei alveolärer Hypoventilation im Schlaf.

Glossopharygealatmung – ‚Froschatmung‘

Im Gegensatz zu der oben beschriebenen Platysmaatmung nutzt die Glossopharyngealatmung keine Anteile der Atem- und Atemhilfsmuskulatur. Bei dieser Atmung wird Luft über Schluckbewegungen in die Lunge geführt. Ein wichtige Rolle spielen dabei die Koordination von Zunge und Rachen, deren griechische Wortstämme das Wort Glossopharyngeal bilden: ‚glossa’ = die Zunge und ‚pharynx’ = der Rachen.

Die deutsche Bezeichnung Froschatmung trifft aber ebenfalls gut zu, da Frösche wie alle Amphibien über Schluckbewegungen Luft in ihre Lungen pressen. Amphibien besitzen keinen Rippenthorax und kein Zwerchfell, um in ihrer Lunge einen Unterdruck zu erzeugen (wikipedia, 2014).

Genutzte anatomische Strukturen

Anatomisch genutzt werden bei der Glossopharyngelatmung die komplette Mundhöhle und der Rachen (Pharynx), wobei die Haupt ‚Pump‘-Arbeit bei der Zunge liegt. Koordinativ kommt dem Kehlkopf (Larynx) noch die sehr wichtige Funktion der Steuerung der Luft in die Atemwege zu. Denn physiologisch verschließt der Kehldeckel (Epiglottis) beim Schluckvorgang die Luftröhre, um das Eindringen von Speichel oder Nahrung in die Lunge zu vermeiden. Soll Luft in die Lunge geschluckt werden, so muss der Kehldeckel bei dem Schluckvorgang die Atemwege frei geben. Sonst wird die Luft in den Magen geschluckt, es kommt zur Aerophagie.

Der zuständige Nerv für die Durchführung ist der Nervus glossopharyngeus(wikipedia, 2014).

Das Erlernen der Technik

Vorweg sei gesagt, dass der Autor dieses Artikels zwar Menschen die Froschatmung hat durchführen sehen und Vorträge darüber gehört hat. Es liegen keinerlei eigene Erfahrungen mit der Glossopharyngealatmung vor. Für weitere Informationen und kompetente Ansprechpartner zum Erlernen der Froschatmung sei auf die Webseite www.froschatmung.de verwiesen. Neben Kontaktdaten gibt es die Möglichkeit über ein Onlineformular einen 44 minütigen Film über die Technik der Froschatmung zu erwerben. Das einzige dem Autor bekannte Querschnittgelähmtenzentrum, in welchem die Froschatmung gelehrt wird ist das Schweizer Paraplegikerzentrum in Nottwil.

Die Technik selbst wird in mehreren Schritten gelehrt, da die Koordination für das Schlucken der Luft Übung erfordert. Um eine suffiziente Atmung über die Glossopharyngealatmung zu erreichen, muss mehrfach Luft in die Lunge geschluckt werden. Wo gesunde Menschen also einen Atemzug machen, muss per Froschatmung mehrfach Luft geschluckt werden. Dafür wird möglichst viel Luft in den Mundraum genommen, um dann bei fest verschlossen Lippen von Zunge und Gaumen die Luft in die Lunge zu pressen. Dies wie oben beschrieben bei offenem Kehldeckel.

Apnoetaucher

Angeblich nutzen auch Apnoetaucher das Luftschlucken nach gleicher Technik, um ihre Vitalkapazität zu erhöhen. Dadurch können sie länger unter Wasser bleiben. Der Rekord liegt bei über elf Minuten Luft anhalten mit einem Atemzug (wikipedia, 2014).

Wer kann die Froschatmung erlernen, wo liegen die Ausschlusskriterien?

Grundsätzlich kann die Froschatmung jede Person erlernen, welche koordinativ dazu in der Lage ist. Ein Tracheostoma ist kein Ausschlusskriterium, wenn dieses gut abgedichtet werden kann. Liegt eine Bulbärsymptomatik vor, wie es zum Beispiel bei der amyotrophen Lateralsklerose (ALS) vorkommen kann, so kann der Kehldeckel nicht mehr gesteuert werden und die Glossopharyngealatmung ist mehr möglich.

Zusammenfassung Atemhilfstechniken

Bei beiden Atemtechniken handelt es sich um bewusste Atemtechniken, welche unter Anleitung erlernt werden müssen. Bei der Platysmaatmung wird ein Unterdruck aufgebaut und bei der Glossopharyngealatmung wird mit Hilfe von Schluckbewegungen Luft in die Lungen gepresst, also mit Überdruck gearbeitet.

Sind die benötigten anatomischen Strukturen inklusive der cerebralen und nervalen Steuerung intakt, so können diese Techniken erlernt werden. Sie dienen entweder als bewusste Überlebensatmung, oder als Technik, um die Vitalkapazität punktuell zu erhöhen. Dabei ist die Froschatmung zum Erhöhen der Vitalkapazität wahrscheinlich effektiver, Studien diesbezüglich sind dem Autor nicht bekannt.

Beide Atemtechniken können soweit trainiert werden, dass selbst bei kompletter Atemlähmung ein bewusstes Atmen über Stunden möglich ist. Was Unabhängigkeit von einem Respirator für diesen Zeitraum bedeutet. Für den Fall des Versagens der Atemhilfstechnik muss aber unmittelbar eine Möglichkeit zur Beatmung zur Verfügung stehen. Des Weiteren muss ein effektives Sekretmanagement möglich sein.

Insgesamt ist die Anzahl der Menschen, welche die Platysma- oder Glossopharyngealatmung aktiv nutzen, wahrscheinlich eher gering.

Für Hinweise, Anregungen und Fragen zu diesem Artikel steht der Autor gerne zur Verfügung. Gerade von Menschen, die die beschriebenen Techniken nutzen, wäre ein Erfahrungsbericht wertvoll.

Für weitere Informationen siehe:

www.froschatmung.de

www.ferdinand-schiessl.com

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