Ruhelosigkeit in den Beinen: Das „Restless-Legs-Syndrom“

Ein unangenehmes Kribbeln, Ziehen, Schmerzen in den Beinen, verbunden mit unnatürlichem Bewegungsdrang, könnten Anzeichen für das Restless-Legs-Syndrom (RLS) sein, wenn sie unter bestimmten Vorzeichen immer wieder auftreten. 

Bild 71069563 Copyright Piotr Marcinski, 2013. Mit Genehmigung von Shutterstock.com

Abends auf dem Sofa, wenn der Tatort in den letzten Zügen liegt, geht`s los: Die Muskeln im Oberschenkel beginnen zu zucken, ein Ziehen breitet sich aus und der Drang, das Bein anzuspannen oder durch Bewegung zu belasten. Wem das als Rollstuhlfahrer passiert, kann die Beschwerden nicht einmal durch Herumlaufen lindern. Aber auch in ihrer Mobilität uneingeschränkte Menschen können kaum ständig in Bewegung bleiben. Tritt das Syndrom verschärft auf, raubt es den Betroffenen den Schlaf, bricht Phasen der Ruhe und Entspannung immer wieder ab und macht effektive Erholung schier unmöglich.

Formen des RLS

Das RLS zählt zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen. Etwa drei bis 10 % der europäischen Bevölkerung sind davon in unterschiedlicher Ausprägung betroffen. In vielen Fällen stören die Symptome zwar, sind aber vorübergehend und beeinträchtigen Betroffene nicht so sehr, dass sie damit zum Arzt gehen oder eine Therapie notwendig wäre.  Nur etwa 20 Prozent aller Betroffenen sind behandlungsbedürftig – bezogen auf die USA sind das trotzdem schätzungsweise 2,7 Prozent aller Bürger (Allen, 2005) und damit doch eine beachtliche Gruppe.

Die Forschung unterscheidet zwei Formen des Syndroms:

  • Primäres Restless Legs Syndrom: Das RLS kann nicht unmittelbar mit einer anderen Erkrankung in Verbindung gebracht werden. In diesem Fall wird es auch als idiopathisches RLS bezeichnet.
  • Sekundäres Restless Legs Syndrom: Das RLS geht mit einer Erkrankung feiner Nervenfasern (Small Fiber Neuropathie) oder anderen Nervenschädigungen – einem engen Spinalkanal, anderen spinalen Läsionen oder einer Multiplen Sklerose (MS) – einher. Auch bei Menschen mit einer Querschnittlähmung kann es daher zu verschiedenen Ausprägungen eines sekundären RLS kommen. Zu den häufigsten sekundären Formen gehören das RLS bei Urämie (das Auftreten von Substanzen im Blut, die eigentlich im Harn abtransportiert werden sollten, z. B. bei einer Nierenschwäche oder Nierenversagen), bei Eisenmangel und bei niedrigen Ferritinwerten (dem Speicherstoff für Eisen) sowie in der Schwangerschaft, bei Diabetes, Zöliakie, rheumatischer Arthritis oder entzündlichen Darmerkrankungen. Angststörungen oder Depressionen gehören ebenfalls dazu, wenn auch nicht geklärt werden kann, ob die unruhigen Beine eine Ursache für diese Erkrankungen sind oder eine Folge (Diener/DGN, Leitlinie RLS, 2012).

Die Häufigkeit des Syndroms, ein- oder beidseitig, nimmt mit dem Alter zu, es kann aber auch schon bei Kindern auftreten. Hier besteht die Gefahr, die Beschwerden mit Wachstumsschmerzen zu verwechseln oder sie einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) zuzuordnen.

Diagnostik

Die Diagnose RLS wird anhand der klinischen Symptome gestellt. Entscheidend ist

  • ein Bewegungsdrang der Beine (seltener der Arme) – meist in Verbindung mit sensiblen Störungen unterschiedlicher Qualität oder Schmerzen –,
    • der ausschließlich in Ruhe und Entspannung auftritt und
    • durch Bewegung gebessert oder vorläufig unterbrochen wird.
  • Schwankungen im Laufe des Tages mit Überwiegen der Symptome am Abend und in der Nacht sind Teil der Erkrankung.

In der Diagnostik gilt es, das RLS von eventuell bestehenden Nervenschädigungen oder -reizungen sowie Erkrankungen des Nervensystems abzugrenzen bzw. in diesem Zusammenhang einzuordnen. Auch typische Begleiterkrankungen oder Störungen sollen mit gezielten Untersuchungen erfasst werden. Dazu gehören:

Die Elektromyographie ist eine elektrophysiologische Methode in der neurologischen Diagnostik, bei der die elektrische Muskelaktivität gemessen wird, während die Elektroneurographie (ENG) in der Neurologie zur Bestimmung des Funktionszustands eines peripheren Nervs dient. Letztere erfasst unter anderem die Nervenleitgeschwindigkeiten und deren Verteilung.

Laboruntersuchungen Blutwerte, insbesondere die Bestimmung der Eisenspeicher (Ferritin) sowie Kreatinin und Harnstoff. Diese Stoffe sind selbst nicht schädlich. Ihre Konzentration im Blut gibt aber Auskunft über die Höhe anderer Substanzen, die zwingend mit dem Harn ausgeschieden werden müssen (harnpflichtige Substanzen) und im Zusammenhang mit einer Nierenfunktionseinschränkung stehen könnten.

