Bücher: Bewerbung mit Handicap

Die Diplom-Psychologen Jürgen Hesse und Hans-Christian Schrader sind ein versiertes Team, wenn es um Bewerbungsratgeber geht: Dutzende Titel rund um die erfolgreiche Jobsuche haben sie schon publiziert und sich unter anderem auch der Arbeitssuche mit einer Behinderung gewidmet.

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Bewerben sich Menschen mit einem Handicap anders? Welche Fragen müssen sie berücksichtigen? Und welche Rechte sollten sie kennen? Jürgen Hesse und Hans-Christian Schrader befanden, dass die Situation von Menschen, die sich mit besonderen Einschränkungen auf die Suche nach einem (Traum-)job machen, eine ganz spezielle ist, und schrieben mit „Bewerbung mit Handicap – Stärken betonen – Selbstbewusst auftreten – Traumjob erobern“ einen Ratgeber für diese Zielgruppe.

Strategien

„In unserer Arbeitsgesellschaft ist die Bereitschaft, jemanden einzustellen, der eine deutliche Behinderung hat, der gesundheitlich stark beeinträchtigt ist, nicht besonders ausgeprägt“, stellen sie voraus und spielen unterschiedliche Strategien durch, um dem Spannungsfeld von gesundheitlichem Problem auf der einen Seite und hohem Leistungsanspruch auf der anderen sowie realen und irrealen Befürchtungen vorausschauend zu begegnen:

  1. „Sie legen Ihre Beeinträchtigung offen, sofort oder später.“ – Wer seine Schwerbehinderung in der Bewerbung angibt, kann davon ausgehen, dass er auch zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wird, insbesondere im Öffentlichen Dienst. Arbeitgeber laufen ansonsten Gefahr, belegen zu müssen, dass es sich nicht um eine Diskriminierung handelt. – Es sei denn, der Bewerber scheidet von vornherein als völlig ungeeignet eindeutig aus. Formulierungshilfen, um ein Handicap im Anschreiben zu platzieren, bieten Hesse und Schrader an späterer Stelle an.
  2. „Sie verschweigen Ihr Handicap.“ – Das ist eine Strategie, die nur infrage kommt, wenn ein Handicap nicht offensichtlich ist. Die Autoren widmen dem „Ver-Schweigerecht“ ein eigenes Kapitel
  3. „Sie spielen Ihr Problem herunter. – Geht nur, wenn die Einschränkung die Arbeitsleistung tatsächlich nicht wesentlich beeinträchtigt.
  4. „Ein ganz anderer Weg.“ – Nicht selten machen sich Personen mit einem Handicap selbstständig – weil sie auf dem freien Arbeitsmarkt keine Anstellung finden und/oder selbstständig flexibler sind, auch im Hinblick auf die Organisation von Therapien oder speziellen Bedürfnissen. Doch das ist ein anderes Buch.
  5. „Sie geben auf.“ – Was sich zunächst brachial anhört, kann eine extreme Situation entschärfen und dürfte in vielen Fällen der Realität entsprechen, wenn Arbeitssuchende in die verzweifelte Lage geraten, ein ums andere Mal abgelehnt zu werden. Das „Aufgeben“ bedeutet im Sinne der Autoren zwar einen Stopp der Bewerbungsbemühungen, zugleich aber auch die Hinwendung zu neuen Aufgaben, z. B. im Ehrenamt. Eine Verschnaufpause, um neue berufliche Kompetenzen zu erwerben und es ggf. später mit neuem Mut erneut zu versuchen.

Selbstvermarktung unter besonderen Vorzeichen

In der Sache selbst sei Bewerben mit Handicap gar nicht so anders, so Hesse und Schrader. Wie bei Nicht-Behinderten ginge es auch hier um Kompetenz, Leistungsmotivation und Persönlichkeit. Viele Herausforderungen im sich-gut-Verkaufen gelten allgemein und begleiten jeden, der eine geeignete Stelle finden will. Hier breiten Hesse und Schrader ihr klassisches Repertoire aus. – Von der Recherchestrategie über die Bewerbungsunterlagen bis hin zum Vorstellungsgespräch lassen sie den Leser an ihren Erfahrungen und Empfehlungen teilhaben:

  • Welche Bewerbungsstrategie ist die geeignete?
  • Bewerbungsunterlagen: Lebenslauf, Anschreiben, evtl. „Dritte Seite“, Zeugnisse, Gestaltung, Verpackung und Versand
  • Vorstellungsgespräch
  • Nachbereitung
  • Gehaltsverhandlungen

Ihre weitgehend universell geltenden Ratschläge und die Gegenüberstellung verschiedener Möglichkeiten sind angereichert mit Beispielen, aber auch mit Hinweisen für die Momente, in denen die Frage der persönlichen Einschränkung doch wieder wichtig wird: „In der Tendenz plädieren wir für einen späteren Zeitpunkt der Offenlegung Ihres Handicaps, vielleicht sogar erst, wenn Sie im Vorstellungsgespräch sind“, kommentieren Jürgen Hesse und Hans-Christian Schrader Überlegungen zum Bewerbungsschreiben und kommen im Kapitel über das Vorstellungsgespräch wieder darauf zurück: „Es ist sehr unwahrscheinlich, dass man direkt mit Ihnen ins Gespräch kommt und gleich als Erstes Ihren Rollstuhl anspricht, z. B.: Ich kann mich jetzt gar nicht erinnern, dass ich in Ihren Unterlagen gelesenen habe, Sie sind Rollstuhlfahrer … (oder setzen Sie ein anderes Handicap ein wie z.B. Blindheit). Wenn das aber passiert, dann dürfen Sie Ihr Gegenüber freundlich anlächeln und mit Unschuldsmine und sehr sanfter Stimme in nahezu verständnisvollem Ton fragen: Ist das ein Problem für Sie?“

Dieses Szenario münzen Hesse und Schrader ebenso auf Arbeitgeber, die ganz unverblümt reagieren: „Nein, so können Sie hier nicht arbeiten!“ In jedem Fall brauchen Bewerber jetzt wohlüberlegte Formulierungen, warum das eben doch sehr gut möglich ist und darüber hinaus die Probleme des potenziellen Arbeitgebers effektiv lösen könnte. Nicht nur an dieser Stelle beschreiben die Autoren hilfreiche Gesprächsführungsstrategien, die auch die Perspektive des Unternehmers berücksichtigen.

 

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Hesse, J./Schrader, H-C.: Bewerbung mit Handicap – Stärken betonen – Selbstbewusst auftreten – Traumjob erobern,

Stark Verlagsgesellschaft, Berlin, 2012. ISBN: 978-3866685963, 256 S., 16,95 Euro.