Polysomnographie Bei dieser umfangreichen Untersuchung des Schlafes im Schlaflabor werden unterschiedliche Körperfunktionen kontinuierlich während der ganzen Nacht überwacht, um ein individuelles Schlafprofil zu erstellen.

Aktigraphie und Immobilisationstests Alternativ zu dem technisch aufwendigen Verfahren der Polysomnografie kann eine Messung des Fuß-Bewegungen durchgeführt werden. Nachteil dieses Verfahrens ist, dass es die Beinbewegungen nicht in Bezug zu den Schlafstadien erfassen kann. Eine andere Option sind Immobilisationstests zur Erfassung der Ausprägung der sensiblen Symptome und periodischen Bewegungen des Extremitäten im Wachzustand (PLM-Messung).

L-Dopa-Test Eine einmalige Gabe von 100 mg L-Dopa (enthält eine Aminosäure als Vorstufe der Botenstoffe von u. a. Dopamin) soll Rückschlüsse auf das Vorliegen eines RLS ermöglichen. Bessern sich die Beschwerden, kann bei bislang unbehandelten Patienten in 90% die vermutete Diagnose unterstützt werden. Bleibt eine Besserung aus, heißt das allerdings nicht, dass das Syndrom ausgeschlossen werden kann.

Therapie

Ist das RLS nur schwach ausgeprägt, können einfache Methoden kurzfristig helfen.

Die „Deutsche Restless Legs Vereinigung“ nennt hier:

  • Massagen
  • Kalte Duschen oder Fußbäder
  • Bürsten oder Einreiben der betroffenen Extremitäten mit Kühlgel oder kühlenden Salben
  • Wenn möglich Bewegung: Radfahren, Kniebeugen, Laufen
  • Verzicht auf Kaffee und Alkohol
  • Vermeiden von zu viel Wärme
  • Vermeiden von schwerer körperlicher Anstrengung und Stress

Sind die Missempfindungen mit solch einfachen Mitteln nicht in den Griff zu kriegen, braucht es ärztliche Beratung und ggf. eine grundlegende Diagnostik, um weitere mögliche Therapieansätze zu indizieren. – Die Diagnose RLS muss eindeutig sein. Behandelt werden Patienten, die aufgrund von  Schlafstörungen und Tagesmüdigkeit durch die Symptome des RLS in ihrer Lebensqualität so stark eingeschränkt sind, dass ein hoher Leidensdruck besteht.

Das RLS ist bislang nicht heilbar, kann aber in meist gelindert werden. Begleitend zu jeglicher Form der Therapie sollten aus der Balance geratene Blutwerte, die das RLS verstärken können, wieder ausgeglichen werden. Könnte das Syndrom als sekundäres RLS mit einer anderen Erkrankung in Verbindung stehen, so hat deren Behandlung, wenn sie denn möglich ist, Vorrang. Manchmal begünstigen auch Medikamente das Auftreten von Unruhe in den Extremitäten – verstärkende Medikamente sollten möglichst ausgetauscht werden.

Chancen und Probleme der Therapie mit L-Dopa

In einer Analyse verschiedener Studien (Diener, 2012) zeigte L-Dopa eine Reduktion der periodischen Beinbewegungen im Schlaf  (PLMS) und eine deutliche Besserung der Schlafqualität. Zugleich können dopaminerge Präparate charakteristische Nachteile mit sich bringen: „Während L-Dopa nicht aufdosiert werden muss und wenig Nebenwirkungen zeigt, besteht eine kürzere Wirkdauer als bei Dopaminagonisten sowie ein höheres Risiko, eine Augmentation zu entwickeln“ (Diener, 2012). Auch andere Quellen (Universitätsmedizin Göttingen, 2014 u. a.) weisen auf eine mögliche Augmentation als Problem der medikamentösen Behandlung hin. Darunter wird eine anhaltende Verschlechterung des Schweregrades der Symptome des RLS in Zusammenhang mit der Behandlung durch dopaminerge Medikamente verstanden. Das kann z. B. eine unerwünschte zeitliche Verschiebung der Beschwerden sein – sie treten dann früher am Tag auf – oder ihre Ausweitung auf andere Körperbereiche. Vermutet wird, dass die Augmentation mit der Dosierung von L-Dopa zusammenhängt. Unter anderem deshalb ist es wichtig, eine vom Arzt verschriebene Dosis nicht auf eigene Faust zu steigern.

 Kombinationstherapie

Erst wenn ein einzelnes Medikament keine ausreichende Wirkung mehr zeigt oder seine Nebenwirkungen zu stark sind, wird in schweren Fällen eine Kombinationstherapie in Erwägung gezogen. Auch natürliche und synthetische Substanzen, die dem Opium ähnlich sind (Opioide), z. B. das Schmerzmittel Oxycodon, wurden im Hinblick auf die Behandlung von RLS in Studien untersucht: „Nachdem für die Fixkombination aus retardiertem Oxycodon mit Naloxon (Targin®) eine Wirksamkeit bei vorbehandelten Patienten mit RLS nachgewiesen wurde, erfolgte im Mai 2014 die Zulassung dieses Präparates für das RLS“ (Wikipedia, 2014). In jedem Fall muss die medikamentöse Behandlung individuell auf die Bedürfnisse und Besonderheiten jedes einzelnen Patienten abgestimmt werden und sollte in der Hand eines Neurologen liegen, der Erfahrung in der Behandlung des RLS hat.

 

Weitere Informationen:

Deutsche RLS-Vereinigung e. V.: www.restless-legs.org

 

 

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